Als eines der größten Meisterwerke der flämischen Kunstgeschichte, hat das 1434 von Jan van Eyck (um 1390 – 1441) geschaffene Gemälde Die Arnolfini-Hochzeit dank seines intensiven Realismus, seiner bildlichen Illusion und seiner symbolischen Elemente nie aufgehört, Kunsthistoriker und -liebhaber zu faszinieren und Aufregung zu versetzen.
Das Gemälde zeigt Giovanni Arnolfini, ein Händler aus Lucca, und dessen erste Frau Costanza Trenta. Die beiden waren von 1426 bis 1433 verheiratet, die Ehe endete mit dem Tod Costanzas. Die Arnolfini waren eine reiche italienische Händlerfamilie, die über eine Niederlassung in Brügge verfügte und in ganz Europa mit Luxusgütern, vor allem kostbaren Stoffen, Handel betrieb.

In einem reich möblierten Schlafzimmer ist das Paar Händchen haltend dargestellt (oder vielmehr legt die Frau ihre rechte Hand in die linke des Mannes). Gekleidet mit in schwere Falten gelegten Gewändern sind die beiden Protagonisten im Dreiviertelprofil dem Betrachter zugewandt: Giovanni Arnolfini macht mit seiner rechten Hand eine Geste, die als Segnung, Gruß oder Schwur gedeutet wird, während seine Frau ihre linke Hand auf ihrem Bauch ruhen lässt – eine Geste, die meist als Zeichen für eine Schwangerschaft betrachtet wird.
Das Zimmer ist mit großer Detailgenauigkeit wiedergegeben und mit einer ganzen Reihe von Dingen ausgestattet, deren Bedeutung von zahlreichen Kunsthistorikern immer wieder untersucht wurde. Allen voran der gewölbte Spiegel, der das berühmteste und rätselhafteste Detail des gesamten Werks darstellt.
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Den Rahmen des Spiegels, dessen Durchmesser 5,5 cm beträgt, zieren zehn Episoden aus der Passion Christi, was auf eine religiöse Deutungsweise des Gemäldes schließen lässt. Das Glas selbst ist eine Anspielung auf die Jungfräulichkeit Marias (speculum sine macula) und damit auf die Reinheit der Braut.
Bei Untersuchungen durch die National Gallery in London, wo das Gemälde ausgestellt wird, haben gezeigt, dass die meisten der symbolhaften Objekte erst nach der Ausführung der Hauptszene hinzugefügt wurden und es sich bei ihnen durchweg um teure kleine Schätze handelt, die die soziale Stellung der Familie unterstreichen sollten. Daher wurden alle Details nicht aus ästhetischen Gründen eingefügt, sondern für tiefgreifende Deutungen. Das Gemälde ist eine soziale Allegorie der Ehe, eine Verbindung, deren Ziel es war, Wohlstand und Reichtum zu generieren.
Fernando Boteros (*1932) Interesse an den Werken seiner Kollegen, sowohl Alter Meister als auch moderner Maler, wird durch die vielen Imitationen, die er im Laufe seiner Karriere geschaffen hat, deutlich. 1952 machte sich der 20-jährige Botero, nachdem er den zweiten Preis des gewonnen hatte, auf den Weg von Kolumbien nach Europa. Während seines ersten Jahres in Madrid kopierte er die Werke der großen Meister im Prado. Anschließend zog es ihn via Paris nach Florenz, wo er sich mit der italienischen Renaissance auseinandersetzte.
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Sein besonderes Interesse für die Werke Van Eycks entstand jedoch erst später, nachdem er in den späten 1950er Jahren nach Kolumbien zurückgekehrt war und begleitete ihn, zusammen mit der Leidenschaft für Diego Velázquez und Peter Paul Rubens, noch über einen langen Zeitraum. Mehrere Male besuchte Botero das Gemälde in der National Gallery in London und schuf verschiedene Versionen des Meisterwerks in seinem unverkennbaren Stil der voluminösen Formen. In jeder Version veränderte Botero die Komposition und konzentrierte sich dabei vor allem auf die Beziehung des Betrachters zum Raum.

Ab den 1980er Jahren rückte Fernando Botero anstelle der ausladenden Figuren deren Umgebung in den Fokus. Auch wenn die Eheleute die Protagonisten des Gemäldes blieben, konzentrierte sich Boteros Aufmerksamkeit, wie es auch beim Original von Van Eyck der Fall ist, auf den Raum und die Welt, in der das Paar lebt. Die orthogonalen Linien, die Perspektive und die Tiefe haben ihren Ausgang am Mittelpunkt der Komposition: den ineinander gelegten Händen des Paarres.

Die wichtigsten symbolischen Details, die Van Eyck verwendete, wurden von Botero übernommen: der kleine Hund als Symbol von Treue und Edelmut, die Früchte auf Tisch und Fensterbank als Symbol der Erbsünde, der Baldachin und der Perserteppich als Zeichen für den Wohlstand und die soziale Position des Ehepaares und schließlich der Spiegel, in dessen Reflexion die gesamte Aussage des Bildes deutlich wird. Das Spiegelbild zeigt nämlich nicht nur die Eheleute Arnolfini in Rückenansicht, sondern auch zwei weitere Figuren, von denen eine vermutlich der Maler selbst ist. Die Anwesenheit von Zeugen im Brautgemach diente als Legitimation der Ehe und unterstreicht den christlichen Glauben des Paares.

Was die Version Boteros jedoch wirklich einzigartig macht ist jedoch nicht die bloße Replik des flämische Meisterwerks in seinem Stil, sondern die Art und Weise wie er bildliche Illusionen einsetzt und so das Konzept des Realismus in der Malerei bekräftigt und gleichzeitig kompromittiert. Während Jan van Eyck eine beinahe fotografische Szene geschaffen hatte, konzentrierte sich Fernando Botero auf die Konstruktion einer künstlichen visuellen Welt mit einer unvereinbaren Beziehung zwischen den Figuren und der Umgebung. Das Fenster, das in Van Eycks Gemälde eine eher architektonische Funktion hat, wird zum fundamentalen Element in Boteros Version, das den Blick in eine surreale Landschaft freigibt, die von René Magritte und den Übergängen zwischen Realität und Fiktion inspiriert ist.
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Ein Unterschied muss besonders erwähnt werden: In beiden Gemälden ist Costanza Trenta mit einer Hand auf dem Bauch dargestellt, was auf eine Schwangerschaft hindeuten soll. Schaut man bei Van Eyck genauer hin, erkennt man, dass Costanza lediglich den schweren Stoff ihres Gewandes rafft – eine damals modische Geste, da so der ebenfalls kostbare Unterrock sowie das edle Futter der Robe – in diesem Fall Eichhörnchenfell, wie der Kunstkritiker Waldemar Januszczak bestimmt hat – sichtbar wurden. Botero stellt sie jedoch einfach mit der auf den Bauch gelegten Hand dar, der typischen Geste einer bereits eingetretenen Schwangerschaft.

Von Jan van Eycks Gemälde existieren noch zahlreiche weitere Interpretationen. Zu den lustigsten gehört zweifellos jene mit Kermit dem Frosch und Miss Piggy (Jim Henson Productions, 1993), bei der die Protagonisten durch die beiden beliebten Muppets ersetzt wurden.




