Im Zentrum der Herbst-Auktionen mit moderner und zeitgenössischer Kunst, die vom 27.-30. November im Auktionshaus Grisebach in Berlin stattfinden, steht der Katalog "Ausgewählte Werke", dessen 50 Lose am 28. November ab 18 Uhr zum Aufruf kommen.
Angeführt wird diese herausragende Offerte von einem späten Meisterwerk Marc Chagalls, das dieser 1979 im fortgeschrittenen Alter von 91 Jahren malte und das dennoch die pure Jugendlichkeit ausstrahlt. Chagall war zu dem Zeitpunkt ein weltweit gefeierter Maler, der sich mit Les fiancés aux anémones ("Die Verlobten mit den Anemonen") die Zeit genommen zu haben scheint, einen Moment innezuhalten und sein Leben, symbolisiert von der Kuh in der oberen rechten Ecke, Revue passieren zu lassen, wobei er Gegenwart und Vergangenheit in dem Bild vereinte.

Die Gegenwart, das ist der Blick von der Blumen geschmückten Terrasse auf den von einer Kirche gekrönten Hügel von Saint-Paul-de-Vence in Südfrankereich, Chagalls Wahlheimat. Die Vergangenheit, das ist das Brautpaar, das ihn und seine 1944 verstorbene erste Frau Bella darstellt, sowie die geisterhaften Gestalten, die den blauen Himmel über der Côte d’Azur bevölkern.

Im krassen Gegensatz zu Chagalls etwas sehnsüchtiger Lebensbejahung, steht die älteste Arbeit des Katalogs. Tod von 1897 diente Käthe Kollwitz als eine Vorzeichnung zu ihrem Zyklus Der Weberaufstand, das ein Schlüsselwerk in ihrem Schaffen und gleichzeitig ihr Durchbruch als sozialkritische Künstlerin war.

Mehrfach vertreten ist Max Liebermann, darunter mit einem großformatigen Werk von musealer Qualität aus dem Jahr 1907, bei dessen Anblick man sich zunächst auf einem der schwimmenden Märkte in Südostasien wähnt. Tatsächlich handelt es sich bei dem Motiv jedoch um den damaligen Gemüsemarkt in Delft.

Zwei Jahre später ließ Brücke-Künstler Max Pechstein die Eindrücke, die er während eines Aufenthaltes bei der Avantgarde in Paris gesammelt hatte, in sein Werk Die hellgrüne Jacke einfließen, wobei er die Komposition allein aus dem Zusammenspiel der Farben entwickelte.
1913 hatte Franz Marc zu jenem Stil gefunden, mit dem er sich endlich und wahrhaftig auszudrücken vermochte. Im selben Jahr bemalte er eine Postkarte mit einem weißen und einem grünen Pferd, die jedoch erstmal in einer Schublade verschwand. Erst zwei Jahre später, als (unfreiwilliger) Soldat an der französischen Front, entdeckte er sie wieder und sandte sie an Lisbeth Macke, Frau seines Freundes August Macke, der bereits im September 1914 gefallen war.

In der Grußbotschaft, die Marc am 8. November 1915 auf der Karte verfasste, erinnert er sich an die friedlichen Zeiten, in denen er das Motiv gemalt hatte. Vier Monate später fiel Franz Marc ebenfalls in der Nähe von Verdun.

Mit Max Beckmanns Kleine Landschaft aus Bandol von 1938 kehren wir in die Nachbarschaft von Saint-Paul-de-Vence zurück. Beckmann bereiste im August 1938 die französische Riviera und hielt seine Eindrücke in Gemälden fest, die von der großen Farbigkeit seiner Werke zu jener Zeit zeugen.

Ebenfalls Teil der Offerte ist eines der berühmten Bleibilder von Günther Förg aus dem Jahr 1991. In ihnen experimentierte Förg mit der Materialität der unebenen Oberfläche, die er lediglich minimalistisch mit Farben kombinierte.

In insgesamt sechs Motiven interpretierte Roy Lichtenstein 1992 Claude Monets impressionistische Seerosenbilder in dem ihm eigenen Stil neu. Zwei dieser limitierten Lackserigrafien kommen bei Grisebach zum Aufruf.

Den Auftakt der Herbstauktionen bildet am 27. November ab 15 Uhr die Kunst des 19. Jahrhunderts. Ein hochinteressantes Werk ist hier Parklandschaft in Plankenberg des Wiener Malers Emil Jakob Schindler, das die beiden Töchter des Künstlers im Garten beim Blumenflücken zeigt. Die ältere Tochter wurde später unter dem Namen Alma Mahler-Werfel bekannt, deren drei Ehemänner Komponist Gustav Mahler, Architekt Walter Gropius und Dichter Franz Werfel waren. Ein zeitweilige Affäre verband sie zudem mit dem Maler Oskar Kokoschka.

Ein Beispiel für die Orientbegeisterung des 19. Jahrhunderts ist das dramatische Werk Der Samum in der Wüste von Johann Hermann Kretzschmer, das dieser nach einer Ägyptenreise 1844 in seinem Berliner Atelier ausführte. Samun oder Samum ist ein Sandsturm im arabisch-nordafrikanischen Raum. Die Übersetzung des arabischen Begriffs lautet "Giftwind".

Auch Johann Wolfgang von Goethe kann in der Offerte mit der um 1810 entstanden Federzeichnung Gebirgssee in südlicher Landschaft sein künstlerisches Talent unter Beweis stellen. Insgesamt hinterließ der Dichterfürst ein zeichnerisches Œuvre von rund 2600 Arbeiten.
Ebenfalls am 27. November kommen ab 18 Uhr Fotografien zum Aufruf. Hier ist besonders August Sanders Menschen des 20. Jahrhunderts zu erwähnen, eine zwischen 1912 und 1932 entstandene, einflussreiche Reihe mit Alltagsportraits. Bei Grisebach werden erstmalig jene 70 Silbergelatineaufnahmen von 1961-63 angeboten, die Sander kurz vor seinem Tod 1964 noch selbst für eine Ausstellung aus seinen Aufnahmen zusammengestellt hatte.

Ergänzt werden die genannten Auktion durch die kurierte ORANGERIE-Auktion Große Tiere (28. November, 15 Uhr), Moderne Kunst & Eine rheinische Privatsammlung (29. November, 11 Uhr), Zeitgenössische Kunst (29. November, 18 Uhr) sowie Third Floor – Schätzwerte bis 3.000 Euro, die am 30. Novemerb um 11 und 15 Uhr den Abschluss der Herbst-Auktionen bildet.
Die Auktionen finden im Auktionshaus Grisebach in der Fasanenstraße 27 in Berlin statt. Die Ausstellung mit allen Werken ist dort vom 22.-26. November geöffnet. Ausgewählte Werke können zudem vom 15.-17. November bei Grisebach in der Bilker Str. 4-6 in Düsseldorf besichtigt werden.
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