Das Jahr 1901 war ein bedeutsames Jahr im Leben des damals 19-jährigen Pablo Picasso, der im Juni seine erste Einzelausstellung in Paris in der Galerie des Kunsthändlers Ambroise Vollard eröffnete. Doch war es ein anderes Vorkommnis, das für die zukünftige künstlerische Entwicklung des katalanischen Malers die Weichen stellen sollte: Im Februar hatte sein Landsmann und guter Freund Carlos Casagemas aus unerwiderter Liebe zu der als Tänzerin und Malermodell arbeitenden Germaine Gargallo Selbstmord begangen – in aller Öffentlichkeit während einer Feier im Restaurant L’Hippodrome, nachdem er zunächst einen Schuss auf Germaine abgegeben, diese jedoch verfehlt hatte. Picasso, der sich zu jenem Zeitpunkt in Madrid aufhielt, war erschüttert, was sich später im Jahr auf seine Kunst auswirken sollte.
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Im Jahr zuvor waren die beiden jungen Maler Casagemas und Picasso anlässlich der Weltausstellung erstmals nach Paris gereist, wo sie gemeinsam in einem Atelier auf dem Montmartre wohnten. Im Januar 1901 kehrte Picasso nach Spanien zurück, während Casagemas in Paris blieb, wo sich kurz darauf die oben beschriebene Tragödie abspielte.

Vor diesem Hintergrund begann sich Picassos Stil zu verändern. Nachdem er zu Beginn seiner Karriere im Stil der Alten Meister und der Akademien gemalt hatte, hatten sein erster Aufenthalt in Paris und der Entdeckung der Impressionisten zu einer Veränderung zugunsten einer bunten Palette und kräftigen, kurzen Pinselstrichen geführt. Großen Einfluss hatte auch das Werk Toulouse-Lautrecs und wie dieser fand Picasso viele Motive in den Cafés und Bars auf dem Montmartre. Doch der Tod Casagemas' warf einen Schatten auf all das und Picasso wandte sich verstärkt einer dunkeln Monochromie hin, die als seine bedeutende Blaue Phase in die Kunstgeschichte eingehen sollte.
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Als im Herbst 1901 der aus Barcelona stammende Bildhauer Mateu Fernández de Soto in Paris eintraf, quartierte er sich bei Picasso ein, der ihn in eine Holzschnitzarbeit vertieft am Tisch sitzend porträtierte. In der oberen rechten Ecke des Bildnisses ist ein Teil eines jener Gemälde zu erkennen, die Picasso in Gedenken an den Tod und das Begräbnis Casagemas’ gemalt hatte.

Das Porträt des Mateu Fernández de Soto ist seit 1935 Teil der Sammlung des Schweizer Kunstsammlers und Mäzens Oskar Reinhart. Ab dem 14. Februar wird es in der Ausstellung „The Griffin Catalyst Exhibition: Goya to Impressionism. Masterpieces from the Oskar Reinhart Collection“ in der Courtauld Gallery in London zu sehen sein.
Im Zuge der Vorbereitungen für die Ausstellung wurde das Porträt eingehend untersucht und von den Konservatoren der Institution mithilfe von Röntgen- und Infrarottechnologie eingehend unter die Lupe genommen. Dabei stieß das Team auf das Bildnis einer Frau. Wie so viele andere junge Künstler im damaligen Paris, denen es nicht an Inspiration, aber an Geld mangelte, verwendete Picasso seine Leinwände mehrfach und übermalte frühere Arbeiten.
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Das Aussehen dieser Unbekannten, die ihr Haar zu einem modischen Knoten hochgesteckt hatte, ähnelt jenem vieler anderer Frauen, die Picasso in jenem Jahr malte, darunter die Darstellungen zweier Absinthtrinkerinnen, die sich im Kunstmuseum Basel und in der Eremitage in Sankt Petersburg befinden.
Dazu Barnaby Wright, stellvertretender Leiter der Courtauld Gallery: „Wir haben schon lange vermutet, dass sich unter dem Porträt von de Soto ein anderes Gemälde verbirgt, da die Oberfläche des Werks verräterische Spuren und Strukturen von etwas darunter aufweist. Jetzt wissen wir, dass es sich um die Figur einer Frau handelt. Man kann ihre Gestalt sogar schon erkennen, wenn man das Gemälde mit bloßem Auge betrachtet. Picassos Arbeitsweise, ein Bild in ein anderes zu verwandeln und ein stilistischer Gestaltwandler zu sein, sollte zu einem bestimmenden Merkmal seiner Kunst werden, was dazu beitrug, ihn zu einer der größten Figuren der Kunstgeschichte zu machen. All das beginnt mit einem Gemälde wie diesem.“

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Blickt man noch tiefer, werden sogar die Züge eines noch älteren Gemäldes auf der Leinwand sichtbar, wobei es sich ebenfalls um das Porträt einer Frau handelt, welches an das farbenfrohe L’espera (Margot) erinnert, das ebenfalls 1901 entstand und heute Teil der Sammlung des Museu Picasso in Barcelona ist.
Die Ausstellung „The Griffin Catalyst Exhibition: Goya to Impressionism. Masterpieces from the Oskar Reinhart Collection“ wird vom 14. Februar - 26. Mai 2025 in der Courtauld Gallery in London gezeigt.
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