Nintendo ist eines der vielseitigsten Unternehmen der Welt. Tatsächlich existiert es bereits seit 1889 und zeichnet sich verantwortlich für Generationen von Kindererinnerungen an fantastische (Video)spiel-Erlebnisse. Einer der führenden Männer bei Nintendo in den 1980er und 1990er Jahren war Gunpei Yokoi, der vor allem für die revolutionäre Erfindung des ersten Handheld-Spielesystems Game & Watch und anschließend des legendären Game Boy bekannt ist, 1997 jedoch, im Alter von erst 56 Jahren, auf tragische Weise bei einem Autounfall ums Leben kam.

Man mag es sich kaum vorstellen, doch ohne Gunpei Yokoi wäre die Videospielewelt, die wir heute kennen, eine andere. Game & Watch war das erste Handheld-Videospielesystem und das als D-Pad bekannt gewordene Steuerkreuz, das ebenfalls von Yokoi erfunden wurde, wird seitdem von jedem Videospiel von Nintendo verwendet. „Wir alle wissen, dass das D-Pad eine entscheidende Erfindung für die Entwicklung elektronischer Geräte im Allgemeinen war, da wir sie immer noch auf fast jedem Gamecontroller, jeder Fernbedienung oder jedem Mobiltelefon finden können“, sagt der 38-jährige Schweizer Ursin Lutz, wissenschaftlicher Redakteur für das romanische Enzyklopädie-Wörterbuch Dicziunari Rumantsch Grischun, der seit sieben Jahren Game & Watch sammelt.

Alles begann im Jahr 1965, als der damals 24-jährige Gunpei Yokoi seinen Abschluss im Fach Elektronik machte und von Nintendo für die Wartung der firmeneigenen Maschinen eingestellt wurde. Seine erste Aufgabe bestand darin, die Fließbänder zu überwachen, mit denen die Hanafuda-Karten, japansiche "Blumenkarten", mit denen verschiedene Spiele gespielt werden, hergestellt wurden. Eines Tages besuchte Nintendo-Präsident Hiroshi Yamauchi die Fabrik, in der Yokoi arbeitete. Yamauchi bemerkte ein kleines Spielzeug, das Yokoi zwischen der Wartung der Maschinen hergestellt hatte: einen ausziehbaren Arm mit einem Über-Kreuz-Design, bei dem eine Zange an der Spitze zum Aufnehmen kleiner Gegenstände verwendet wurde. Yamauchi gefiel das Spielzeug und gab Yokoi den Auftrag, eine richtige Version seines Spielzeugs herzustellen, da er es für genau das richtige Produkt für das bevorstehende Weihnachtsgeschäft hielt. Diese Ultra-Hand war das erste von mehreren taktilen Spielzeugen und Geräten, die Gunpei Yokoi in den 60er und frühen 70er Jahren für das japansiche Unternehmen entwarf.
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1974 erweiterte Nintendo seine Produktion mit Videospielen. Deren Entwicklung wurde Yokoi anvertraut. Nach Genyo Takeda, den Yokoi einige Jahre zuvor selbst eingestellt hatte, war er der zweite Videospieldesigner des Unternehmens. Eines Tages fiel Yokoi in einem Nahverkehrszug ein Mann auf, der an seinem Taschenrechner herumfummelte und auf unmotiviert dessen Tasten drückte. Ihm kam der Gedanke, wie unnötig es doch war, sich im Pendelverkehr von Kyoto so zu langweilen. Gunpei Yokoi begann nachzudenken und Skizzen anzufertigen, was schließlich zur Erfindung des Game & Watch fürchte, dem weltweit ersten Handheld-Spielesystem, das 1980 zunächst in Japan und anschließend global auf den Markt kam (in Westdeutschland und Österreich auch unter dem Namen Tricotronic).

