In seiner ursprünglichen Form ist ein Spiegel ein Naturphänomen, das sogar dem einen oder anderen Tier geläufig ist. Die reflektierenden Oberflächen von Gewässern waren es, in denen unsere Vorfahren sich selbst betrachteten. Daran erinnern auch heute noch Mythen und Geschichten, wie jene des griechischen Jünglings Narcissus, der, ganz in die Betrachtung seines schönen Gesichts versunken, in eine Blume verwandelt wurde.
Wie die ersten Spiegel „für den Hausgebrauch“ genau ausgesehen haben, ist nicht genau bekannt. In Anatolien wurden jedoch polierte und reflektierende Obsidianstücke gefunden, die aus der Zeit um 6.000 v. Chr. datieren.

Die Entwicklung der Metallurgie in Ägypten und Mesopotamien ermöglichte es den dortigen Zivilisationen Spiegel aus Bronze und Kupfer herzustellen, die Römer verwendeten dafür später Blei und Silber. Ein Spiegel war ein teures Luxusgut, das sich nur reiche Menschen leisten konnten. Plinius der Ältere (23-79 n. Chr.) berichtet von mit Metall hinterlegten Glasspiegeln, die in Sidon im heutigen Libanon hergestellt wurden. Die ältesten Spiegel dieser Art, die heute erhalten sind, stammen aus dem 2. Jahrhundert.
Spiegel, wie wir sie heute kennen, entstanden in der Renaissance: glatte Glasplatten, die mit einer Zinn- oder Quecksilberschicht überzogen wurden. Venedig war eine Hochburg der Spiegelherstellung. Nach wie vor waren Spiegel der wohlhabenden Oberschicht vorbehalten, die sie als Statussymbole betrachtete. Mit dieser Symbolik behaftet, fanden Spiegel auch Einlass in die Kunst. Ein frühes Beispiel dafür ist Die Arnolfini-Hochzeit von Jan van Eyck (1434). Allerdings waren Spiegel damals noch gewölbt, was auf die eingeschränkte mittelalterliche Technik zurückzuführen ist.
Lesen Sie auch: Von Van Eyck bis Botero: Die Geheimnisse der Arnolfini-Hochzeit

Seinen Höhepunkt als Prestigeobjekt hatte der Spiegel im Zeitalter des Barock, der die endlose Macht eines absoluten Herrschers verkörperte. Daher wählte Ludwig XIV. von Frankreich den Spiegel auch zum Schlüsselelement jenes Raumes, der seinen Machtanspruch und seine Selbstdarstellung wie kein anderer zelebrierte: der Spiegelsaal im Schloss von Versailles. Für die Herstellung der Spiegel war 1665 eigens die Manufaktur des Glaces gegründet worden, womit das venezianische Monopol der Spiegelglasherstellung endete. Die monumentale Ausstattung des Saals mit den reflektierenden Wandflächen beeindruckt auch heute noch seine vielen Besucher aus aller Welt.
Lesen Sie auch: Benutzte Jan Vermeer eine Camera obscura?

Ausgehend vom Beispiel Versailles trat der Spiegel im 18. Jahrhundert endgültig seinen Siegeszug an. Es gab kaum einen Kamin in einem herrschaftlichen Haus, über dessen Sims nicht ein mit einem kunstvollen goldenen Rahmen verzierter Spiegel hing. Edle Damen empfingen den ersten Besuch des Tages während ihrer Morgentoilette, deren Mittelpunkt nicht nur sie selbst, sondern auch der Spiegel auf ihrem Frisiertisch war.
Zum allgemein zugänglichen Objekt entwickelte sich der Spiegel im 19. Jahrhundert, nachdem die Quecksilberschicht durch eine Schicht aus Silber ersetzt wurde und sich neue Hygienestandards im öffentlichen und privaten Bereich zu etablieren begannen. Im 20. Jahrhundert hatten Spiegel endgültig in jedem Haushalt Einzug gehalten und auch Künstler ließen mit ihnen ihrer Kreativität freien Lauf. Doch auch in anderen Bereichen, wie Medizin, Physik, Mechanik und natürlich Fotografie, wurden flache, konvexe oder konkave Spiegel unverzichtbar.

Heute sind Spiegel in jeder Preisklasse erhältlich – auch auf dem Sekundärmarkt, wo Exemplare von renommierten Designern hohe Preise erzielen, die bisweilen an die Kosten für einen Spiegel während der Renaissance erinnern. So wurde 2004 ein George II-Spiegel von William und George Linnell aus dem Jahr 1752 bei Christie’s in New York für 1,6 Millionen USD (ca. 1,3 Millionen Euro) versteigert.
Lesen Sie auch: Von Marketerie bis Chinoiserie: Die Stile des 18. Jahrhunderts
Der König unter den modernen Spiegeldesignern ist die Französin Claude Lalanne (1924-2019). Im Zuge der Versteigerung der Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé bei Christie’s im Jahr 2009 kam auch ein Los mit 15 Spiegeln von Claude Lalanne mit vergoldetem Bronzerahmen und galvanisierten Kupferblättern zum Aufruf. Das traumhaft schöne Stück wechselte für 1,9 Millionen Euro den Besitzer. In einer weiteren Pierre Bergé-Auktion bei Sotheby’s France im Jahr 2018 wurde der von Yves Saint Laurent in Auftrag gegebene Miroir de Tanger (1999) für 909.000 Euro verkauft.

Auch die frühesten Spiegel aus der Antike ziehen Sammler an. So wurde ein ägyptischer Spiegel der 18. Dynastie (ca. 1539-1292 v. Chr.) 2014 bei Christie’s in New York für 137.000 USD (ca. 115.400 Euro) versteigert. Vier Jahre später wechselte ein chinesischer Spiegel der Qing-Dynastie (1644-1911) bei Christie’s in Paris für 156.000 Euro den Besitzer. Natürlich kann sich auch die individuelle Geschichte eines Objekts auf dessen Preis auswirken, so geschehen bei einem Spiegel mit hübschem Silberrahmen, der im Dezember 2018 bei Richard Winterton Auctioneers zum Aufruf kam. An und für sich nichts Besonderes, erzielte er Spiegel dennoch 2.800 GBP (ca. 3.300 Euro), ein hoher Preis, der dadurch zustande kam, dass der Spiegel einst dem unglückseligen Kapitän Edward John Smith gehörte, der 1912 mit der Titanic untergegangen war.
