Bereits 1984 sorgte die preisgekrönte Glaskünstlerin und Industriedesignerin Erika Lagerbielke mit der Serie Intermezzo für Aufsehen. Seitdem wurde sie dreimal mit dem Excellent Swedish Design-Preis ausgezeichnet und erhielt von König Carl XVI. Gustaf für ihre herausragende künstlerische Leistung die Prinz-Eugen-Medaille verliehen. Aktuell ist Lagerbielke mit einer Ausstellung in der Stockholmer Galleri Glas zu sehen, in der sie farbenfrohe Werke präsentiert, für die sich sich von der Magie der Sommer ihrer Kindheit inspirieren ließ. Wir haben mit ihr gesprochen.

Für die Ausstellung in der Galleri Glas hast du eine Reihe einzigartiger Arbeiten geschaffen. Nähert man sich der Arbeit an einem Unikat auf andere Weise, als bei einer Serie?
Ja, ich denke schon. Das sind zwei ganz unterschiedliche Prozesse. Beim Designprozess für die Entwicklung einer Serienproduktion ziele ich auf Käufer ab, die das Produkt verwenden werden. Ich versuche, mir einen Benutzerprozess vorzustellen, der für viele Gültigkeit haben kann. Bei der Produktion eines Unikats, die wie jeder andere künstlerische Prozess ist, geht es hingegen darum, was ich sagen möchte. Natürlich möchte ich, dass sich die Leute dafür interessieren, doch steht meine Aussage im Fokus. Das beginnt mit einem inneren Dialog, der dann in der Galerie auf natürliche Weise in einen öffentlichen Dialog übergeht.
Wie entstand dein Interesse an Glas?
Seit meinem Studium an der Konstfack bin ich im Herzen Industriedesignerin. Das Interesse an Glas erwachte aber bereits viel früher in meinem Leben. Auf Gotland mieteten meine Eltern ein Sommerhaus, in dem es eine fantastische Glasveranda mit Buntglasfenstern in Rot, Grün und Blau gab. Ich war vier Jahre alt und fand diese Fenster absolut magisch. Tatsächlich habe ich körperliche Erinnerungen daran, wie ich da stand und meine Nase gegen die verschiedenfarbigen Quadrate drückte und die Welt draußen eine andre Farbe bekam. Ich bin sicher, dass hier meine Neugier für das Material Glas geboren wurde.

Aber weshalb hast du Glas als dein primäres Medium auserkoren?
Ich bin auf verschiedene Art und Weise mit Glas in Berührung gekommen. An der Konstfack gab es einen Nachmittag in der, an dem man selbst entscheiden konnte, mit welchem Material man arbeiten wollte. Ich entschied mich für die Glasbläserei. Das hat mir soviel Spaß gemacht, dass ich einen Sommerkurs an der Orrefors-Glasschule belegte. Aber ich wollte kein Handwerker werden, hatte ich mich doch aus einem bestimmten Grund dem Industriedesign zugewandt. Doch das Material Glas passte einfach gut zu mir, auch was den Designprozess betrifft. Ich erhielt ein Stipendium für ein dreimonatiges Praktikum bei Orrefors. Dort bekam ich Einblicke in die Funktionsweise einer Glashütte. Hin und wieder überkam mich das Gefühl, dass es wirklich „klick“ gemacht hatte. Ich wollte mit Glas arbeiten, aber als Designerin.

Was ist so einzigartig an den Eigenschaften von Glas?
Im warmen Zustand ist es weich und formbar und verändert sich dann in etwas, das kalt, hart und durchsichtig ist. Und dann ist da auch noch der Farbaspekt. Die Fähigkeit des Glases, mit Farbe zu arbeiten, ist magisch. Für gewöhnlich sage ich, dass es drei Dinge gibt, die ich verstehe: Glas, Farbe und Wein. Außerdem gefällt mir der Ablauf in einer Glashütte, die Teams, mit denen man zusammenarbeitet. Du gibst und du nimmst. Es ist fantastisch, wie jeder seinen Teil beiträgt. Aber dabei geht es nicht um das Material, sondern eher um den Prozess.

Du bist so etwas wie eine Expertin im Gestalten von Trinkgläsern für unterschiedliche Getränke. Wie gehst du beim Entwerfen eines Trinkglases vor? Geht es um das Aroma und den Geschmack des Weins oder eher darum, das es für die Spülmaschine geeignet ist?
Es ist ein Ganzes. Nur wenn es gelingt, alles, was du gerade gesagt hast, umzusetzen, wird der Benutzer zufrieden sein und die Gläser Teil seines Lebens werden lassen. Als ich jung war, ging es eher darum, welches Glas ich selber gerne hätte. Aber nach vierzig Jahren habe ich gelernt, dass nicht jeder so ist wie ich. Es geht um die Rolle, die mein Glas auf einem gut gedeckten Tisch spielen kann. Ein Weinglas muss kein einzigartiges sensorisches Erlebnis darstellen, aber es kann dazu beitragen, dass ein Gast sich wohl fühlt.

