Es gibt einen einfachen Grund, weshalb Cartoonfiguren wie Bugs Bunny oder Road Runner und Wile E. Coyote uns auch als Erwachsene immer wieder begeistern: sie sind auf ihre einfache Art einfach großartig und sprechen uns auf unterschiedlichen Eben an, von denen die Nostalgieebene, die uns in unsere Kindheit zugversetzt, die maßgeblichste ist. Darüber hinaus sind sie eine nahezu unerschöpfliche Quelle der Kreativität und Albernheiten. Cartoons sind eben für alle da, nicht nur für Kinder, und somit ein wichtiger Bestandteil öffentlicher Kunst.
Und genau da setzte der große New Yorker Künstler Keith Haring an. Sollten Sie jemals eine Umfrage unter New Yorkern durchführen, die Anfang der 1980er Jahre in ihrer Stadt mit der U-Bahn gefahren sind, dürfte es Ihnen schwer fallen, jemanden zu finden, dem die simplen weißen Kreidezeichnungen auf mattschwarzem Papier, das leere Werbetafeln verdeckte, nicht vertraut wären. Denn so kommunizierte Keith Haring zu jener Zeit mit einem breiteren Publikum, das er schon länger hatte erreichen wollen. Schon bald war so ziemlich jede leere Werbetafel, derer er habhaft werden konnte, mit seinen ikonischen Zeichnungen verziert, wodurch der Künstler zu einem festen Bestandteil des täglichen Pendelverkehrs in New York wurde. Um auch wirklich omnipräsent zu sein, schuf er manchmal bis zu 40 Zeichnungen an nur einem einzigen Tag.

"In den späten 1970er Jahren gab es eine starke Do-It-Yourself-Mentalität und heftige Kritik an den Kunstinstitutionen, vor allem was die verschachtelte, minimalistische und politische Kunst betraf. Die Künstler wollten die Dinge selbst in die Hand nehmen und sich durch die Kommunikation mit der Öffentlichkeit direkt ausdrücken", erklärt John Peter Nilsson, Kurator am Stockholm Modern Museum in einem Gespräch mit Barnebys.
Einen gewaltigen Aufschwung erlebte zu jener Zeit die East Village Art-Bewegung. Der starke Kontrast zwischen dem heruntergekommenen East Village und dem schicken SoHo lieferte der DIY-Kunstszene täglich neuen Zündstoff. Künstler wie Keith Haring und Jean-Michel Basquiat hatten zwar jeweils einen akademischen Hintergrund - Haring besuchte Ende der 1970er Jahre die Ivy School of Professional Art in Pittsburgh - waren aber immens von der Street Art und der Graffiti-Kunst, die sie umgab, inspiriert. Kunstgalerien präsentieren reine Graffiti-Künstler aus der Bronx und Künstler wie David Sally und Julian Schnabel gingen unkonventionelle Wege und schufen Kunstwerke auf Samt oder zerbrochenem Porzellan.
"Diese Werke waren Brutal und irgendwie hässlich, fast antiästhetisch", fügt John Peter Nilsson hinzu. "Keith Haring wollte die Barriere zwischen Künstler und Öffentlichkeit beseitigen, indem er seine Kunst in den öffentlichen Raum brachte, ohne dass eine Galerie die Rolle des Vermittlers übernahm. The Radiant Child, sein Barking Dog und andere wiederkehrende Symbole wurde zu winzigen Geschichten kombiniert, die sehr oft durch Herings eigenes Leben inspiriert waren."
Keith Haring (1958-1990) wuchs in einem religiösen Elternhaus auf - seine Familie besuchte regelmäßig die Gottesdienste der Church of God-Gemeinde - und hatte eine liebevolle Mutter. Sein Vater arbeitete als Ingenieur und betätigte sich als Hobbyzeichner. Nachdem sich die USA in den 1960er Jahren durch den Vietnamkrieg und die Rassenunruhen mit einer kulturellen Gegenbewegung auseinandersetzen mussten, beschloss auch Haring, mit seiner Kunst einen modernen Weg zu gehen und sie für diejenigen einzusetzen, die von der Obrigkeit unterdrückt wurden.

Nachdem er Anfang der 1980er Jahre nach New York gezogen war, wurde er dort Teil der Underground-Kunstszene mit Künstlern wie Basquiat und Kenny Scharf. Inspirieren ließ er sich aber auch von Andy Warhol und Christo, dem realistischen Maler Robert Henri und dem Autor William S. Burroughs. Keith Haring begann, seine äußerst einflussreiche Karriere zu gestalten.
Keith Haring wollte die Barriere zwischen Künstler und Öffentlichkeit beseitigen, indem er seine Kunst in den öffentlichen Raum brachte.
Seine erste Einzelausstellung fand bereits 1981 im Westbeth Painter's Space statt. Im folgenden Jahr gab Haring sein SoHo-Galeriedebüt in der Tony Shafrazi Gallery, wo seine Einzelausstellung breite Anerkennung fand und während ihrer Laufzeit große Popularität erlangte. In der ersten Hälfte der achtziger Jahre zeigte Haring Ausstellungen an zahlreichen Orten in den USA, u.a. auf der Whitney Biennale, aber auch auf der Documenta 7 in Kassel und der São Paolo Biennale sowie mehreren anderen Orten auf der ganzen Welt.

