Mit dem Begriff „Wunderkammer“ ist ein europäisches Phänomen gemeint, das im 16. Jahrhundert seinen Anfang nahm und zur Einrichtung spezieller Räumlichkeiten in Schlössern und aristokratischen Residenzen führte, die dem Sammeln und Bewahren von extrem seltenen Objekten vorbehalten waren. Dabei konnte es sich um Fundstücke aus der Antike oder der Natur handeln, die aus fremdartigen und fernen Ländern stammten. Die Sammler in jener Epoche machten es sich zum Ziel, sich mit Dingen zu umgeben, die Symbolkraft besaßen – die Symbolkraft der Natur, die es zu verstehen und damit zu beherrschen galt.

Eine Wunderkammer versammelte vier wesentliche Kategorien von Objekten: die, die sich auf die natürliche Welt beziehen, die Früchte menschlicher Kreativität, das, was wir heute als technologisch definieren würden, und schließlich Objekte aus der Sphäre des Okkulten, die mit der „jenseitigen Welt“ verbunden sind. Diese Mischung war gegenüber der bis dahin dominierenden Reliquiensammlung des Mittelalters eine völlig neues Konzept des Sammelns, das damit einer neuen kulturellen Tradition den Weg ebnete. Die Menschen des 16. Jahrhunderts betrieben einen Kult: Wunder. Und das zu besitzen, was wundersam erscheint und bewundert wird, war gleichbedeutend mit einer fast magischen Beherrschung der Welt.
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Das Interieur einer Wunderkammer
Doch wie sah eine solche Wunderkammer eigentlich aus? Man muss sich einen sehr voll eingerichteten Raum vorstellen, der an Wänden und sogar der Decke mit Gemälden geschmückt ist, die dem Geschmack des jeweiligen Sammlers entsprechen. Auf Regalen und in Vitrinen konnte man eine riesige Muschel neben Dutzenden anderer Objekte von unterschiedlicher Größe und Materialien treffen: Schlangenhäute in Gläsern, Eier, Korallen, Hörner oder auch Bezoare. Daneben Knochen, Kompasse und bunte Federn. Insgesamt sollte eine Wunderkammer ein überquellendes Szenario von visuellen Eindrücken ergeben.

Denn wer eine Wunderkammer besaß, hatte das Ziel, den Blick des Besuchers vollständig auszufüllen, um so dem aristotelischen Thema des Horror vacui, also der „Scheu vor der Leere“, nachzukommen. Francesco I. de’ Medici löste das Problem der Leere in seinem Studiolo im Palazzo Vecchio beispielsweise damit, indem er in der Mitte des Raumes zwanzig Kleiderschränke aufstellen ließ. Bei der Gestaltung einer Wunderkammer wurde natürlich nichts dem Zufall überlassen. Den beeindruckendsten Effekt erzeugten scheinbar in der Luft schwebende Objekte. Daher wurden ausgestopfte Krokodile und andere Tiere oder auch Pflanzen direkt unter die Decke gehängt. Weitere taxonomische Objekte befanden sich in den Vitrinen, wo aus rein ästhetischen Gründen platziert und mit bemalten oder unbemalten Muscheln und allen möglichen klassischen Kunstobjekten kombiniert wurden. Die Idee hinter dieser Organisation war es, abrupte Blickübergänge von einem Objekt zum anderen zu schaffen.
Ein interessanter Punkt war Erhaltung der Naturalia, also Objekten organischen Ursprungs. Um das Problem der natürlichen Zersetzung zu umgehen, bevorzugte man gewisse „Favoriten“, darunter Pflanzen und Tiere, die sich leicht trocknen oder archaischen Tierpräparationsexperimenten unterzogen werden konnten. Genau dies ist bei Krokodilen, Fischen, kleinen Säugetieren, Pflanzen sowie Fragmenten von Knochen und Zähnen der Fall. All das sollte dazu dienen, die damals weitgehend unbekannte Vielfalt der Natur innerhalb der Wunderkammer nachbilden zu können.
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Die Wunderkammern des Adels und der Humanisten
Der Vorläufer der Wunderkammer war das Studiolo, ein Raum, der dem Studium und Beschäftigung mit Kunst gewidmet und dementsprechend ausgestattet war. König Karl VI. von Frankreich und Jean de Berry, Auftraggeber des berühmten Stundenbuchs des Herzog von Berry, besaßen ein solches Studiolo, genauso wie Francesco I. de’ Medici (siehe oben). Der Ausbau zu prestigeträchtigen Wunderkammern im 16. Jahrhundert zeugten vom Wirtschaftsprivileg ihrer Eigentümer: Durch die Sammlungen von Raritäten machte die herrschende Klasse ihre weltliche Macht greifbar und erklärte ihre Verbindung zu fernen Welten und Ländern.
