Talentierte Menschen, die Ewas Neues wagen und ihrer Zeit damit voraus sind, sehen sich immer wieder mit demselben Problem konfrontiert: das Stirnrunzeln ihrer Zeitgenossen, das in völlige Ablehnung gipfeln kann. In Paris, dem Mekka für moderne Kunst um 1900, war das nicht anders, als die Avantgarde junger Künstler vom akademischen Stil nichts mehr wissen wollte und stattdessen neue Wege ging.
Paul Durand-Ruel (1831-1922)
Als Urvater der modernen Galerie lässt sich Paul Durand-Ruel beschreiben, der die erste große Kunstbewegung der Moderne, den Impressionismus, maßgeblich unterstützte. Nicht nur präsentierte er in seiner Galerie die ausgestellten Bilder nur ausschließlich auf Augenhöhe des Betrachters, er zahlte seinen Schützlingen auch ein monatliches Gehalt, damit diese sich ganz auf ihre Kunst konzentrieren konnten. Ein solch selbstloses Handeln hatte er bereits in seiner Kindheit im Schreibwarenladen seiner Eltern, wo es auch Malereibedarf gab, kennengelernt, denn oft ließen sie Monsieur und Madame Durand-Ruel mit Kunstwerken statt mit Francs bezahlen.

Nach der Eröffnung seiner Galerie im Jahr 1859 stellte Durand-Ruel Werke der Schule von Barbizon aus. In den 1870er Jahren kamen die Impressionisten hinzu, eine besondere Freundschaft verband ihn mit Pierre-August Renoir. Da der Impressionismus damals jedoch weitergehend abgelehnt wurde, verkauften sich die Gemälde nur schlecht und 1884 war Paul Durand-Ruel fast pleite. Hilfe nahte jedoch in Gestalt der amerikanischen Impressionistin Mary Cassatt, die ihre guten Verbindungen in ihre Heimat nutzte und die Mitglieder der dortigen Oberschicht für die neue Kunst aus Frankreich begeistern konnte.
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Paul Guillaume (1891-1934)
Was die aktive Förderung der bei ihm unter Vertrag stehenden Künstler betraf, trat der aus bescheidenden Verhältnissen stammende Paul Guillaume in die Fußstapfen Durand-Ruels. Darüber hinaus setzte er sich mit der Kunst seiner Zeit wirklich auseinander und tat sein Bestes, sie seinen skeptischen Zeitgenossen näher zu bringen und zu erklären. Dies hatte er mit seinem besten Kunden, dem amerikanischen Pharmazeuten und Sammler Albert C. Barnes gemeinsam, dem er Werke von Modigliani, Picasso, De Chirico und Matisse verkaufte (heute in der Barnes Foundation in Philadelphia).

Guillaume war aber auch ein Konkurrent seines besten Kunden Barnes, denn er war nicht nur ein leidenschaftlicher Kunsthändler, sondern auch ein leidenschaftlicher Kunstsammler. Sein Traum war es, seine Sammlung irgendwann in einem Museum für moderne Kunst ausgestellt zu sehen. Durch den plötzlichen Tod Paul Guillaumes im Alter von nur 43 Jahren kam es allerdings nicht mehr dazu. Die 144 Werke umfassende Sammlung ging stattdessen an den Louvre und wurde später vom französischen Staat gekauft. Bewundert werden kann die Sammlung in dem dem Impressionismus und der École de Paris gewidmeten Musée de l’Orangerie im Jardin des Tuileries.
Leopold Zborowski (1889-1932)
1915 machten gemeinsame Freunde den aus Italien stammenden Künstler Amedeo Modigliani und den Kunsthändler Leopold Zborowski mit einander bekannt. Zborowski war fünf Jahre zuvor aus Polen nach Paris gekommen und bereits gut in der Kunstszene von Montparnasse vernetzt und ein erfolgreicher Händler von Werken von Künstlern wie Soutine, Cézanne, Picasso, Derain und Utrillo. Durch eine Ausstellung war er auf den eher erfolglosen Modigliani, der bis dahin von Paul Guillaume repräsentiert worden war, aufmerksam, der mit seinem eigensinnigen Stil nicht viele Fans hatte. Zborowski konnte Modigliani überzeugen, unter seine Fittiche zu schlüpfen.