Keith Haring arbeitete jedoch nicht nur an seiner öffentlichen Kunst und Galeriewerken, sondern er schuf auch eine spektakuläre Animation für eine Werbetafel am Times Square, arbeitete an Theaterkulissen, entwarf Uhrendesigns für Swatch sowie eine Werbekampagne für Absolut Vodka. Er setzte seine Arbeit an Werken, die eine soziale Botschaft vermittelten, in den 1980er Jahren fort und setzte sein Können auch für wohltätige Zwecke ein, z. B. für Krankenhäuser und Kindergärten. Es war ein fester Bestandteil seiner Agenda.

1986, jenem Jahr, in dem er sein berühmtes Crack is Wack-Wandbild an der East 128th Street nahe dem Harlem River Drive schuf, eröffnete Haring seinen Pop Shop in SoHo. Dort begann er, T-Shirts und andere Souvenirs zu verkaufen, die mit seinen ikonischen Figuren verziert waren. Für ihn war der Laden und die darin verkauften Gegenstände genauso wichtig wie seine "echte" Arbeit und er sah keinen deutlichen Unterschied zwischen einem seiner Wandgemälde und einer Kaffeetasse mit einem seiner Kunstwerke darauf. Kritik blieb natürlich nicht aus und Kunstkritiker und Kuratoren in aller Welt waren der Meinung, dass dieser Ansatz viel zu kommerzielle sei.
"Vor Kurzem habe ich einen 8-jährigen mit einem Keith Haring-Sweatshirt gesehen. Egal, welche Meinung man vertritt, Tatsache bleibt, dass mit dem Geld aus diesen Verläufen noch immer wohltätige Zwecke unterstützt werden. Das Risiko besteht nur darin, die Arbeit so überzubelichten, dass es eine Art Schatten auf den Künstler wirft. Dennoch war es immer sein Ziel, möglichst viele Menschen zu erreichen", sagt John Peter Nilsson. Auch 30 Jahre nachdem Keith Haring an AIDS gestorben ist, stößt seine Kunst noch immer auf Resonanz bei einem großen Publikum - eine Beziehung, die vom Künstler selbst in den U-Bahn-Stationen von New York angestoßen hat.
"Er war kein reiner Popkünstler, genauso wenig, wie Warhol einer war. Seine Arbeit hatte immer ein gesundes Maß an sozialem Bewusstsein, in dem Themen wie Entfremdung im Allgemeinen und Harings eigene Sexualität im Besonderen präsent waren", sagt Nilsson. "Entfremdung war ein Thema, mit dem sich damals viele Menschen befassten, und Haring war in der Lage, dieses Thema durch seine Arbeit zu kommunizieren. In ihr stößt man auf Elemente aus Comics, Cartoons und Scheins Fiction - es ist fast wie eine Metapher, die ein großes unbekanntes, uns alle betreffendes Gefühl vermittelt."

Ein Gebäude mit Kunst von Keith Haring, das kürzlich Aufmerksamkeit erregte, war ein katholisches Jugendzentrum in Manhattan. Das Treppenhaus war von Haring mit einigen seiner ikonischen Figuren wie The Radiant Child und The Barking Dog bemalt worden.
Haring führte die Arbeit 1983 aus. Als 35 Jahre später entschieden wurde, dass das Gebäude renoviert und einen Apartmentkomplex umgewandelt werden sollte, wurden die Bilder in mehreren Teilen von den Wänden abgetragen.
Der Besitzer des Gebäudes, die Ascension Church, gab mehr als 850.000 USD aus, um 13 Figuren von Restauratoren sorgfältig entfernen zu lassen. Die Wandstücke wurden anschließend bei Bonhams versteigert. Die Ascension Church bestimmte, dass der Großteil der Einnahmen an die Keith Haring Foundation gespendet werden sollte, doch die Stiftung zeigte sich enttäuscht über den Umgang der Kirche mit der Situation: "Dieses Wandgemälde war nicht dafür vorgesehen, in den Besitz eines Sammlers zu gelangen. Es war dafür vorgesehen, einen Raum voller Kinder freundlicher zu gestalten." Eine Ansicht, die Haring bestimmt direkt aus dem Herzen gesprochen hätte. Der Schätzpreis für die 13 Teile lag bei 3 bis 5 Millionen USD, erzielt wurden schließlich am 13. November 2019 3,86 Millionen USD.

Die Bemühungen seitens der Ascension Church und der Wert dieser besonderen Stücke geben Einblick in die Bedeutung, die Haring auch im 21. Jahrhundert noch immer hat. Weitere, in den letzten Jahren versteigerte Werke Harings bestätigen das: 2017 wechselte ein titelloses Monumentalwerk des Künstlers bei Sotheby's für 6,5 Millionen USD den Besitzer. Im Mai 2019 gab es bei Christie's für Silence = Death 5,6 Millionen USD, im November 2018 zahlte der Höchstbietende für Sister Cities - For Tokyo 4,45 Millionen USD.

Obwohl Keith Harings Karriere vor drei Dekaden nach nur zehn Jahren endete, schwingen seine Arbeiten und die darin präsentiere einfache Ästhetik noch bis in die heutige Zeit hinein.