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Doch gegen Mitte des Jahrhunderts ändert sich etwas und neben den von Adel und Herrschern geschaffenen Wunderkammern entstehen weitere, die die Bedeutung des Begriffs erweitern: die Wunderkammern der Humanisten, deren Sammlungen ausschließlich aus Objekten, wie Pflanzen, Tiere und Mineralien, bestehen, die für die wissenschaftliche Forschung notwendig sind. Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch ein wahres kulturelles Erdbeben: die Entdeckung der Neuen Welt, Amerika. Dadurch erkannte die Gelehrten der Alten Welt, dass die Theorien der klassischen Autoren, wie Aristoteles oder Plinius der Ältere, nicht mehr ausreichten, um die Realität zu begreifen. Es mussten neue Objekte her, um die nie zuvor beschrittenen Gedankenwege zu gehen.
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Zu den bedeutendsten Wunderkammern, die vor diesem Hintergrund entstanden, gehörte jene des Naturforschers und Botanikers Ulisse Aldrovandi (1522 Bologna 1605), der in seinem eigenen Haus eine Sammlung von Naturalien aufbewahrte, die aus etwa 17.000 Objekten bestand, die u. a. Krokodile, Kugelfische und Schlangen umfasste, die heute von der Universität von Bologna im Palazzo Poggi aufbewahrt werden. Aldrovandis Bestreben war der Wunsch, die Vielfalt und Außergewöhnlichkeit der Dinge, die in der Natur zu finden waren, so gut wie möglich zu bezeugen und zu dokumentieren, um sie dann zu studieren, zu zeichnen und zu verbreiten. Auch gründete er in seiner Heimatstadt Bologna 1567/68 einen der ersten botanischen Gärten überhaupt und veröffentlichte eine mehrbändige Historia animalium.

Ebenfalls erwähnenswert ist die Wunderkammer des Mailänder Wissenschaftlers Manfredo Settala, der nach zahlreichen Reisen, die auch den Orient zum Ziel hatten, im frühen 17. Jahrhundert eine Sammlung von rund 3.000 Objekten anlegte, die er selbst in Naturalia, Artificialia e Curiosa katalogisierte. Dieser Katalog umfasste alles, was faszinieren oder verblüffen konnte, sprich „außerhalb der Norm“ war. Heute ist die Settala-Sammlung in drei verschiedenen Institutionen untergebracht: in der Pinacoteca Ambrosiana, im Museo delle Culture (MUDEC) und im Castello Sforzesco in Mailand. Anhand von einigen alten Stichen lässt sich rekonstruieren, dass sich die ursprüngliche Wunderkammer in einem einzigen Raum untergebracht war, der mit zahllosen Schränken und Vitrinen ausgestattet war, die an den Wänden aufgestellt und von Gemälden bekrönt waren.
Die begehrtesten Naturalia und Artificialia der Wunderkammer
Die bereits mehrfach erwähnten ausgestopften Krokodile galten als Naturalia von höherem Wert und waren daher in Wunderkammern häufig anzutreffen. Damit trat man in die Fußstapfen jenes mittelalterlichen Brauchs, solche Exemplare in Kirchen aufzubewahren. Da sie vom Aussehen her der landläufigen Vorstellung eines Monster am nächsten kamen, wurden sie mitten in der Luft aufgehängt, um sie von ihrer eigentlichen Dimension, der Erde bzw. dem Wasser, so weit wie möglich zu trennen. Dies sollte die Aufhebung ihrer teuflischen Macht im Heiligtum, in dem die Jungfrau Maria verehrt wurde, symbolisieren. Es wird deutlich, wie sehr das Thema des Makabren und des Todes seit der Antike die Gemüter bewegt und mit der Wunderkammer einen umfassenden Ausdruck erreicht: Der Mensch oszilliert seit jeher zwischen dem Wunsch, das Geheimnisvolle zu verstehen, und dem beschützenden Instinkt, sich davon zu befreien.
