Die großen Künstler der Moderne hatten, wie Baudelaire 1863 lobend erwähnte, die außergewöhnliche Fähigkeit, aus dem Vergänglichen des Alltags das Ewige der Schönheit herauszuholen. Als der Begriff der Moderne auftauchte, um die revolutionären Veränderungen der Industrie im 19. Jahrhundert zu beschreiben, infiltrierte er auch die Kunstwelt auf spektakuläre Weise, bis er zu einer grundlegend neuen Art des Denkens, Lebens und Schaffens führte. Künstler gingen nun daran, das alltägliche Leben zu beobachten und in dessen ständigen Turbulenzen zu schwelgen, um daraus ihre Inspiration zu ziehen. Schönheit war plötzlich etwas aktuelles und nicht mehr nur der Antike vorbehalten.
Am 17. Juni wird sich Rossini nun dieser revolutionären Epoche widmen und Alltagsszenen, Landschaften, Porträts und Stillleben der großen modernen Künstler versteigern. Es werden die unterschiedlichsten Visionen jener Künstler zum Aufruf kommen, die es zum ersten Mal wagten, ihre Umwelt zu verewigen.

Postimpressionist Paul Gauguin gilt als einer der Vorläufer der modernen Kunst, dessen große Inspirationsquelle die Inselwelt Polynesiens war, die er 1891 zum ersten Mal besuchte, wofür er Frau und Kinder endgültig im Stich ließ, um fern von der Zivilisation das echte Leben zu finden.
Das bei Rossini angebotene Aquarell Gauguins ist eine Studie zu Le marché, Ta Matete, einem Gemälde, das im Kunstmuseum Basel ausgestellt wird und eines der Hauptwerke seiner Zeit auf Tahiti darstellt. Auf dem Gemälde sind im Vordergrund fünf bunt gekleidete Frauen auf einer Bank sitzend dargestellt, während im Hintergrund zwei Fischer ihren Fang einholen. Die fünf Frauen sind in unterschiedlichen Posen festgehalten, während sie unterschiedliche Objekte in ihren Händen halten (Taschentuch, Fächer, Brief, etc.). Am rechten Bildrand steht eine weitere Tahitianerin, die den Stil, den sich Gauguin in Polynesien aneignete, am besten repräsentiert.

Inspiriert wurde die Komposition von einem in London aufbewahrtem ägyptischen Fresko, das Gauguin von einer Fotografie her kannte. Wie die meisten der auf Tahiti entstandenen Werke, bleibt auch dieses geheimnisvoll und überlässt es dem Betrachter, die Vision des Künstlers zu interpretieren.
Im vorliegenden Aquarell sind lediglich zwei der sitzenden Frauen sowie die stehende am Bildrand dargestellt.

Zum Vergleich kann auch ein bemalter Fächer herangezogen werden, den Gauguin 1892 der ebenfalls auf Tahiti lebenden Madeleine Goupil schenkte und der ebenfalls nur die drei Figuren zeigen. Möglicherweise entstand zunächst das Gemälde, dann die vorliegende Skizze und schließlich der Fächer, für den es sich Gauguin erlaubte, Elemente seines Werks zu isolieren und neu wieder aufzunehmen.
Da ihn die Realität auf Tahiti enttäuschte, baute sich Paul Gauguin dort einen eigenen ursprünglichen Garten Eden und beschrieb dieses Leben mit einiger Fantasie in seinem Tagebuch Noa Noa. Der Stil, den er im Südpazifik entwickelte, war eine Mischung aus der lokalen Kunst, der Antike sowie den modernen Veränderungen in der westlichen Kunstszene.
Mit vier Lithografien, die Pierre Soulages zwischen 1957 und 1974 geschaffen hat, folgt nun ein Abstecher zur abstrakten Kunst. Soulages, der im vergangenen Dezember seinen 100. Geburtstag feierte, gilt als einer der Hauptvertreter des Informel und zeichnet sich insbesondere durch die Verwendung der Reflexionen der Farbe Schwarz, das er als l'Outrenoir ("das Über-Schwarz") bezeichnete.