Ab dem 28. April wurden 1980 insgesamt fünf verschiedene Game & Watch-Konsolen der sogenannten Silver-Serie - benannt nach der Farbe der Gehäuse - veröffentlicht. Die Gold-Serie kam Ende Januar 1981 dazu, was die Silver-Serien bei Sammlern begehrter macht. Die anschließend folgende Widescreen-Serie wurde in größeren Mengen verkauft und ist bis heute weit verbreitet. Mit ihr hatte Nintendo seine eigentliche Bestimmung gefunden.

Schließlich stellte Gunpei Yokoi fest, dass in den Serien Silver, Gold und Widescreen etwas fehlte. Im Mai 1982 wurde der Multiscreen eingeführt, der mit dem Spiel Oil Panic ausgestattet war. Aber es ist das zweite Spiel der Multiscreen-Serie, die legendäre orangefarbene Handheld-Konsole mit zwei Bildschirmen, an das sich die Leute wirklich erinnern: Donkey Kong.
"Das war das erste elektronische Spiel mit einem D-Pad", erklärt Ursin Lutz. Lutz hatte in den späten 1980er Jahren, an der Schwelle zu seinen Teenagerjahren zwei oder drei Spiele zum Geburtstag bekommen. Er spielte sie, vergaß sie dann jedoch schnell.

"Erst viel später, als ich den Dachboden meiner Elter durchstöberte, fand ich sie wieder. Da begann wahrscheinlich mein Sammelwahnsinn", sagt Lutz und erinnert an die anfängliche Attraktivität der Spiele: "Ich erinnere mich an das glänzende Aussehen, den Sound und das sehr unterhaltsame, aber herausfordernde Gameplay, das einige Spiele hatten. Ich beziehe mich besonders auf Mickey & Donald, Lifeboat und Bomb Sweeper. Damals waren diese Spiele die besten tragbaren elektronischen Spiele, die man bekommen konnte.“
Kestrel Lee, seines Zeichens Sammler seit 16 Jahren, sagt: „Für Sammler ist das Sammeln von Game & Watch auch eine Möglichkeit, verborgene Geheimnisse aufzudecken, wie Nintendo in den 1980er Jahren die Welt eroberte. Jüngste Entdeckungen für länderspezifische Ausgaben wie Korean Game & Watch und die französische Limited Edition-Promo Game & Watch haben bei Sammlern neues Interesse geweckt.“

In den 1980er Jahren war Gunpei Yokoi DER Mann bei Ninento, der Spiel für Spiel für die Game & Watch-Serie entwickelte, die immer beliebter wurde. Charaktere wie Donkey Kong und Mario wurden in dieser Zeit geboren und jetzt, rund 40 Jahre später, noch immer populär. Yokoi war auch der Erfinder der Spiele Kid Icarus und Metroid und entwickelte den Nachfolger von Game & Watch, den Game Boy, mit. Seine letzte Konsole, die er für Nintendo entwickelte, der Virtual Boy, war jedoch ein kommerzieller Misserfolg und wurde angeblich nur von Nintendo auf den Markt gebracht (1995), damit sich das Unternehmen in Ruhe auf seine bisher revolutionärste Videospielkonsole konzentrieren konnte: Nintendo 64.
Gunpei Yokoi verließ Nintendo Mitte des Jahres 1996, nachdem er 31 Jahre lang ein engagierter Mitarbeiter gewesen war. Im darauffolgenden Jahr hatten Yokoi und sein Kollege Etsuo Kiso auf dem Hokuriku Expresway einen Auffahrunfall mit einem Lastwagen. Yokoi und Kiso verließen ihr Auto, um den Schaden zu begutachten. Dabei wurde Yokoi nacheinander von zwei vorbeifahrenden Autos erfasst und so schwer verletzt, dass man zwei Stunden später nur noch seinen Tod feststellen konnte.
"Es ist wirklich bemerkenswert, was Yokoi in seinem kurzen Leben erreicht hat: die Game & Watch-Serie, den Game Boy, die Charaktere Donkey Kong und Mario Bros. sowie die Spieleserie Metroid und Kid Icarus. Man kann nur spekulieren, was ohne diesen Verkehrsunfall noch alles hätte sein können. Jeder weiß, dass Yokois letztes Projekt für Nintendo der Virtual Boy war, der zu einer wirtschaftlichen Katastrophe führte. Nachdem er Nintendo verlassen hatte, gründete er eine neue Firma und arbeitete am Bandai WonderSwan, der als verbesserte Version des Game Boy konzipiert wurde. Persönlich denke ich jedoch, dass er eigene Projekte verfolgte, anstatt nach neuen Errungenschaften zu suchen“, sagt Lutz.

