Erfahren Sie fünf interessante Fakten zum Leben und Arbeiten jenes Malers, dessen Wirken im Kreis des Impressionismus und der frühen Moderne gar nicht hoch genug eingeschätzt werden kann.
1. Einige frühe Werke können nicht eindeutig zugeordnet werden
Jacob Abraham Camille Pissarro wurde am 10. Juli 1830 in Charlotte Amalie, der Hauptstadt von Dänisch-Westindien (heute die Amerikanischen Jungferninseln) in der Karibik geboren. Sein Vater, der aus einer französischen Familie mit jüdisch-portugiesischen Wurzeln stammte, betrieb in der kosmopolitischen Hafenstadt auf der Insel St. Thomas erfolgreich ein Handelskontor. Da er einen entsprechenden Berufsweg einschlagen sollte, wurde Camille im Alter von 12 Jahren auf eine Schule nach Passy bei Paris geschickt, wo ihn außer dem Zeichenunterricht jedoch kein anderes Fach begeistern konnte. Zurück auf der Insel St. Thomas begann er 1847 im väterlichen Geschäft zu arbeiten; seinen künstlerischen Ambitionen konnte er nur in seiner Freizeit nachgehen.
Das änderte sich, als 1851 der dänische Maler Fritz Melbye nach Charlotte Amalie kam. Melbye, der selbst keine formelle Ausbildung erhalten hatte, sondern nur von seinem älteren Bruder Anton unterrichtet worden war, wurde Pissarros Vorbild. Im Jahr darauf verließen sie gemeinsam Dänisch-Westindien und gingen nach Venezuela, um dort nach der Natur zu malen. Wie sehr Pissarro in dieser frühen Phase seiner Karriere von dem vier Jahre älteren Melbye, der in Dänemark bereits mit einigen Seestücken erfolgreich gewesen war, beeinflusst wurde, wird daran deutlich, dass einige undatierte Skizzen und Aquarelle aus jener Zeit nicht eindeutig dem einen oder dem anderen Maler zugeordnet werden können.

Während Fritz Melbye noch etwas länger in Venezuela verweilte, kehrte Pissarro 1854 nach Charlotte Amalie zurück, um dann im Jahr darauf – nun mit väterlicher Erlaubnis – nach Paris zu gehen. Dort arbeitete er zunächst im Atelier von Anton Melbye und besuchte auch Kunstschulen: für kurze Zeit die École des Beaux-Arts, dann die Académie Suisse, an der es freier zuging, was Pissarros Naturell und seiner Auffassung von Kunst mehr entsprach.
2. Corot war sein wichtigster Lehrer
Eine der ersten Dinge, die Camille Pissarro nach seiner Ankunft in Paris unternahm, war ein Besuch der Weltausstellung, wo tausende Kunstwerke ausgestellt wurden. Es beeindruckten ihn die Gemälde von Eugène Delacroix, Jean-Auguste-Dominique Ingres und ganz besonders von Jean-Baptiste Camille Corot.
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Corot galt damals als der führende Landschaftsmaler Frankreichs und war einer der wichtigsten Vertreter der Schule von Barbizon, die sich eine realistische Naturdarstellung auf die Fahnen geschrieben hatte. Auch arbeitete Corot viel im Freien, was Pissarro ebenfalls sehr ansprach. Pissarro wurde schließlich – neben Berthe Morisot – Corots bedeutendster Schüler. Als solchen (sowie als Schüler von Anton Melbye) bezeichnete sich Pissarro auch, als einige seiner Werke in den frühen 1860er Jahren wiederholt zum Pariser Salon zugelassen wurden.
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Ab 1866 begann sich das Verhältnis zwischen Corot und Pissarro jedoch zunehmend zu verschlechtern, als sich Pissarro immer mehr vom Realismus zu lösen begann und sich dem Impressionismus zuwandte. Besonders deutlich wurde dieses Zerwürfnis, als Pissarro sich zukünftig nur noch als Schüler Melbyes bezeichnete.
3. Seinen Pariser Händler lernte er in London kennen
Als 1870 der Deutsch-Französische Krieg ausbrach, sorgte sich Camille Pissarro um die Sicherheit seiner Lebensgefährtin Julie Vellay (1838-1926) und der beiden gemeinsamen Kinder Lucien und Jeanne, weshalb er gemeinsam mit ihnen Frankreich verließ und sich in London niederließ. Dort führte er Julie nicht nur endlich vor den Traualtar, sondern lernte auch jenen Mann kennen, der maßgeblich dafür sorgte, dass die wachsende Kinderschar der Pissarros nicht verhungern würde.