Die hier angebotenen Werke stammen aus der Nachkriegszeit, in der Soulages nicht nur äußerst produktiv war, sondern auch seinen künstlerischen Höhepunkt erreichte. Durch die Bekanntschaft mit Hans Hartung konnte Soulages seinen abstrakten Stil verfeinern und in Ausstellungen und Retrospektiven in den 1950/60er Jahren präsentieren: seine Palette war begrenzt und lässt Hell- und Dunkel- sowie Transparenzeffekte spürbar werden. Lithographie N°34 entstand mit Reliefs, Kerben und Rillen einige Jahre bevor seine Kunst eine weitere Wendung nahm.
Obwohl ihn so mancher als Vertreter des Impressionismus bezeichnet, so ist Paul Signac doch eher dem Postimpressionismus zuzuordnen und teilt sich mit Georges Seurat den ersten Platz in der Entwicklung des Pointillismus. Durch seine Leidenschaft fürs Segeln verbrachte er einen großen Teil seiner Arbeitszeit in Häfen, die er portraitierte und deren einzigartige Atmosphäre er einfing. 1892 ging er zum ersten Mal auf eine Segelreise, während der er verschiedene Hafenstädte Frankreichs besuchte, bevor er sich in St. Tropez niederließ und junge Kollegen ausbildete. Paul Signac ist in der Auktion mit einer Federzeichnung der Seine in Paris sowie einem Aquarell, das den Hafen von Saint-Malo darstellt, vertreten.
Auch wenn er mit dem Postimpressionismus der 1890er Jahre und dem Fauvismus des frühen 20. Jahrhunderts gleichgestellt wurde, folgte Valtat immer seinem eigenen Weg und entwickelte seinen Stil entsprechend seiner eigenen Wünsche und Empfindungen. So sind in seinem Œuvre die Tänzer der Kabarette, die er in seiner Pariser Frühzeit portraitierte, genauso zu finden, wie die Landschaften des Südens, die Näherinnen des Ateliers in seiner Straße oder sein eigener Garten. Wie Rossini-Experte Raphaël Maket anmerkt, verfolgte Louis Valtat keine Mode, vielmehr war er ein"freier Künstler mit einem unersättlichen Appetit, dessen einziges Bedürfnis darin bestand, immer mehr zu malen".
Weitere Höhepunkte der Auktion stammen von Vertretern der École des Paris, dem Dreh- und Angelpunkt des künstlerischen Schaffens in der französischen Hauptstadt bis in die 1960er Jahre, der jedoch weit davon entfernt war, eine echte Schule oder Bewegung zu sein. Einer dieser Künstler ist Moïse Kisling, der in den 1910er Jahren der Künstlerszene von Montparnasse angehörte und mit Modigliani und Jules Pascin befreundet war, die im selben Haus wohnten wie er. Kieslings Œuvre zeichnet sich vor allem durch weibliche Akte und Stillleben aus, aber auch durch Landschaften, deren traumhafter Stil an den von Marc Chagall erinnert.
Ein Ölgemälde von Eugène Zak sowie eine Skulptur von Cecil de Blaquière Howard, Arlequin, Colombine et Pierrot, sind weitere Arbeiten der Schule, die bei Rossini zum Aufruf kommen.
"Der Begriff École de Paris wird beibehalten, weil kein anderer die Vormachtstellung der Hauptstadt in Bezug auf Kunst in den Nachkriegsjahren besser beschreiben könnte", äußerte sich die Kunsthistorikerin Lydia Harambourg dazu.
Den Abschluss der Versteigerung bilden Künstler wie Bernard Buffet, vertreten mit Nature morte au bouquet aus dem Jahr 1962, oder Salvador Dalí, von dem eine Gouache zum Aufruf kommen, die 1960 zur Illustration der bei Les Heures Claires editierten Göttlichen Komödie diente. Ein entsprechendes Echtheitszertifikat liegt bei.
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