Mit fast 93 hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass dieses geliebte Renaissance-Gemälde, das meinen Eltern gehörte, jemals wieder auftauchen würde.
1987 kaufte der Kenner und Sammler Francesco Federico Cerruti ein Werk von Jacopo del Sellaio bei einem Antiquitätenhändler, der es zwei Jahre zuvor bei Christie's in London ersteigert hatte. Das Gemälde ist sowohl eines des wertvollsten von Jacopo di Arcangelo genannt del Sellaio, als auch beispielhaft für die Malerei der italienischen Hochrenaissance und verfügt zudem über eine bewegte Geschichte, von der Cerruti nicht den leisesten Schimmer hatte.

Ein halbes Jahrhundert zuvor, im Jahr 1935, hatte der Geschäftsmann und Sammler Gustav Arens das zwischen 1480 und 1485 entstandene Gemälde Jungfrau mit Kind, Johannes dem Täufer und zwei Engeln in der Galerie Sanct Lucas erworben. Anschließend wurde es zur Restaurierung an die Akademie der Künste in München geschickt, wo es vom Kunsthistoriker Emmerich Schaffran Jacopo del Sellaio zugeschrieben wurde, der damit die ursprüngliche Zuschreibung an Raffaellino del Garbo korrigierte. Noch im selben Jahr starb Gustav Arens. Das Gemälde erbten seine älteste Tochter Ann und deren Ehemann Friedrich Unger.
Zwei Jahre später wurde die gesamte Sammlung der jüdischen Familie Arens von der Nazi-Regierung beschlagnahmt, jedoch nach Zahlung eines Lösegeldes zurückgegeben. Als die Gesetze strenger wurden, sah sich die Familie – Ann, Friedrich und die gemeinsamen Töchter Grete und Gitta – gezwungen, zunächst nach Frankreich und später in die USA zu emigrieren. Da es unmöglich war, mitsamt der Sammlung durch den Zoll zu kommen, verblieb diese in einem Lagerhaus in Paris. Im Februar 1942 beschlagnahmte die Nazi-Regierung den gesamten Besitz der Arens-Unger-Familie, darunter auch die Gemälde der Sammlung.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnte die Familie einen Teil der Sammlung ausfindig machen, von dem Werk von Jacopo del Sellaio blieb jedoch jede Spur. In den folgenden Jahren versuchten die Ungers, das Gemälde, das Tochter Grete ganz besonders liebte, wiederzufinden. 1974 tauchte es unter mysteriösen Umständen auf dem Kunstmarkt auf, genauer gesagt in der Galerie Fischer in Luzern. Elf Jahre später kam es dann bei Christie's zum Aufruf, wo es von eben jenem italienischen Antiquitätenhändler ersteigert wurde, der es an Francesco Federico Cerruti verkaufte.
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Nach dem Tod Cerrutis im Juli 2015 begann im Jahr darauf die Überführung seiner Sammlung in das Castello di Rivoli Museum d'Arte Contemporanea in Turin. Während der Zusammenarbeit zwischen der Fondazione Cerruti und der bekannten piemonteser Institution stellte sich mit Hilfe des Holocaust Claims Processing Office (HCPO) in New York heraus, dass es sich bei dem Werk tatsächlich um das Gemälde handelte, das die Nazis den Ungers gestohlen hatten. Als Erben konnte die HCPO Grete Unger Heinz sowie die Kinder von Gitta Unger Meier, Karren Reeds, Andrea Meier und Alan Meier, ausfindig machen.
"Mit fast 93 hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass dieses geliebte Renaissance-Gemälde, das meinen Eltern gehörte, jemals wieder auftauchen würde", äußerte sich Grete Unger Heinz. "Ich freue mich nicht nur, dass die Cerruti-Stiftung mit den Erben der Familie Unger eine gerechte Einigung erzielt hat, einschließlich einer vollständigen Darstellung der bewegten Geschichte des Gemäldes, sondern auch, dass ich das Werk selbst im Castello di Rivoli Museum vielleicht noch werde sehen können."
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Die Übereinkunft wurde von der Familie und dem Museum getroffen, um die Cerruti-Sammlung intakt zu halten, aber auch um an die Geschichte des Gemäldes und die Ereignisse, die Europa im 20. Jahrhundert erschütterten, zu erinnern. Zusätzlich zu der Entscheidung, die die Fondazione Cerruti der Familie zahlt, wird das Museum also die Geschichte des Werks erzählen und es weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich machen.
"Ich freue mich außerordentlich, dass unser Museum zusammen mit der Cerruti-Stiftung und den Erben von Ann und Friedrich Unger einen jahrzehntelangen Holocaust-Rückerstattungsanspruch erfolgreich lösen konnte", sagte Carolyn Christov-Bakargiev, Direktorin des Castello di Rivoli und der Fondazione Cerruti. "Dieses Kunstwerk von Jacopo del Sellaio, das von seinen ursprünglichen Besitzern, aber auch von Herrn Francesco Federico Cerruti, der es 1987 ohne Kenntnis über dessen bewegte Vergangenheit erworben hatte, so sehr geliebt wurde, hat nun endlich seinen Frieden gefunden."
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