Wasser spielt in deiner Glaskunst und in deiner aktuellen Ausstellung in der Galleri Glas eine zentrale Rolle. Warum?
Ich kehre immer wieder zum Wasser zurück. Vielleicht liegt das in meiner Vergangenheit begründet. Schwimmen und tauchen habe ich schon immer sehr genossen, das sind starke frühe Erfahrungen. Glas und Licht sind so eng miteinander verbunden, und die Verbindung von Wasser und Licht und die Transparenz von Wasser sind Dinge, auf die ich immer zurückkomme. Auch möchte ich etwas tun, das mir wichtig ist. In Nordgotland, wo ich teilweise lebe, ist Wassermangel ein immer wiederkehrendes Gesprächsthema. Es ist ein Problem und ich wollte eine Ausstellung über etwas machen, das mir sehr am Herzen liegt.
Vorhin erwähntest du die Weichheit von Glas. Wie ähnlich sind sich Glas und Wasser?
Glas ist eine unterkühlte Flüssigkeit. Betrachtet man Wellen und Dünungen, bemerkt man Bewegungen, die es auch im Glas und in der Glasherstellung gibt. Die Glasherstellung ist eine ständige Bewegung, die an die Bewegung von Wasser erinnert.

Zeigst du in der Ausstellung weitere Arbeiten zu dem Thema?
Ja, es gibt Werke in der Ausstellung, die treppenförmig sind, eine schöne Form, zu der ich gerne zurückkehren würde. Diese Vasen wurden am Hals- und Schulterbereich geschliffen, was an die Lichtreflexionen, die im Glitzern des Wassers zu finden sind, erinnern soll. Es ist also nicht nur das Wasser, sondern auch das Licht, das ich versucht habe, ins Glas zu bringen. Ich versuche nicht, Wasser darzustellen, sondern lasse nicht von ihm inspirieren.

Gibt es einen roten Faden in der Ausstellung?
Eigentlich gibt es vier Themen, doch als roten Faden könnte man wohl am besten die Farbe bezeichnen. Sie ist intensiv, wenn auch nicht zwangsläufig stark. Bei allen Werken habe ich mit Kombinationen verschiedener Farben gearbeitet.

Was sind die vier Themen?
Zum einen gibt es Arbeiten, die wir in der Glashütte „gequetscht“ haben. Jedes dieser Stücke hat jedoch ein nicht deformiertes Gegenüber. Diese beiden Themenbereiche habe ich in der Serie „Kontrolle verlieren – Kontrolle gewinnen“ zusammengefasst. Als Inspirationsquelle diente hier die abstrakte Malerei. Das dritte Thema ist wohl jenes, an dem mich die meisten Besucher erkennen: Sektgläser und Variationen zu dem Thema, wie man aus ihnen trinkt. Für das letzte Thema betrat ich Neuland, indem ich verschiedene Schichten von gegossenem Glas zu Landschaften zusammenfügte.

Ich schätze, jeder, der am Herstellungsprozess beteiligt ist, möchte sich selbst herausfordern. Wann „streckst du die Waffen“ und sagst halt, es ist technisch einfach nicht möglich?
Wir machen solange weiter, wie wir das Gefühl haben, dass es eine Entwicklung gibt. Es ist ein Dialog, bei dem ich sensibel auf das Fachwissen der Glasarbeiter eingehe. Funktioniert etwas wirklich nicht oder bedarf es nur einer Pause, um am nächsten Tag mit neuer Kraft die Möglichkeiten auszuloten?

Macht dir der künstlerische oder der industrielle Aspekt am meisten Spaß?
Da kann ich wirklich nicht wählen. Beides macht auf seinen Weise Spaß. Glaskunst ist in gewisser Weise beängstigender, da ich mich auf Eis hinauswage. Ich bin ein eher zurückhaltender Mensch, aber der künstlerische Prozess erfordert, dass ich etwas von mir Preis gebe. Der Prozess des Industriedesigns ist sicherer und nicht so persönlich. Der Designprozess ist intellektueller, der künstlerische intuitiver. Erst wenn man sieht, dass jemand viel gegeben hat, hat man als Betrachter das Gefühl, dass mann auch etwas bekommt. Da wird es richtig interessant. Abstrakte Kunst sieht vielleicht nicht so selbstoffenbarend aus, kann es aber dennoch sein.

Ich denke, dass Glas gerade eine Renaissance erlebt und mit anderen Augen betrachtet wird. Siehst du das ähnlich?
Ja! Geht man zehn Jahre zurück, war Glas aus verschiedenen Gründen relativ unsichtbar. Seitdem ist allerdings viel Energie hereingekommen. Ich denke auch, dass die Sammler zurückkehren werden, wenn sie etwas Interessantes vorfinden.
Die Ausstellung En Blå Planet („Ein blauer Planet“) mit den fantastischen Arbeiten von Erika Lagerbielke ist noch bis zum 13. April in der Galleri Glas in Stockholm zu sehen.
Weitere Informationen über die Ausstellung finden Sie hier!




