Im Gespräch mit Katrin Stoll vom Auktionshaus Neumeister

2018 feierte das Münchener Auktionshaus Neumeister sein 60-jähriges Bestehen. Wir haben mit Geschäftsführerin Katrin Stoll über die Geschichte des Hauses, die aktuelle Situation auf dem Auktions- und Kunstmarkt und ihr ganz persönliches Jubiläum gesprochen.

Im Gespräch mit Katrin Stoll vom Auktionshaus Neumeister

In diesem Jahr feierte das Auktionshaus Neumeister nicht nur sein 60-jähriges Bestehen, auch für Sie persönlich war 2018 ein besonderes Jahr. Können Sie einige bedeutende Momente in der Geschichte des Auktionshauses nennen?

Der bedeutendste Moment für mich war natürlich die Übernahme des Auktionshauses vor 10 Jahren. Es war keine leichte Zeit, unter anderem aufgrund der schwierigen Umstände durch die Weltwirtschaftskrise 2008. Aber als alle Verträge unterzeichnet waren, war es ein einzigartiges Gefühl, das ich jeder ambitionierten Frau wünschen möchte!

Seit 2009 setzen wir auch neue Maßstäbe in  Bezug auf die Provenienzforschung, indem wir die lückenlose Aufarbeitung der Vergangenheit des Vorgängerunternehmens Adolf Weinmüller während der NS-Zeit vorangetrieben haben. Ein Vorgang, das für uns in Deutschland ein Alleinstellungsmerkmal attestiert.

Welches war das bedeutendste Objekt, das bisher bei Ihnen versteigert wurde?

Zu den wichtigsten Werken, die bei Neumeister versteigert wurden, zählen natürlich jene, die die Millionengrenze überschritten haben. 2007 haben wir Byzantium von Bridget Riley (1969) für 1,32 Millionen Euro versteigert, im Jahr 2000 Der ewige Hochzeiter von Carl Spitzweg für 2,9 Millionen D-Mark und 1990 Fünf Mädchen am Weiher von Otto Müller für 1,2 Millionen D-Mark.

Bridget Riley vor ihrem Werk "Byzantium" (1969) | Foto via Pinterest
Bridget Riley vor ihrem Werk "Byzantium" (1969) | Foto via Pinterest

Welche Objektkategorien werden bei Ihnen versteigert?

Das Auktionshaus Neumeister hat sich auf die Kategorien Alte Kunst, Schmuck und Klassische Moderne, Post War & Contemporary Art spezialisiert. In diesen Bereichen verfügen wir über hervorragende Experten und Expertinnen und können auf Top-Ergebnisse stolz sein.

Carl Spitzweg, Der ewige Hochzeiter, ca. 1860 | Abb. via Wikipedia
Carl Spitzweg, Der ewige Hochzeiter, ca. 1860 | Abb. via Wikipedia

Gemälde Alter Meister gelten im Vergleich zu moderner und zeitgenössischer Kunst gewissermaßen als „Ladenhüter“ oder zumindest als weniger begehrt. Wie sind Ihre Erfahrungen?

Man sollte die Alte Kunst auf keinen Fall unterschätzen, hier bekommt man für sein eingesetztes Kapital bisweilen höhere Qualität als bei Moderner Kunst. Ladenhüter können sich durchaus als Trouvaillen erweisen und Charme besitzen. Nur weil etwas nicht im Trend ist, sollte man es noch lange nicht abtun! Ich persönlich kaufe und sammle besonders gern gegen den „Mainstream“.

Leonardo da Vincis Salvator Mundi ist ein Werk der Alten Kunst und hat jede Menge Aufsehen erregt. Könnten so spektakuläre Auktionen wie diese für eine Trendwende sorgen?

Die Versteigerung des Salvator Mundi von Leonardo da Vinci war eine bemerkenswerte Inszenierung von Mittelalter-Kunst. Vor allem auch, weil es bei Christie‘s in der Auktion für Kunst der Nachkriegszeit und der Moderne angeboten wurde. Und das sagt natürlich etwas über die aktuelle Gewichtung von Alter Kunst und Moderne aus, über Zeitgeist und Moden in der Kunst.

