Stammt diese Skulptur von Leonardo da Vinci?

Könnte es sich bei einer Madonnenskulptur um die einzige überlieferte Plastik des Renaissancegenies Leonardo da Vinci handeln? Ein Kreis italienischer Experten ist davon überzeugt.

Links: Selbstbildnis Leonardo da Vincis um 1512, Biblioteca Reale, Turin || Rechts: "Madonna mit dem lachenden Kind", um 1472 | Foto: Victoria & Albert Museum, London via The Guardian
Links: Selbstbildnis Leonardo da Vincis um 1512, Biblioteca Reale, Turin || Rechts: "Madonna mit dem lachenden Kind", um 1472 | Foto: Victoria & Albert Museum, London via The Guardian

Leonardo da Vinci ist der Name, der vermutlich als erstes genannt wird, wenn es um Universalgelehrte der Renaissance geht. Das vielfältige Genie war Maler und Ingenieur, Naturphilosoph und Anatom und außerdem auch Bildhauer. Leider hat keine seiner dreidimensionalen Arbeiten bis heute überlebt oder konnte ihm eindeutig zugeordnet werden.

Selbstbildnis Leonardo da Vincis um 1512, Biblioteca Reale, Turin
Selbstbildnis Leonardo da Vincis um 1512, Biblioteca Reale, Turin

Das könnte sich nun ändern. Laut The Guardian behauptet eine Gruppe von Wissenschaftlern, angeführt vom Renaissanceexperten Professor Francesco Caglioti von der Universität Neapel, dass ein Sammlungsstück des Victoria & Albert Museum in London bislang dem falschen Künstler zugeordnet und in Wahrheit von Leonardo da Vinci geschaffen wurde.

"Madonna mit dem lachenden Kind", um 1472 | Foto: Victoria & Albert Museum, London via The Guardian
"Madonna mit dem lachenden Kind", um 1472 | Foto: Victoria & Albert Museum, London via The Guardian

Die besagte Terrakottafigur trägt den Namen Madonna mit dem lachenden Kind sowie die Inventarnummer 4495-1858 des Museums. Seit 1858 befindet sie sich nämlich im Besitz der Londoner Institution, die sechs Jahre davor eröffnet worden war - damals noch unter dem Namen South Kensington Museum. Von 1967 bis 1973 war John Pope-Hennessy Direktor des mittlerweile umbenannten Museums. Er schrieb die Figur einem anderen Renaissancekünstler zu: Antonio Rossellino (1427/28 - 1479), der den größten Teil seines Lebens in Florenz verbrachte.

Laut Caglioni sei die Ähnlichkeit mit Arbeiten Leonardo da Vinci jedoch unverkennbar, weist die Madonna doch jenes ganz besondere Lächeln auf, das auch von deren Werken Leonardos bekannt ist, allen voran die Mona Lisa. Die Kombination des Lächelns und des Blickwinkels der Gottesmutter ähnelt außerdem dem Ausdruck der heiligen Anna auf dem um 1509 geschaffenen Ölgemälde Anna selbdritt.

Leonardo da Vinci, Anna selbdritt, um 1509, Louvre, Paris
Leonardo da Vinci, Anna selbdritt, um 1509, Louvre, Paris

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Madonna mit dem lachenden Kind wird um das Jahr 1472 datiert. Leonardo da Vinci war damals 20 Jahre alt und Mitarbeiter in der Werkstatt seines Lehrers Andrea del Verrocchio. Erhaltene Zeichnungen Leonardos zeigen, dass er sich damals intensiv mit voluminösen und detailreichen Faltenwürfen beschäftigte, wie sie auch die Terrakottafigur aufweist.

Links: "Madonna mit dem lachenden Kind", um 1472 | Foto: Victoria & Albert Museum, London via The Guardian || Rechts: Antonio Rossellino, Maria mit dem fröstelnden Kind, um 1475, Bode-Museum, Berlin
Links: "Madonna mit dem lachenden Kind", um 1472 | Foto: Victoria & Albert Museum, London via The Guardian || Rechts: Antonio Rossellino, Maria mit dem fröstelnden Kind, um 1475, Bode-Museum, Berlin

Warum war sich John Pope-Hennessy also so sicher, eine Arbeit Antonio Rosselinos vor sich zu haben? Rossellino war ein Meister des Flachreliefs, für die er wiederholt Madonnen als Motiv wählte. Eines davon ist die um 1475 geschaffene Maria mit dem fröstelnden Kind aus gebrannten Ton vor goldenem Hintergrund, die heute im Berliner Bode-Museum ausgestellt wird. Hier lässt sich die Ähnlichkeit zur Madonna mit dem lachenden Kind nicht verleugnen, was Caglionis These widerlegen könnte.

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