An einem Tag im Jahr 1830 lieferte das Münchner Spielwarengeschäft Auracher neues Spielzeug für die jüngeren Kinder König Ludwig I. in die Residenz. An und für sich kein aufsehenerregendes Ereignis – für Aufsehen sorgte aber dennoch etwas oder vielmehr jemand: die Überbringerin der Lieferung, die damals 17-jährige Helene Sedlmayr.
Helene Sedlmayr war 1813 im oberbayerischen Trostberg als Tochter eines Schusters zur Welt gekommen und hatte mit fünfzehn eine Anstellung als Dienstbotin im besagten Spielwarengeschäft in München erhalten, das auch den Königshof belieferte. Als Ludwig I. Helene Sedlmayrs ansichtig wurde, hatte er wenige Jahre zuvor ein Projekt begonnen, das bis heute erhalten und weit bekannt ist: die Schönheitengalerie im Schloss Nymphenburg.
Ludwig I., der einer schönen Frau nur selten widerstehen konnte, war nicht der erste, der eine solche Galerie in Auftrag gab. Entsprechende Vorbilder dafür gab es in Italien, England, Sachsen und Russland. Während sich jene Schönheitengalerien jedoch auf Damen des Adels konzentriert hatten, ging Ludwig einen Schritt weiter und „demokratisierte“ die Porträts, indem er junge Frauen aus allen Gesellschaftsschichten abbilden ließ. So ist in der Galerie das Porträt einer hohen Dame wie Ludwigs Schwester Sophie, Erzherzogin von Österreich, oder einer adeligen Abenteurerin wie Lady Jane Digby genauso zu finden wie das Bildnis einer Bürgerlichen wie Auguste Strobl.
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Ausführender Künstler dieses bis 1850 36 Porträts umfassenden Projekts war der geniale Porträtmaler Joseph Karl Stieler, der seit 1820 bayerischer Hofmaler war. Stielers Schönheiten waren absolut makellos, aber gleichzeitig so realistisch, das man sich ihnen von Angesicht zu Angesicht wähnte. Während er die 12 bis dahin porträtierten Frauen in der damaligen Mode entsprechenden Kleidern darstellt hatte, schwebte ihm für die aus einfachen Verhältnissen stammende Helene Sedlmayr etwas anderes vor: die Münchner Tracht, selbstverständlich in bester Version. Vielleicht war das Arrangement auch die Idee von Ludwig selbst gewesen, der Helene dafür „eine schöne, silberne Riegelhaube, silberne Ketten für das Mieder, ein Halstuch, Kleid gegeben“ hatte.

Das Ergebnis war 1831 ein Porträt, das Helene in madonnenhafter Unschuld zeigt, mit ein wenig verträumt nach oben blickenden sanften braunen Augen – der Inbegriff der „schönen Münchnerin“. Ludwig war entzückt. Die erste Version kam natürlich umgehend in die Schönheitengalerie, eine zweite Version, die Stieler zwischen 1831 und 1834 malte, erhielt die Porträtierte selbst als Geschenk. Vielleicht war es ein Hochzeitsgeschenk, denn Helene heiratete im April 1834 den königlichen Kammerdiener Hermes Miller. Der allen Anschein nach glücklichen Ehe entsprangen zehn Kinder, die teilweise Paten aus der Königsfamilie hatten, darunter auch König Ludwig I. höchstselbst.
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Das zweite Porträt verblieb im Besitz der Nachfahren Helene Sedlmayrs, bis es in der vergangenen Woche in der Auktion mit Kunst des 19. Jahrhunderts im Berliner Auktionshaus Grisebach angeboten wurde. Aufgerufen mit einem Schätzpreis in Höhe von 80.000-120.000 Euro, erzielte das Bildnis schließlich 237.500 Euro (inkl. Aufgeld), was einem neuen Rekord für Joseph Karl Stieler entspricht, wie Grisebach auf Instagram bekannt gab. Der Post nennt zudem die Edith-Haberland-Wagner Stiftung als Käufer, die das Porträt zukünftig öffentlich ausstellen möchte.

In den vergangenen Jahren haben von Joseph Karl Stieler ausgeführte Porträts auf dem Auktionsmarkt wiederholt Preise im sechsstelligen Bereich erzielt, darunter Bildnis Maria Theresia v. Tettenborn (146.050 Euro), Gräfin Sophie Kisseleff (120.650 Euro) sowie mehrere Porträts von Mitgliedern des bayerischen Königshauses. Sie alle wechselten im Münchner Auktionshaus Neumeister den Besitzer. Stielers dritte Version des Porträts der Auguste Strobl, die 1827 als erste in die Schönheitengalerie eingezogen war, konnte 2019 bei Lempertz in Köln sogar für den Spitzenpreis von 161.200 Euro verkauft werden.
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