Entdeckt worden war das mittelalterliche Kunstwerk in der Nähe der nordfranzösischen Stadt Compiègne von Philomène Wolf, Expertin des Auktionshauses Acteon, die bei einer Haushaltsauflösung nach etwaigen Schätzen Ausschau halten sollte - offenbar mit Erfolg. Von seiner Besitzerin, einer älteren Dame, als einfache russische Ikone angesehen und über dem Herd an die Wand gehängt, konnte das Bild als Werk des italienischen Meisters Cenni di Pepo, genannt Cimabue, identifiziert und damit in die Epoche vor der Renaissance datiert werden.
Doch was bei seiner Versteigerung schließlich für das Werk gezahlt wurde, erstaunte auch Madame Wolf: Am Sonntag, den 27. Oktober fiel der Hammer im Auktionssaal in Senlis erst bei 19,5 Millionen Euro (24,1 Millionen Euro inkl. Gebühren). Geschätzt worden war Cimabues Verspottung Christi auf 4-6 Millionen Euro. Sein erstaunlicher Verkaufspreis macht es nun zum teuersten vor 1500 geschaffenen Gemälde der Welt. "Wir haben einen außergewöhnlichen Moment in der Geschichte erlebt", sagt Philomène Wolf.
Bei dieser Auktion war alles möglich. Doch auch in unseren kühnsten Träumen haben wir so etwas nicht erwartet.
Laut Dominique Le Coënt, Leiter des Auktionshauses, muss man mit Überraschungen rechnen, wenn ein so seltenes und bedeutendes Werk wie das Cimabues zum Aufruf kommt. Tatsächlich ist es das einzige Werk Cimabues, das jemals auf einer Auktion angeboten wurde. "Ein Sammler wird in seinem Leben kein weiteres Mal auf einen zum Verkauf stehenden Cimabue stoßen", erklärte Le Coënt vor der Auktion.

"Heute sind nur 10 Gemälde von Cimabue bekannt. Sie sind alle unsigniert und befinden sich in öffentlichen Sammlung, wie beispielsweise der des Louvre", erläutert Barnebys-Mitgründer Pontus Silfverstolpe.
Unter den Werken Alter Meister allgemein ist es zudem "das acht teuerste Gemälde der Welt", sagte Dominique Le Coënt nach der Auktion. An erster Stelle steh hier natürlich Leonardo da Vincis Salvator Mundi, gefolgt von Werken von Rubens, Pontormo, Rembrandt, Raffael und Canaletto. Außerdem ist der erzielte Preis der höchste, der in diesem Jahr auf einer französischen Auktion gezahlt wurde, berichtet Le Parisien.
"Bei dieser Auktion war alles möglich. Doch auch in unseren kühnsten Träumen haben wir so etwas nicht erwartet. Diejenigen, die den Cimabue unbedingt haben wollten, waren bereit, viel Geld dafür auszugeben. Das Gemälde ist einzigartig, es markiert den Auftakt zur Renaissance in der Malerei, was dieses Feuer entzündet hat", fügt der Auktionator hinzu.

Die Verspottung Christi von Cimabue, ein auf einer Tafel aus Pappelholz ausgeführtes Ei-Tempera-Gemälde über Goldgrund, stellt eine der schmerzlichsten Szenen der Passionsgeschichte dar: Jenen Moment nach der Verhaftung und Verurteilung Christi, in dem dieser von Soldaten, verspottet, ausgepeitscht und mit einer Dornenkrone gekrönt wird. Das Werk ist Teil eines achtteiligen um 1280 geschaffenen Polyptychons, von dem nur zwei weitere Bilder bekannt sind: Die Geißelung Christi (Frick Collection, New York) sowie Thronende Gottesmutter von zwei Engeln begleitet (National Gallery, London).
Heute sind nur 10 Gemälde von Cimabue bekannt. Sie sind alle unsigniert und befinden sich in öffentlichen Sammlung, wie beispielsweise der des Louvre.
Insgesamt zog die Auktion 800 Besucher an, die das 25,8 x 20,3 cm messende Tafelgemälde mit Applaus im Auktionssaal begrüßten. Der Mindestpreis, der bei 3 Millionen Euro lag, wurde von acht Bietern schnell in die Höhe getrieben. Bei einem "Zwischenstand" von 15 Millionen Euro ermutigte der Auktionator die Bieter, weiterzumachen, indem er darauf hinwies, das es "keinen weiteren Cimabue geben" würde. Kurz darauf fiel der Hammer dann bei 19,5 Millionen Euro.

Eric Turquin, von dessen Firma der Cimabue schließlich authentifiziert worden war, beschrieb die Entdeckung und des Verkauf des Werk als "ein Abenteuer, das die Kunstwelt sehr bewegt hat. Dieses Gemälde ist ein Wunder. Es ist unglaublich, unvergleichlich".
Für die Einwohner von Senlis und dessen Nachbargemeinden war die Auktion ein großes Ereignis, eine einmalige Gelegenheit, einen historischen Autkionsmoment miterleben zu können. "Für mich ist es fast wie eine Pilgerreise. Was mich fasziniert, ist das Geheimnis dieser Entdeckung. Also sind wir hierher gekommen, um es zu bewundern, es zu spüren und für einen Moment in diese Zeit der großen Meister einzutauchen", sagt Francine, eine Einwohnerin von Senlis.
Erworben wurde das Werk von einem Berater der Alana Collection, eine der renommiertesten privaten Kunstinstitutionen zur italienischen Renaissance, die ihre Sammlung derzeit im Musée Jacquemart-André in Paris ausstellt. Die in den USA ansässige Firma muss eine Erlaubnis einholen, um die Arbeit Cimabues außer Landes führen zu dürfen. Nach Angaben des Auktionators "ist der Antrag auf Erteilung einer Ausfuhrgenehmigung in Bearbeitung".