Die fünf folgenden Jahre waren von einer privaten wie auch professionellen Freundschaft geprägt. Zborowski unterstützte Modigliani finanziell, damit dieser sich ausschließlich auf seine Malerei konzentrieren konnte. Gegen Ende des Ersten Weltkriegs bezogen der Künstler und sein Händler sogar mitsamt ihren (Ehe-)Frauen ein Haus in Cagnes-sur-Mer. Der gesundheitlich schon lange angeschlagene Modigliani starb im Januar 1920, worauf Zborowski alle Werke seines verstorbenen Freundes aufkaufte. Am Ende der Dekade ging es auch mit Leopold Zborowski bergab: Durch die Weltwirtschaftskrise verarmte er und starb 1932 in Paris.
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Berthe Weill (1865-1951)
1917 vermittelte Zborowski Amedeo Modigliani an Berthe Weill, in deren Galerie dann ab dem 3. Dezember die einzige Ausstellung des Malers zu dessen Lebzeiten stattfand. Teil der Ausstellung waren auch sieben Akte aus jener Serie, deren Gemälde heute zu den teuersten auf dem Auktionsmarkt zählen. Damals riefen sie jedoch alles andere als Begeisterungsstürme aus und ein zu Werbezwecken im Fenster der Galerie ausgestellter Akt führte zur Schließung der Ausstellung, die später nach Entfernung der entsprechenden Gemälde wieder öffnen durfte.

Es war nicht die erste skandalumwitterte Ausstellung in Madame Weills Galerie. 1905 hatte sie die Werke der Fauves gezeigt, nachdem diese aus dem Pariser Herbstsalon verstoßen worden waren. Es ging aber auch weniger skandalös, wie etwa als 1902 eine Ausstellung der Werke des jungen Picasso präsentierte. Berthe Weill, eine kleine und kurzsichtige Frau, liebte ihre Arbeit mit den jungen Vertretern der Avantgarde und wurde von diesen auch Mère Weill („Mutter Weill“) oder Merveille („Wunder“), ein Wortspiel, das sich Raoul Dufy ausgedacht haben soll, bezeichnet. Und im Alter zahlten ihre einstigen Schützlinge ihr die Unterstützung zurück, indem sie nun ihr finanziell unter die Arme griffen.
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Père Tanguy (1825-1894)
Während Berthe Weill den Titel "mère", erhielt Julien Francois Tanguy den Spitznamen Père Tanguy ("Vater Tanguy"), dessen 1873 eröffnetes Geschäft für Künstlerbedarf sich schnell zu einer Anlaufstelle für junge Kunstschaffende wurde, die neu in Paris und ohne Verbindungen waren. Als väterlicher Freund ließ er sich wenn nötig statt mit Geld mit Kunst bezahlen, woraus einer kleiner Kunsthandel entstand, der schon bald die Händler für moderne Kunst anlockte. Père Tanguys Ladenlokal mit Galerie entwickelte sich zu einem Treffpunkt für Künstler und Sammler.
Am bekanntesten ist das Porträt von Père Tanguy, das Vincent van Gogh 1887 vor japanischer Kulisse malte. Der Maler, der von den guten Verbindungen Tanguys jedoch am meisten profitierte, war Paul Cézanne. Bis 1885 kaufte Tanguy Cézanne viele Werke ab. Als Père Tanguy 1894 von vielen betrauert starb, erwarb der Galerist Ambroise Vollard diese Arbeiten zu einem günstigen Preis und füllte mit ihnen im Jahr darauf seine Cézanne-Ausstellung, die dem bis dato noch unbekannten Maler zu Anerkennung verhalf.
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Ambroise Vollard (1865-1939)
Berthe Weill war eine der ersten, die eine Picasso-Austellung organisierte, ihr Kollege Ambroise Vollard 1901 der allererste. 1904 fand in Vollards Räumen auch die erste Matisse-Austellung statt, bereits 1895 die erste Cézanne-Ausstellung. Zwei Jahre zuvor hatte der studierte Jurist Vollard, der während seines Studiums als Sekretär eines Kunsthändlers gearbeitet hatte, eine Galerie in der Rue Laffitte eröffnet. Auch dem leidgeprüften Vincent van Gogh widmete er 1895 eine Einzelausstellung.

