Schlendert man durch ein Museum oder blättert in einem Auktionskatalog, fallen einem immer mal wieder Objekte ins Auge, deren Name oder Bezeichnung hinter der Stirn ihres Betrachters ein imaginäres Fragezeichen heraufbeschwören. In diese Kategorie fällt ganz klar die Dame vom Mops-Orden, eine zarte Porzellanfigur, deren Modell Mitte des 18. Jahrhunderts in der Manufaktur Meissen geformt wurde.
Die Figur zeigt eine vornehme Dame in einem typischen Gewand jener Epoche, das von einem geblümten Manteau dominiert wird. Ihr hochgestecktes Haar verbirgt sie unter einem Spitzenhäubchen, um ihren Hals schmiegt sich ein mit einer Schleife verziertes Band. Doch ist die Dame nicht allein: Im Arm hält sie einen Mops, der es sich zusätzlich auf dem von Paniers seitlich unterstützten Kleid bequem macht. Ein weiterer Vertreter der Rasse ruht zu Füßen seiner Herrin und schaut mit großen Augen zu ihr hoch. Dame mit zwei Mops-Hunden hätte die Figur doch einfach heißen können. Wie kam es nur zu der ominösen Bezeichnung Dame vom Mops-Orden?
Lesen Sie auch: Die Kunst der Mode - Mode in der Kunst

Um diesem Geheimnis auf die Spur zu kommen, muss man sich zunächst den sagenumwobenen Freimaurern zuwenden. Von England aus verbreitete sich die Geheimgesellschaft, die keine sozialen oder religiösen Schranken kannte, in dem im 18. Jahrhundert von der Aufklärung geprägten Europa. Verschwiegenheit laute das oberste Gebot und so wundert es nicht, dass die Freimaurer schon bald auf Argwohn bei der Katholischen Kirche stießen, die vermutete, dass es bei den geheimen Treffen gar zu häretischen Handlungen kam. 1738 verbot Papst Clemens XII. jedem Katholiken, den Freimaurern beizutreten und drohte bei Zuwiderhandlung mit Exkommunikation.
Lesen Sie auch: Malleus maleficarum: Anleitung zum Hexenwahn
Um dieses Risiko zu umgehen, aber dennoch nicht auf die Vorzüge der Mitgliedschaft in einem Geheimbund verzichten zu müssen, musste eine Alternative her: Die Geburtsstunde des Mops-Ordens, dessen Gründer 1740 angeblich Bayerns regierender Herzog Clemens August (1700-1761) gewesen sein soll. Anders als bei den Freimaurern, waren beim Mops-Orden auch Frauen zugelassen, was durchaus dem Trend der Zeit entsprach, in der es bereits in Frankreich und andernorts Frauengesellschaften gab, die sich an den sie verschmähenden Freimaurern orientierten.
Doch weshalb wählte man ausgerechnet den Mops als Namenspatron und Symbol? Der Mops-Hund stammt ursprünglich aus China, wo sein Besitz der kaiserlichen Familie vorbehalten war. Im 16. Jahrhundert kamen die ersten Möpse mit den Schiffen der Niederländischen Ostindien-Kompanie nach Europa, wo die putzigen kleinen Hunde schnell zu beliebten Begleitern der Damenwelt avancierten, die sie für ihre besondere Treue zu schätzen wusste – einige Eigenschaft, die von den Mitgliedern des Ordens ebenfalls erwartet wurde. Der Mops bewegte sich also in höchsten Kreisen, genau jenen, in denen auch der Mops-Orden entstand. Die Mitglieder des Ordens besaßen lebendige Möpse und trugen verdeckt als Zeichen ihrer Zugehörigkeit ein mit einem Mops verziertes Silbermedaillon.
Lesen Sie auch: Trump, Lump & Co: Künstler und ihre Haustiere
Im Großen und Ganzen orientierte sich der Mops-Orden an den Ritualen der Freimaurer, tat dies jedoch auf eine amüsante, ja sogar parodierende Weise, die der dem Vergnügen nicht abgeneigten Epoche entsprach. Die Mitglieder der verschiedenen Logen (es scheint solche an vielen Höfen und Orten gegeben zu haben, darunter Berlin, Bayreuth und Weimar) nannten sich Möpse, die jeweiligen Logenmeister, jeweils ein männliches und ein weibliches Mitglied, Großmöpse. Einzig die alles überragende Position des Großmeisters blieb in männlicher Hand (August III./II., König von Polen und Kurfürst von Sachsen (1696-1763), wird hier etwa genannt).

