Villa Gaeta: Kunst und Design im Herzen der Toskana

Inmitten der Chianti-Hügel bei Moncioni, einem Ortsteil von Montevarchi in der toskanischen Provinz Arezzo, steht die Villa Gaeta. Eine lange Zypressenallee führt zu dem wunderschönen Gebäude aus dem 18. Jahrhundert, in dem heute der Architekt Bruno Boretti wohnt, der das Interieur des Hauses mit viel Leidenschaft gestaltet hat.

Villa Gaeta: Kunst und Design im Herzen der Toskana
Villa Gaeta | Foto: © Francesca AnichiniVilla Gaeta | Foto: © Francesca Anichini

Die Geschichte der Villa Gaeta reicht mehr als 400 Jahre zurück - die ältesten Gebäudeteile stammen aus dem 17. Jahrhundert - und wurde vor allem von den Familien, die dort lebten, geprägt, denn vererbt wurde das Anwesen scheinbar meist an weibliche Familienmitglieder. Aus der Frühzeit des Gebäudes haben lediglich die zentralen Räume des Untergeschosses, in dem sich die Küche und der Keller der Familie Peri di Montevarchi befanden die Jahrhunderte überdauert, wie ein steinernes Wappen über dem heutigen Kellereingang bezeugt.

Das Wohnzimmer in der Villa Gaeta | Foto: © Francesca AnichiniDas Wohnzimmer in der Villa Gaeta | Foto: © Francesca Anichini

Es sind vor allem die Fresken, die die Geschichte der Villa Gaeta erzählen: In dem Jahrhundert nach ihrer Errichtung, Besitzer war nun ein Richter aus der Agnolesi-Familie, wurde die Villa erweitert. In dieser Zeit kam die Kapelle Santa Maria della Purità im Louis XVI-Stil hinzu, während die Umgestaltungen Mitte des 19. Jahrhunderts Räume im Stil des viktorianischen Eklektizismus hinzufügten.

In jener Zeit befand sich das Anwesen im Besitz des Anwalts Giuseppe Gaeta, der der Villa eines ihrer wichtigsten Wahrzeichen verlieh, das auch heute noch erhalten ist: der Park. Dank Gaeta, der ein großer Freund der Botanik war, wurden auf den Grünflächen etwa 160 Nadelbaumarten, von denen die meisten aus Nordamerika importiert wurden, gepflanzt, darunter Mammutbäume und die Douglasie, die es damit zum ersten Mal in Italien gab.

Der von Gaeta so leidenschaftlich gepflegte Garten ist heute als Pinetum di Moncioni bekannt, ein etwa drei Hektar großer Park auf dem Hügelkamm, der die Provinzen Arezzo und Siena trennt. Das Arboretum ist ein Naturschutzgebiet von lokalem Interesse.

Bruno Boretti im Pinetum | Fotos: © Francesca AnichiniBruno Boretti im Pinetum | Fotos: © Francesca Anichini

Dank des aktuellen Besitzers, Designer Bruno Boretti, wird der Park außerdem als ein Ort für zeitgenössische Kunst und Experimente genutzt. Pinetum ist auch der Name der von Boretti veranstalteten Biennale, die Kunst und Design gewidmet ist. Jedes Jahr werden dafür junge Künstler ausgewählt, die vor Ort permanente Kunstwerke erschaffen, die das Arboretum bereichern und in ein wahres Freilichtmuseum verwandeln.

Blick ins Wohnzimmer mit seinen Fresken, Büsten von Roberto Dragoni und weiterer Kunst | Foto: © Francesca AnichiniBlick ins Wohnzimmer mit seinen Fresken, Büsten von Roberto Dragoni und weiterer Kunst | Foto: © Francesca Anichini

Wir hatten die Gelegenheit, mit dem Besitzer der Villa Gaeta, dem renommierten Designer Bruno Boretti, zu sprechen, der sich persönlich um die Renovierung des Gebäudes und die Gestaltung der Innenräume kümmerte.

Bruno, erzählen Sie uns von Ihrem ersten Besuch in der Villa Gaeta!

Es war, als würde der Ort mich wählen und nicht umgekehrt. Bevor ich in die Villa Gaeta einzog, habe ich in einem Bauernhaus gelebt, das ich ebenfalls selbst renoviert hatte. Ich hatte mir damals viele Häuser angesehen, die Villa Gaeta war das letzte davon. Doch schon bei den Bildern in der Anzeige fühlte ich mich auf besondere Weise zu ihr hingezogen, da war irgendetwas anders als bei den anderen Häusern. Als ich dann zum ersten Mal dort war, war es wie eine Zeitreise. Die Villa erinnerte mich an meine Kindheit, ich konnte sogar die Gerüche und Gefühle von damals wahrnehmen, zum Beispiel jene, wenn ich meine Spielkameradin Maria Luisa besuchte. In dem Moment begriff ich, dass es der richtige Ort für mich ist. Eine Weile dachte ich darüber nach, die Villa in Villa Luisa umzubenennen.