Ein Alter Meister der Sonderklasse: Leonardo da Vincis "Salvator Mundi" | Abb.: Christie's
Ein Alter Meister der Sonderklasse: Leonardo da Vincis "Salvator Mundi" | Abb.: Christie's

Bei der Trendwende von Alter zu Moderner Kunst spielen meiner Meinung nach mehrere Faktoren eine Rolle: Zuerst gibt es ein „Bildungsproblem“: die Themen der Alten Kunst sind eher aus dem religiösen oder höfischen Bereich und in unseren Zeiten schwerer verständlich und vermittelbar. Außerdem werden Werke der Alten Kunst rarer und sind seltener auf dem Kunstmarkt erhältlich. Die meisten qualitätsvollen Werke sind in Sammlungen und Museen. Diese Verknappung sorgt dafür, dass Werke in guter oder hervorragender Qualität einen hohen Preis erzielen.

Moderne Kunst ist quantitativ betrachtet beinahe beliebig verfügbar und für ein größeres Publikum leichter zugänglich. Jedes Jahr kommen neue Künstler und Kunstwerke auf den Markt.

Die Rockefeller-Auktion in New York hat in diesem Jahr für viel Furore gesorgt. Was ist das Besondere an der Versteigerung von Sammlungen?

Die Rockefeller-Auktion umgab der sogenannte „Sammler-Nimbus“, d.h. ein prominenter Name und eine exzellente Provenienz.

Wir versteigern sehr gerne Sammlungen. Der Vorteil ist hier, dass die Provenienz bekannt ist  und die Sammlung in der Regel lange in Privatbesitz war. In der letzten Zeit haben wir einige sehr qualitätvolle Sammlungen, u. a. von Dr. Alfred Ziffer oder Karl Wormser versteigert. Eine ganz besondere Sonderauktion war 2015 die Sammlung aus dem Privatnachlass von Diethild und Lothar-Günther Buchheim im Buchheim-Museum in Bernried.

Katalogcover zur Sonderauktion "Expressionistische Druckgraphik aus dem Privat-Nachlass Diethild und Lothar-Günther Buchheim" im November 2015 | Abb.: Neumeister
Katalogcover zur Sonderauktion "Expressionistische Druckgraphik aus dem Privat-Nachlass Diethild und Lothar-Günther Buchheim" im November 2015 | Abb.: Neumeister

2016 sorgte das neue Kulturgutschutzgesetz für viel Wirbel. Haben sich die Bedenken Ihrer Meinung nach bestätigt? Was sind ihre persönlichen Erfahrungen?

Ziel des neuen Kulturgutschutzgesetztes waren eindeutigere Ein- und Ausfuhrregelungen, klarere Sorgfaltspflichten beim Erwerb von Kulturgut und Schutz des Kunsthandelsstandortes Deutschland. Leider hat es vor allem für viel Wirbel gesorgt. Vor allem durch seine praxisfernen Vorgaben und eine schwierige  Aufgabenteilung von Kultus, Bund und Land, was zu viel Unsicherheit in der Branche geführt hat.

Das Internet bietet auch für den Kunstmarkt viele neue Möglichkeiten, ein größeres Publikum zu erreichen. Macht sich das auch im Auktionshaus Neumeister bemerkbar?

Natürlich macht sich das auch bei uns bemerkbar. Wir erreichen im Internet Interessenten und Bieter aus der ganzen Welt. Erst bei unserer sehr erfolgreichen „Benefiz“-Auktion im Juli 2018 hatten wir 500 Anfragen und Bieter aus den verschiedensten Ländern: z. B. USA, Kanada, Russland, Israel, Irak, Arabische Emirate, China, Australien, Indien und viele mehr.

Vor diesem Hintergrund: Auf welchem Wege werden aktuell die meisten Gebote abgegeben? Im Saal, telefonisch, schriftlich oder online?

Die meisten Gebote gibt es immer noch im Auktionssaal. Es herrscht hier doch eine besondere Atmosphäre. Danach kommen die telefonischen Vorgebote und die schriftlichen Gebote. Der Online-Anteil ist geringer, wir bemerken aber eine steigende Tendenz.