Ambroise Vollard war aber auch ein geschickter Geschäftsmann, der die von ihm günstig erstandenen Werke teuer an amerikanische Sammler verkaufte, darunter auch Gertrude und Leo Stein. Doch wussten die Künstler, die er vertrat, sein Engagement zu schätzen und überschlugen sich darin, ihn zu porträtieren. 1930 gab Vollard, der auch als Verleger tätig war und seine Publikationen von Künstlern hervorragend illustrieren ließ, gab 1930 bei Picasso eine Reihe von 100 Radierungen in Auftrag, die als Suite Vollard bekannt ist, jedoch erst viele Jahre nach Vollards Tod auf den Markt kam.
Gertrude Stein (1874-1946)
1903 zog die literarisch ambitionierte Gertrude Stein zu ihrem Bruder Leo in die Rue de Fleurus in Paris. Dort konnte das aus eiern wohlhabenden jüdisch-amerikanischen Familie stammende Geschwisterpaar schon bald einen Salon etablieren, in dem sich die künstlerische und literarische Avantgarde traf, aber auch Kunstkritiker und Sammler wie Albert C. Barnes und die Russen Sergei Iwanowitsch Schtschukin und Iwan Abramowitsch Morosow, die bedeutende Sammlungen mit moderner Kunst besaßen. Die Geschwister Stein kauften Werke noch unbekannter Künstler wie Cézanne, Renoir, Matisse, Gauguin und Picasso, der es Gertrude Stein besonders angetan hatte. Ganz begeistert war sie auch von dem Portrait, das Picasso von ihr malte und für das sie über 80 Sitzungen in Picassos Atelier im Bateau-Lavoir auf dem Montmartre durchstand.

Die Geschmäcker von Gertrude und Leo Stein waren unterschiedlich, was die Aufteilung der gemeinsamen Sammlung allerdings vereinfachte, als Leo 1913 aus der Wohnung auszog und Gertrude den Salon fortan mit ihrer Lebensgefährtin Alice B. Toklas weiterführte. Für Gertrude waren diese Zusammentreffen eine wichtige Inspirationsquelle, um sich als Schriftstellerin weiterzuentwickeln. Nach dem Ersten Weltkrieg trat Gertrudes Rolle als Kunstsammlerin immer mehr in den Hintergrund, neue Kunstströmungen blieben ihr fremd. Dennoch wurde sie 1937 in die Jury der Weltausstellung in Paris berufen. Während des Zweiten Weltkriegs, den Gertrude Stein und Alice B. Toklas in Ostfrankreich nahe der Schweizer Grenze verbrachten, schützten Freunde die Kunstsammlung davor, von der Gestapo geplündert zu werden. Als Gertrude Stein 1946 in Neuilly-sur-Seine bei Paris starb, hatte sie viele Werke, außer jene von Picasso und Juan Gris, jedoch bereits verkauft.
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Joseph (1870-1941) und Gaston (1870-?) Bernheim-Jeune
Bis 2019 eine der Top-Adressen für Gegenwartskunst in Paris war die Galerie Bernheim-Jeune, die auf ein Geschäft für Farben und Malerzubehör in Besançon zurückging. Einer der Kunden, die ihre Werke dort auch ausstellen durften, war Gustave Courbet, der den kunstliebenden Sohn des Hauses, Alexandre Bernheim, ermutigte, nach Paris zu gehen und eine Galerie zu eröffnen. Das tat er und eröffnete 1863 eine Galerie in der Rue Laffitte, dem Hot-Spot der Pariser Galerieszene, wo er zunächst die Realisten und später die noch sehr umstrittenen Impressionisten ausstellte.
1898 gründeten Alexandres Söhne Joseph „Josse“ und Gaston die Dependance Bernheim-Jeune. Sie griffen den mutigen Geist der Galerie ihres Vaters auf und nahmen die junge Avantgarde unter Vertrag. Highlights ihrer bedeutenden Tätigkeit vor dem Ersten Weltkrieg waren die erste große Vincent van Gogh-Retrospektive von1901 sowie eine den Futuristen gewidmete Ausstellung im Jahr 1912. Die Galerie Bernheim-Jeune wurde zu einer wichtigen Anlaufstelle für moderne Kunst in Paris, zog auch die Avantgarde aus Deutschland an und unterhielt gute Beziehungen zum Berliner Kunsthändler Paul Cassirer. Nach dem Zweiten Weltkrieg, während dem die Galerie Bernheim-Jeune, mittlerweile in der Rue du Faubourg Saint-Honoré, geplündert wurde, nahmen Josses Söhne Jean und Henry Dauberville die Galerietätigkeit wieder auf. Zuletzt hatten die Cousins Michel und Guy-Patrice Dauberville die Leitung gehabt, bis Bernheim-Jeune im Jahr 2019 seine Pforten schloss.
Neben den hier aufgeführten Mäzenen, Galeristen und Händlern gab es im Paris der Moderne natürlich noch zahlreiche weitere Persönlichkeiten, die sich der Förderung der jungen Kunstszene, die vielerorts mit Ablehnung zu kämpfen hatte, verdient gemacht haben. Dadurch war es Impressionisten, Fauves, Kubisten oder den Nabis möglich, Kunstwerke zu schaffen, die uns heute noch mit Begeisterung erfüllen.
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