Des Weiteren erzählt Lutz, dass Satoru Iwata, von 2002 bis 2015 CEO von Nintendo, erklärte, "dass Yokois Philosophie seit jeher ein Teil von Nintendo war, die er an seine Schüler wie Miyamoto [Shigeru Miyamoto, Schöpfer von Donkey Kong und Mario, Anm. de. Red.] weitergab, und die sich deutlichen neueren Projekten wie Nintendo DS, Nintendo Wii und natürlich Nintendo Switch widerspiegelt."

Das Sammeln von Game & Watch ist den letzten zehn Jahren immer beliebter geworden, wie Ursin Lutz bestätigt: "Eine große Anzahl der Spiele ist in Wohnzimmern, Kellern, Schränken oder Kisten auf der ganzen Welt versteckt. Das macht es schwierig, überhaupt noch Exemplare in sehr gutem und vollständigen Zustand oder sogar im NOS-Zustand (New Old Stock) zu finden. Beim Sammlern geht es Leuten wie mir darum, die am schwersten zu findenden Objekte zu suchen, was bedeutet, dass jede Game & Watch-Konsole in NOS-Qualität sehr gefragt ist." Ebenso gibt es einen großen und in den letzten Jahren immer beliebter gewordenen Markt für nur in bestimmten Ländern erschienene Game & Watch-Spiele, "darunter die französische Serie von J.i21 mit französischen Schachteln, Bedienungsanleitungen und sogar mit französischer Tastenbeschriftung, die australischen Spiele von Future Tronics oder die britischen Spiele von CGL, die mit ihren jeweiligen Logos gekennzeichnet sind. Dann gibt es noch die von Giochi importierten italienischen Spiele Preziosi oder OTO mit ihren bunten Siegeln auf den Schachteln und italienischen Handbüchern mit übersetzten Titeln, wie La fuga di benzina für Oil Panic."
Wie bei allen Sammlerstücken geht es auch hier ein wenig "nerdig" zu. Und obwohl Ursin Lutz' persönliche Sammlung seiner Meinung nach "schon ziemlich erschöpfend" ist, ist er stets bemüht, seine Pocketsize-Sammlung zu vervollständigen: "Es fehlen nur drei Spiele: Oil Panic, Punch Out!! und Donkey Kong Hockey. Natürlich bin ich auch immer auf der Suche nach NOS-Spielen, um einzelne Titel in meiner Standard-Sammlung zu aktualisieren."

Doch welche Spiele sind eigentlich die wertvollsten in Lutz' Sammlung? "Zu den wertvollsten Stücken meiner Sammlung gehören Octopus Pocketsize, Mario the Juggler in einer versiegelten Blisterpackung des schwedischen Importeurs Bergsala und eine leere Versandschachtel, in der früher zehn Einheiten Crystal Climber aufbewahrt wurden. Ich bin auch immer sehr glücklich, wenn ich Teile finde, entweder Schachteln oder Spiele oder sogar Quittungen, die auf die Schweiz hinweisen.“
Darüber, wie die Videospielewelt - und vielleicht auch die Welt der Mobiltelefone - ohne Gunpei Yokoi heute aussehen würde, denkt Ursin Lutz: "Ich bin mir ziemlich sicher, dass mehrere japanische Unternehmen wie Sharp und Sony in den frühen 1980er Jahren kurz davor standen, tragbare Videospiele zu entwickeln. Aber wir werden nie wissen, was ohne das Genie von Gunpei Yokoi passiert wäre. Vielleicht würden wir immer noch Brettspiele spielen und Festnetztelefone benutzen.“