Außer Pissarro war aus dem Kreis der Impressionisten (die damals noch nicht so hießen) auch Claude Monet vor dem Krieg nach England geflohen. Der machte seinen Freund mit dem Kunsthändler Paul Durand-Ruel bekannt, der den weiteren Kriegsverlauf ebenfalls nicht in Paris hatte abwarten wollen und stattdessen eine Galerie in London eröffnete. Paul Durand-Ruel ist in die Kunstgeschichte eingegangen, als jener Kunsthändler, der wie kein anderer an die Maler des Impressionismus glaubte und sich dadurch selbst fast in den Ruin trieb, indem er seinen Schützlingen immer wieder Bilder abkaufte, die er jedoch nur schwer weiterverkaufen konnte. Die Lage wurde besser, als sich der amerikanische Markt für die Impressionisten zu begeistern begann und auch Pissarros Werke zunehmend Abnehmer fanden.
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Die nicht nur geschäftliche sondern auch freundschaftliche Beziehung des Künstlers und seines Händlers wurde allerdings auf eine harte Probe gestellt, als sich Pissarro plötzlich dem Pointillismus zuwandte, den er durch die beiden Maler Paul Signac und Georges Seurat kennengelernt hatte. Durand-Ruel konnte mit diesem Postimpressionismus nicht viel anfangen, weshalb sich Pissarro nach einem neuen Händler umsah und einen solchen in Vincent van Goghs Bruder Theo fand. Dieser starb jedoch 1891 und zudem erkannte Pissarro allmählich, dass der analytische und langwierige Pointillismus dann doch zu stark im Widerspruch zu seiner schnellen und intuitiven Malweise stand.
4. Er war Vater und Vaterfigur
Camille Pissarro und Julie hatten sich 1859 kennengelernt, nachdem seine Eltern nach Paris gezogen waren. Der von Geldnöten geplagte Maler zog wieder „Zuhause“ ein und dort fiel sein Blick auf Julie, die als Bedienstete eingestellt worden war. Die beiden begannen eine Beziehung aus der zunächst zwei uneheliche und nach der Hochzeit 1871 fünf weitere Kinder entsprangen. Sechs der Kinder wählten ebenfalls den Berufsweg als Künstler: Lucien (1863-1944), Georges Henri (1871-1961), Félix (1874-1897), Ludovic-Rodo (1878-1952), Jeanne (1881-1948) und Paul-Émile (1884-1972). Die wachsende Familie wohnte nacheinander in Louveciennes, Pontoise und Éragny, wo Julie schließlich Nägel mit Köpfen machte und sich Geld von Monet lieh, um das bisher zur Miete bewohnte Haus kaufen zu können. Mit Lucien, der sich 1890 dauerhaft in London niederließ, pflegte Pissarro eine umfangreiche Korrespondenz, die einen wichtigen Einblick in das Privat- aber auch das Arbeitsleben des Künstlers gewährt. Pissarro porträtierte alle seine Kinder mehrfach, keines jedoch so häufig wie seine erstgeborene Tochter Jeanne, genannt „Minette“ (1865-1874), die sein besonderer Liebling war. Im Alter von acht Jahren erkrankte Minette schwer und starb schließlich 1874, was Pissarro sehr mitnahm.

Während daheim Julie das Sagen hatte, war Camille Pissarro die zentrale Figur des Kreises der Impressionisten und ein Wegbereiter der Moderne. Zu seinen Freunden zählten Claude Monet, Alfred Sisley, Edgar Degas, Pierre-Auguste Renoir und besonders Paul Cézanne. Cézanne, der von dem älteren Kollegen den Rat angenommen hatte, zu einer helleren Farbpalette zu wechseln, sagte über Pissarro sogar, dass er wie ein Vater für ihn gewesen sei. Pissarro liebte es, über Kunst zu diskutieren und anderen bei ihrer Entwicklung zu helfen. Dabei war er kein Lehrer im eigentlichen Sinne, sondern ließ sich selbst immer wieder von den Werken seiner Kollegen inspirieren.
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Nach seinem Zusammenbruch und dem Aufenthalt in der Nervenheilanstalt in Saint-Rémy wäre Vincent van Gogh gerne bei den Pissarros in Éragny eingezogen, doch machte sich Julie Sorgen, welchen Einfluss der seelisch angeschlagene Künstler auf die Kinder haben könnte. Stattdessen vermittelte Camille Pissarro seinem jungen Kollegen den Aufenthalt beim Arzt Paul-Ferdinand Gachet, mit dem er persönlich bekannt war.
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Neben Paul Durand-Ruel gab es wohl niemanden außer Camille Pissarro, der so sehr an den Erfolg des Impressionismus glaubte. 1874 war er maßgeblich an der Organisation der ersten Ausstellung der Impressionisten beteiligt und war zudem der einzige Künstler, der zu allen weiteren Ausstellungen, die bis 1886 stattfanden, Werke beisteuerte.
5. Ein Augenleiden beeinflusste seine Motivwahl
Ab 1880 begann ein Augenleiden Pissarros Arbeitsalltag zunehmend zu beinträchtigen. Ausgelöst durch eine bakterielle Infektion, entwickelte sich ein Dauertränen des (vermutlich) rechten Auges, das in Schüben immer wieder auftrat. Die Konsequenz daraus war, dass die Ärzte Pissarro rieten, Staub und Zugluft zu meiden. Daher durfte er nur noch bei mildem Wetter in Frühjahr und Herbst seine Leinwand im Freien aufstellen – ein schwerer Schlag für den passionierten Plein-air-Maler, dessen zunehmend flüchtig werdender Pinselstrich sicherlich ebenfalls auf die beeinträchtigte Sehkraft zurückzuführen war.
Doch wusste Camille Pissarro sich zu helfen. Da er in seinen späteren Jahren endlich mehr Geld verdiente, konnte er es sich leisten, Hotelzimmer oder Wohnungen zu mieten, um von deren Fenstern aus das zu malen, was sich davor abspielte. Aus erhöhter Perspektive entstanden so die fantastischen, großformatigen Ansichten der Boulevards und Straßen von Paris. Auch in Rouen, Dieppe, Le Havre und London ging er so vor.

Pissarros aktueller Auktionsrekord wurde übrigens mit einer der Pariser Straßenansichten erzielt, als Le Boulevard Montmartre, matinée de printemps (1897) 2014 bei Sotheby’s in London für 19.682.500 GBP einen neuen Besitzer fand.
Camille Pissarro starb am 13. November 1903 im Alter von 73 Jahren und hinterließ mit 1.500 Gemälden und hunderten Zeichnungen, Studien und Drucken ein Erbe, das auch in den Werken vieler anderer Künstler, denen er begegnet war, zu finden ist.




