1926 erfand Coco Chanel das „Kleine Schwarze“, das 35 Jahre später durch den Film Frühstück bei Tiffany zur Ikone wurde und heute in keinem Kleiderschrank fehlen darf. Vor dieser bahnbrechenden Erfindung war die Farbe Schwarz hauptsächlich der Trauer vorbehalten und wurde daher eher selten gewählt, wenn sich eine Dame porträtieren lassen wollte.
Hier sind fünf Beispiele, bei denen ein schwarzes Kleid dann aber doch zum Einsatz kam.
John Singer Sargent, Madame X, 1883/84

Das Kleid in der Kunstgeschichte, das am ehesten vor der Erfindung des Kleinen Schwarzen an ein solches erinnert (und auch glatt als Versace-Kreation aus den 1990er Jahren durchgehen könnte), ist jenes, das die sehr blasse Frau mit rotbraunem Haar in John Singer Sargents (1856-1925) Gemälde Madame X trägt.
Das Modell hieß Virginie Gautreau (1859-1915) und stammte aus New Orleans. Im Alter von acht Jahren war sie mit ihrer französisch-kreolischen Mutter, der Vater war im Amerikanischen Bürgerkrieg gefallen, nach Paris gezogen. Die etwas mysteriöse Herkunft der beiden und die aparte Schönheit Virginies sorgten dafür, dass das Mutter-Tochter-Duo in Paris zwar bekannt, in der High Society jedoch nicht anerkannt war. Dennoch konnte Virginie den reichen Bankier Pierre Gautreau als Ehemann „an Land ziehen“.
Das Porträt entstand, da nicht nur Virginie, sondern auch John Singer Sargent nach der Anerkennung der Pariser Gesellschaft strebte. Der Schuss ging jedoch nach hinten los, da die gewagte Darstellung Virginies, deren Identität man noch mit dem Bildtitel Portrait de Mme *** vergeblich zu schützen versucht hatte, im Pariser Salon von 1884 einen Skandal auslöste.
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In der Folge konnte Sargent als Maler in Paris nicht wirklich Fuß fassen. Das umstrittene Porträt begleitete ihn nach London und auf internationale Ausstellungen. 1916 wurde es vom Metropolitan Museum of Art in New York erworben.
Joseph Karl Stieler, Lola Montez, 1847

Das nächste Gemälde zeigt das Porträt einer echten Kosmopolitin, die im Laufe ihres nur 40 Jahre währenden Lebens Europa, Indien, Australien und Nordamerika kennengelernt hatte. Bekannt geworden ist sie jedoch als „bayerische Pompadour“, als Mätresse des Bayernkönigs Ludwig I. (1786-1868), die beim Volk so unbeliebt war, dass ihre Existenz zu den Unruhen in München im Revolutionsjahr 1848 beitrug.
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Als Ludwig die spanische Tänzerin Lola Montez (1821-1861) 1846 kennenlernte, hatte diese bereits viele aufregende Gastspiele in den Hauptstädten Europas gehabt, wo ihre Auftritte immer wieder zu Tumulten geführt hatten und sie Affären mit dem einen oder anderen Fürsten unterhalten hatte.
In Wahrheit floss jedoch kein Tropfen spanischen Blutes durch Lolas Adern, die als Tochter eines schottischen Offiziers in Irland geboren worden war und eigentlich Elizabeth Rosanna Gilbert hieß. Eine zeitlang lebte die Familie Gilbert in Indien und nach ihrer ersten Heirat kehrte Elizabeth dorthin zurück. Nach der Trennung von ihrem Mann zog es sie wieder nach England, wo sie spanische Tänze lernte, sich in Lola Montez umbenannte und vorgab, eine waschechte Spanierin zu sein.
In den zwei Jahren, die Lola eine Affäre mit Ludwig I. hatte und die mit dessen Abdankung endeten, ließ der verliebte König seine Mätresse von Joseph Karl Stieler für seine berühmte Schönheitengalerie in Schloss Nymphenburg malen. In dem Porträt zelebriert Lola ihr exotisches Aussehen und ergänzt ihr rabenschwarzes Haar mit einem schwarzen Kleid und einem spanisch anmutendem Spitzenschleier.
Nach der Affäre mit dem König, lebte Lola in der Schweiz, trat als Tänzerin sogar in Australien auf und zog schließlich nach New York, wo sie 1861 starb.
James McNeill Whistler, Arrangement in Grey and Black No. 1, 1871