Besonderen Spaß muss allen Beteiligten das Aufnahmeritual einer Novizin oder eines Novizen gemacht haben: Mit verbundenen Augen musste der Anwärter auf allen Vieren, einem Mops gleich, an der Tür kratzen. Nach dem Einlass wurde er neunmal um einen speziellen Teppich herumgeführt, woraufhin das symbolische Küssen der Kehrseite eines Mopses (meist aus Porzellan) folgte sowie verschieden Eide und Gehorsamsverpflichtungen und das Abnehmen der Augenbinde.
Die Ausführung der für die Aufnahme benötigten „Ritualmöpse“ wurden bei den Porzellanmanufakturen in Auftrag gegeben, in denen seit einigen Jahrzehnten feinste Figuren und Objekte entstanden, die jeder, der sich sich leisten konnte, haben wollte. So sind beispielsweise in den Auftragsbüchern des großen Meissener Modelleurs Johann Joachim Kändler (1706-1775) wiederholt Mops-Figuren zu finden, aber auch einzelne menschliche Figuren sowie Personengruppen, die mit dem Mops-Orden in Zusammenhang stehen.
Lesen Sie auch: Meissener Porzellan sammeln – aber richtig!

Über die Figur, die den Anstoß zu diesem Artikel gab, schrieb Kändler 1744: „1. Dame von Mopß Orden, auf einem Postament stehend in der lincken Hand einen Mopß Hund haltend, auch einen zum Füßen liegend, vor die Prinzessin von Herfordt ...10 Thlr.“. Gemeint mit „ Prinzessin von Herfordt“ war wohl Johanna Charlotte von Anhalt-Dessau, verwitwete Markgräfin von Brandenburg-Schwedt (1682-1750), die von 1729 bis 1750 die Position der Fürstäbtissin des weltlichen Damenstifts Herford bekleidete. Andere Quellen nennen Henriette Amalie Prinzessin von Anhalt-Dessau (1720-1793) als Auftraggeberin. Henriette, die unverheiratet blieb, wurde von ihrem Vater, Fürst Leopold I. von Anhalt-Dessau, für elf Jahre ins Stift Herford verbannt, nachdem sie 1741 einen unehelichen Sohn geboren hatte.
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!
Seinen Status als Geheimgesellschaft musste der Mops-Orden bereits 1742 ad acta legen, als in Amsterdam eine sogenannte „Verräterschrift“ (L'ordre des Franc-Maçons trahi et le Secret des Mopses révélé) veröffentlicht wurde, die die Symbole und Praktiken der Freimaurer sowie des Mops-Ordens offenbarte – eine bedeutende Quelle zu den Anfängen der Freimaurer in Frankreich und vor allem zum Mops-Orden, der sonst kaum greifbar ist. Der Autor, ein gewisser Gabriel-Louis Calabre Perau (1700-1767), versicherte darin jedoch, dass er mit seinem Werk nicht beabsichtigte, die Orden bloßzustellen, sondern sie stattdessen vor übler Nachrede und bösen Verdächtigungen bewahren zu wollen.

Wie lange es den Mops-Orden gab, weiß niemand. Während einige meinen, er hätte bis ins 20. Jahrhundert existiert, glauben andere wiederum, er hätte es nicht über das Jahrhundert seiner Entstehung hinaus geschafft.
Eines ist jedoch gewiss: Porträts aus dem 18. Jahrhundert, die vornehme Damen mit ihren Schoßhündchen zeigen, gibt es zuhauf. Doch bei jedem dieser Bildnisse, auf denen ein Mops-Hund zugegen ist, muss man sich nun unwillkürlich fragen, war diese Dame etwa auch eine „Möpsin“?