Welchen Rat können Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben, die sich eine eigene Kunstsammlung aufbauen möchten?

Meiner Meinung nach, ist das Wichtigste Wissen aufzubauen. Ich rate dazu einschlägige Literatur zu lesen und vor allem Galerien, Auktionshäuser, aber auch Museen und Kunstmessen zu besuchen. Natürlich sollte man sich auch vorher Gedanken darüber machen, was man sammeln möchte. Man kann bereits unter 1.000 Euro Druckgrafik eines am Markt etablierten Künstlers erwerben (z.B. von Corinth oder Slevogt). Oder Sie beginnen mit dem Sammeln eines bestimmten „Themas“.

Lovis Corinth, Die Waffen des Mars (1914): Versteigert bei Neumeister im Dezember 2017 für 762 Euro (inkl. Aufgeld) | Abb.: Neumeister
Lovis Corinth, Die Waffen des Mars (1914): Versteigert bei Neumeister im Dezember 2017 für 762 Euro (inkl. Aufgeld) | Abb.: Neumeister

Auf jeden Fall sollte man nie ein Werk ohne Expertise der entscheidenden Autorität oder Institution und - bei Werken mit Entstehungsjahr vor 1945 - mit unerforschter Provenienz kaufen. Und noch ein Tipp: Verlassen Sie sich nie auf nur eine einzige Meinung!

Welche Art von Kunst oder Kunstobjekt bietet die besten Investitionsmöglichkeiten?

Bei Blue Chip Künstlern wie z.B. Pablo Picasso, Andy Warhol, Gerhard Richter, Francis Bacon, Mark Rothko, Claude Monet, Alberto Giacometti oder Vincent van Gogh kann man im Grunde nichts falsch machen. Wem die dafür zu zahlenden Geldbeträge zu hoch sind, sollte nach noch erschwinglichen Künstlern Ausschau halten, deren Marktwert erkennbar steigt. Ebenso kann es sich lohnen, vollkommen gegen den Mainstream zu kaufen.

Pablo Picassos "Les femmes d'Alger (Version 'O')" war von Mai 2015 bis November 2017 das teuerste Gemälde der Welt | Abb.: Christie's
Pablo Picassos "Les femmes d'Alger (Version 'O')" war von Mai 2015 bis November 2017 das teuerste Gemälde der Welt | Abb.: Christie's

Gab es einen persönlichen Favoriten unter den vielen Kunstwerken, die Sie im Laufe Ihrer Karriere versteigert haben?

Mein persönlicher Favorit ist das Bayerische Königsservice, das wir 2006 in einer Sonderauktion versteigert haben. Es wurde anlässlich der goldenen Hochzeit von König Ludwig III. von Bayern und Marie Therese Henriette Dorothea Erzherzogin von Österreich-Este von der Porzellan-Manufaktur Nymphenburg angefertigt und umfasst 326 Teile. Das Besondere daran sind die vielen verschiedenen Ansichten von Orten, die dem Königspaar persönlich am Herzen lagen oder die für die Geschichte des Hauses Wittelsbach von Bedeutung waren.

Nymphenburg, Acht Mokkatassen mit Untertassen und drei Schälchen mit dem Dekor "Bayerisches Königsservice" nach dem Modell von Dominikus Auliczek. Versteigert bei Neumeister im März 2018 | Foto: Neumeister
Nymphenburg, Acht Mokkatassen mit Untertassen und drei Schälchen mit dem Dekor "Bayerisches Königsservice" nach dem Modell von Dominikus Auliczek. Versteigert bei Neumeister im März 2018 | Foto: Neumeister

Wir waren sehr stolz, ein solches Kulturgut versteigern zu dürfen. Die enge Verbindung zum Hause Wittelsbach ist seitdem geblieben, wie die Benefizauktion im Juli diesen Jahres gezeigt hat.

Wir danken Katrin Stoll herzlichst für das Gespräch und wünschen ihr und dem Auktionshaus Neumeister weiterhin viel Erfolg.

Auf die nächsten 60 Jahre!