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Die begehrtesten Objekte für eine Wunderkammer waren jedoch sicherlich die Artificialia, also jene Objekte, bei denen Objekte natürlichen Ursprungs durch die Kombination mit kostbaren Materialien in Kunstwerke verwandelt wurden. Ein solches natürliches Objekt ist die Meerschnecke, die seit der Antike für ihre Proportionen, die denen des Goldenen Schnitts folgen, bekannt ist. Im 16. Jahrhundert war Amsterdam ein wichtiges Handelszentrum für die Schnecken, die von dort aus auch den Rest Europas erreichten. Der Wunsch eines Sammlers war es, ein mit kleinen bildlichen Darstellungen oder Vergoldungen verziertes Exemplar zu besitzen. Dies galt nicht nur für die Nautilus-Muscheln, sondern auch für Korallen oder Elfenbein: Die von der Natur vergebene Form sollte noch erkennbar, aber aufgewertet sein. Der Grat zwischen Kunst und Natur war in diesen Fällen ein sehr schmaler.
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Je mehr Mythen und Legenden sich um ein Objekt rankten, desto besser. Dem arktischen Narwal wurde beispielsweise die außergewöhnliche magische Kraft des Einhorns zugesprochen. Das gemeinsame Merkmal war das lange Horn, bei dem es sich um den spitzen und spiralförmig verdrehten Stoßzahn männlicher Narwale handelt und der bis zu 3 Meter lang werden kann. Auch nachdem man den wahren Ursprung dieser faszinierenden Hörner entdeckt hatte, hielt man an dem Wunderglauben an sie fest. Für den Sammler bedeutete der Besitz eines Narwalzahns, die Existenz eines grundlegenden Elements seiner eigenen kulturellen Tradition zu legitimieren.
Für uns, die wir im Zeitalter der Überinformation leben, ist es sicherlich schwierig, dieses Gefühl des Staunens oder der Sehnsucht nach den Mysterien der Welt vollständig zu verstehen. Dennoch kam es im späten 17. Jahrhundert zum Ende der Wunderkammern, als die Wissenschaften bereits so weit fortgeschritten waren, dass die Menschen nicht mehr so leicht in Staunen zu versetzen waren wie noch im 16. Jahrhundert und man ihnen einen Haifischzahn nicht mehr problemlos als Drachenzahn unterjubeln konnte. Die Objekte, die noch wenige Jahrzehnte zuvor eine dominierende Rolle in den Wunderkammern gespielt hatten, verloren langsam aber sicher ihre magischen Kräfte. Meerjungfrauen, Einhörner und Odalisken werden treffend dem Reich der Fantasie zugeordnet und die Wundersamer entwickelt sich zum „Kuriositätenkabinett“.
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Der Geist der Wunderkammer im modernen Museum
Nicht nur das Sammeln, sondern auch das moderne Museum verdankt seinen Ursprung der Wunderkammer. Dieser Übergang vollzog sich ab dem 18. Jahrhundert, als durch die Aufklärung die Vernunft endgültig auf dem Vormarsch war. Neben vielen königlichen Sammlungen war die Sammlung des Sir John Soane in London war eine der ersten Privatsammlungen, die der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Das noch heute erhalte Museum war im frühen 19. Jahrhundert das Wohnhaus von Sir John Soane, einem berühmten klassizistischen Architekten, der ein leidenschaftlicher Sammler war.

Vor allem Zeichnungen hatten es ihm angetan und er besaß rund 30.000 von ihnen. Über drei Stockwerke hinweg lässt sich noch heute das Leben des Sammlers nachvollziehen.
Bemerkenswert ist der Raum, in dem die Marmorbüste Sir Johns ausgestellt ist: Sie befindet sich zwischen zwei kleinen Statuen, die Raffael und Michelangelo darstellen, was darauf hindeutet, dass sich der Sammler als Erbe der großen künstlerischen Tradition der Renaissance betrachtete. Zusammengetragen hatte er eine Mischung aus Antiquitäten, Möbeln, Skulpturen, Architekturmodellen, Zeichnungen und Gemälden – darunter Werke von Hogarth, Turner und Canaletto.
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1833 vermachte Sir John Soane seine Sammlung dem Staat, jedoch mit der Auflage, dass sie in ein Museum verwandelt werden müsse, was 1837, nach seinem Tod, dann auch geschah. Die Identität und der Zweck der Sammlung änderten sich damit drastisch und aus einem privaten Raum für die Aufbewahrung und Betrachtung von Objekten wird sie zu einem Ort der Begegnung mit dem geistigen und materiellen Universum seines Schöpfers. Es ist noch immer eine zum Staunen anregende Schau, jedoch mit intellektuellem Anspruch.



