Der in England "Omai" genannte Mai (1753-1780) stammte von der heute zu Französisch-Polynesien gehörenden Insel Rariatea und begleitete Captain James Cook auf dessen zweiter Pazifikreise von Tahiti nach England zurück. Nachdem die HMS Adventure 1774 in London eingetroffen war, zog Mai schnell viel Aufmerksamkeit auf sich und fand sich alsbald in der Gesellschaft illustrer Persönlichkeiten wie dem Präsidenten der Royal Society und der Schriftstellerin Fanny Burney wieder. Er traf sogar König George III., dessen "Principal Painter in Ordinary" Joshua Reynolds war. Dieser malte dann auch während Mais zweijährigen Aufenthalt in London jenes majestätische Porträt des Gasts aus fernen Ländern, das diesen unsterblich machte.
Mit einer Höhe von zweieinhalb Metern hat Reynolds Portrait of Mai einen besonderen Platz in der Geschichte, zeigt es doch den ersten Polynesier auf den Britischen Inseln. Mais eindrucksvolle Gestalt ist barfuß vor einer arkadischen Landschaft dargestellt, gekleidet in einer Toga aus traditionellem Tapa-Stoff und einer türkisch oder indisch inspirierten Kopfbedeckung. Die Pose war inspiriert vom Apollo Belvedere und hebt besonders die Tätowierungen an Mais Händen hervor.
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Für einige feiert Reynolds Porträt von Mai eine progressive Idee des Globalismus und des kulturellen Austauschs; für andere spielt die stark stilisierte Wiedergabe von Mai mit kolonialistischen Vorstellungen vom „edlen Wilden“, die mittlerweile relativiert wurden. Die meisten Gelehrten sind sich jedoch darin einig, dass es sich um eines der besten Gemälde des Künstlers handelt, der diese komplexe Begegnung der Kulturen mit Würde und Autorität einfing.
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Gemalt im Jahr 1776, als sich Reynolds auf der Höhe seines künstlerischen Könnens befand, wurde das Porträt noch im selben Jahr gemeinsam mit elf weiteren in der Royal Academy in London ausgestellt. Da sich jedoch kein Käufer finden ließ, verblieb das Werk bis zu Reynolds Tod im Jahr 1792 in dessen Atelier.
Anschließend durchlebte das Gemälde eine komplizierte Eigentümergeschichte. 1796 wurde es versteigert und vom Kunsthändler Michael Bryan für 100 Guinees erworben. Dieser verkaufte es weiter an den Kunstsammler Frederick Howard, wodurch Castle Howard für die nächsten 200 Jahre zum Zuhause von Mais Bildnis wurde. Erst im Jahr 1754 war wieder öffentlich zu sehen, in einer Ausstellung der Royal Academy.

1984 bot es einer der Nachfahren Howards zum Verkauf an, doch die Tate Gallery weigerte sich, die geforderten 5,5 Millionen GBP zu zahlen. 2001 wurde es bei Sotheby's versteigert und vom Kunsthändler Guy Morrison für 10,3 Millionen GBP erworben, was einem neuen Rekordpreis für Reynolds entsprach. Zudem war es der zweithöchste Hammerpreis, der bis dahin für das Werk eines britischen Künstlers gezahlt worden war.
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Kompliziert wurde es, als es vom irischen Geschäftsmann John Magnier erworben wurde, der 2002 den Export beantragte, um es bei einer Auktion anzubieten, doch die Regierung des Vereinigten Königreichs verweigerte die Ausfuhrerlaubnis. Die Tate Gallery bekundete erneut ihr Interesse und wollte die diesmal geforderten 12,5 Millionen GBP zahlen, doch Magnier lehnte es ab, zu verkaufen.
Bis 2005 verblieb das Porträt im Lager von Christie's, während sich die britische Regierung nach wie vor weigerte, eine permanente Exportlizenz auszustellen.
Im vergangenen Jahr wurde das Gemälde auf 50 Millionen GBP neu bewertet, während es sich noch auf einer erweiterten Exportliste befand. Um das Porträt in Großbritannien zu behalten, organisierte die National Portrait Gallery eine Finanzierungskampagne zum Kauf des Gemäldes, doch verschiedene Kunstfonds und private Spender konnten nur die Hälfte der benötigten Summe aufbringen. Da begannen Gespräche mit dem Getty Museum in Los Angeles.
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Am 31. März 2023 gaben die National Portrait Gallery und das Getty Museum schließlich den Plan bekannt, das Gemälde gemeinsam kaufen und sich die Eigentümerrechte teilen zu wollen. Das bedeutet, das das Porträt mindestens die Hälfte der Zeit in England verbleiben wird, während es sowohl in London als auch in Los Angeles ausgestellt werden wird. Reynolds Portrait of Mai (Omai) soll nach der Wiedereröffnung am 22. Juni in der National Portrait Gallery ausgestellt werden, nachdem umfangreiche Renovierungsarbeiten am Gebäude abgeschlossen sind. Dann wird es voraussichtlich während der Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles im Getty ausgestellt.
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„Das Porträt ist sowohl in der britischen als auch in der Weltkultur einzigartig und befand sich noch nie in einer Museumssammlung: Jetzt hat es das Möglichkeit, in gleich zweien zu sein, eines mit Blick auf den Pazifik, aus dem Mai kam, und das andere nur wenige Meter von Reynolds Atelier entfernt, wo es gemalt wurde", kommentierte Nicholas Cullinan, Direktor der National Portrait Gallery.
Timothy Potts, Direktor des J. Paul Getty Museum, fügte hinzu: „Reynolds‘ Portrait of Mai ist sowohl eine Ikone der britischen Porträtmalerei als auch eine einzigartig edle Darstellung einer Person of Color von den pazifischen Inseln – einer Region, die zu Mais Zeiten von Großbritannien und anderen europäischen Nationen kolonisiert wurde. Reynolds stellt sein Motiv in einer Pose dar, die zugleich wohltätig und gebieterisch ist, frei nach dem Vorbild einiger berühmter antiker römischer Skulpturen.“