Das Gemälde des amerikanischen Malers James NcNeill Whistler (1834-1903) ist unter drei Namen bekannt: Arrangement in Grey and Black No. 1, Portrait of the Painter’s mother und Whistler’s Mother, wobei der letztere Name der geläufigste ist.
Über die Entstehung des berühmten Motivs existieren verschiedene Gerüchte: Zum einen soll Whistlers Mutter Anna nur eingesprungen sein, weil das eigentlich vorgesehene Modell zum verabredeten Termin nicht aufgetaucht war. Zum anderen soll die sitzende Position der Protagonistin nur deshalb gewählt worden sein, da das lange Stehen für die damals 63-jährige zu anstrengend war.
Zum Zeitpunkt des Entstehens des Gemäldes lebten Whistler und seine Mutter in England und der Maler präsentierte es 1872 bei der jährlichen Ausstellung der Royal Academy of Art in London. Das dortige Publikum stieß sich jedoch daran, dass ein Gemälde, das dem Namen nach ein Arrangement von Farben sein sollte, in Wahrheit ein Porträt war. Um die Kritik zu entschärfen wurde der Namenszusatz Portrait of the Painter's mother hinzugefügt.
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1981 wurde das Gemälde vom französischen Staat, Whistler lebte hauptsächlich in Paris, gekauft und wird heute im Musée d’Orsay ausgestellt. Auf vielen Tourneen bereiste es aber auch die Vereinigten Staaten und ist heute eines der berühmtesten Werke eines amerikanischen Künstlers, das bereits in unzähligen Filmen und Fernsehproduktionen einen Auftritt hatte oder zumindest zitiert wurde.
Gyula Benczúr, Porträt der Elisabeth von Österreich-Ungarn, 1899

Über dieses Porträt seiner Frau Elisabeth (1837-1898) schrieb der österreichische Kaiser Franz Joseph I. (1830-1916) seiner Vertrauten Katharina Schratt, dass er es für das beste aller Porträts der Kaiserin halte, da es deren „Gestalt vorzüglich“ wiedergegeben und deren Gesicht einen „sehr angenehmen Ausdruck“ habe.
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Der ungarische Maler Gyula Benczúr (1844-1920) malte das Porträt seiner Königin und Kaiserin von Österreich im Jahr 1899, also im Jahr nach Elisabeths Ermordung in Genf. Elisabeth ist in einem eleganten schwarzen Kleid vor einem goldenen Hintergrund abgebildet. Wie Franz Joseph in dem oben zitierten Brief ebenfalls erwähnte, wählte Benczúr für das Gesicht ein jugendlicheres Alter der Verblichenen.
Natürlich war es Benczúr nicht mehr möglich gewesen, ein Porträt nach der Natur anzufertigen. Doch auch wenn Elisabeth noch am Leben gewesen wäre, wäre es problematisch geworden, denn die scheue und sehr auf ihre Schönheit bedachte Kaiserin ließ sich im Alter kaum noch malen, fotografieren bereits mit Anfang dreißig nicht mehr. Schirme und Fächer wurden die ständigen Begleiter der reiselustigen Elisabeth.
Das schwarze Kleid hingegen zeigt Elisabeth so, wie sie die letzten neun Jahre ihres tatsächlich Lebens verbracht hatte. Nach dem Selbstmord ihres Sohnes Kronprinz Rudolf im Januar 1889 trug sie keine andere Farbe mehr. Nur einmal im Jahr, am Geburtstag ihres kaiserlichen Gemahls, machte sie eine Ausnahme.
Franz von Stuck, Die Sünde, um 1893

Obwohl man es vielleicht vermuten könnte, löste Franz von Stucks (1863-1928) Gemälde Die Sünde keinen Skandal aus, als es im späten 19. Jahrhundert im Zuge einer Ausstellung der von Stuck mitbegründeten Münchener Secession erstmals öffentlich ausgestellt wurde. Stattdessen wurde es zu einer Art Kultbild des Fine de Siècle, das die Fantasie der Männerwelt anregte und von dem Stuck zwischen 1891 und 1912 mehrere Versionen ausführte.
In dem symbolistischen Werk setzte Stuck sein Lieblingsmodell und langjährige Geliebte Anna Maria Brandmaier als personifizierte Sünde in Szene. Was auf den ersten Blick wie schwarze Kleidung (vielleicht eine voluminöse Stola) erscheinen mag, entpuppt sich auf den zweiten Blick als schwarzes Haar und eine riesige, einer Python ähnelnde Schlange, die den makellos weißen Frauenkörper beinahe gänzlich umhüllen.
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Sowohl Frau als auch Schlange, die es an Grässlichkeit zu 100% mit der Schlange von Voldemort aus den Harry Potter-Filmen aufnehmen kann, blicken den Betrachter geradewegs an, was den verführerischen Charakter noch hervorhebt.
Während die Schlange in der Kunstgeschichte ein „altbewährtes“ Symbol für die Sünde war, entsprach die Darstellung der personifizierten Sünde in Schwarz dem damals aufkommenden Typus der Femme fatale, die, inspiriert von Vampirgeschichten und einem zunehmen Interesse am Okkulten, Männer als eine Art Halbdämonin ins (erotische) Verderben stürzt.