Foto: © Francesca AnichiniFoto: © Francesca Anichini

Aber dann blieb es doch bei Villa Gaeta…

Genau. Tatsächlich bin ich hier der erste Fremde, der erste Outsider, der nicht mehr der ursprünglichen Besitzerfamilie verwandt ist. Die letzten Besitzer, die vor mir in der Villa lebten, waren Mitglieder der Familie Monaci mit Marianna Gaeta als Familienoberhaupt. Marianna war eine nahe Verwandte von Giuseppe Gaeta, dem Schöpfer des Gartens. Nachdem Marianna einen Monaci geheiratet hatte, hieß der Besitz beinahe einhundert Jahre lang Villa Monaci. Als ich das Anwesen dann kaufte, überlegte ich, es nach meiner Freundin Luisa zu benennen, entschied mich dann aber doch für eine Wiederbelebung des Namens Gaeta.

Wie würden Sie den Stil beschreiben, in dem Sie das Innere der Villa gestaltet haben?

Mein Zuhause reflektiert sowohl meine eigene Geschichte, als auch die meiner Karriere. Bereits als Kind begann ich mich für Antiquitäten zu interessieren und behielt diese Leidenschaft auch während meiner Zeit an der Universität. Ich hielt oft nach einzigartigen Objekten und seltenen Designs Ausschau. Mir gefallen viele verschiedene Stile und Epochen! Objekte aus den 1930er, 50er oder 70er Jahren. Warum sollte man sich bei all den schönen Dingen für nur eine Richtung entscheiden?

Die unterschiedlichen Epochen haben ihren Teil zu der Ästhetik beigetragen, die ich heute zu schätzen weiß. Ich kann fühlen, dass sich die Einrichtung der Villa von allen anderen Ausstattungen, die ich bisher gemacht habe, unterscheidet. Normalerweise gestalte ich moderne Innenräume, die sehr in der heutigen Zeit verwurzelt sind. Normalerweise bin ich ein Minimalist. Mein erster Auftrag als Innendesigner, der in einem Magazin veröffentlicht wurde, war aus dem Jahr 1982 und trug den Titel „Weniger ist mehr“.

Blick ins Esszimmer | Foto: © Francesca AnichiniBlick ins Esszimmer | Foto: © Francesca Anichini

Können Sie uns etwas über Ihre einzigartige Glassammlung erzählen?

Glas und Glaskunst habe ich schon immer geliebt. In den 1970er und 1980er Jahren besaß ich eine Sammlung mit etwa dreißig Glasarbeiten aus Murano, doch nach einer Weile wurde meine Leidenschaft zum Zwang und ich fühlte mich von meiner eigenen Sammlung erdrückt. Stattdessen begann ich einige der Glasarbeiten als bunte Ergänzungen in meinen Interieurs zu verwenden. Sehe ich etwas, das mir besonders gefällt, behalte ich es für mich selbst. Verschwindet meine Begeisterung dafür irgendwann, verkaufe ich es meist an jemanden, der es mehr zu schätzen weiß als ich, und ich investiere das Geld anschließend in eine neue Leidenschaft. Durch den Verkauf meiner Murano-Glassammlung war es mit möglich, mir hier in Chianti meinen ersten eigenen Hektar eines Weinbergs zu kaufen.

In gleicher Weise haben mich die Glasarbeiten aus Empoli* schon immer fasziniert, das sie mich an die toskanischen Küchen der 1950er Jahre erinnern, als in jeder von ihnen große mit Weizen gefüllte Glasvasen aus Empoli zu finden waren. Da Empoli nicht weit von hier entfernt ist, halte ich jedes Mal, wenn ich in der Gegend bin, nach interessanten Stücken Ausschau. Tatsächlich habe ich erst gestern eine neue Ergänzung für meine Sammlung erworben. Letztes Jahr, als ich eine Villa in Forte dei Marmi neu dekorierte, verwendete ich dafür etwa 50 Gläser aus meiner eigenen Sammlung.

*Empoli ist eine Stadt in der Toskana, in der Glas seit dem 15. Jahrhundert hergestellt wird.

Ein Teil der Sammlung mit Empoli-Gläsern | Foto: © Francesca AnichiniEin Teil der Sammlung mit Empoli-Gläsern | Foto: © Francesca Anichini

Die Villa Gaeta ist sowohl mit Kunst als auch mit Design reich ausgestattet. Wo kaufen Sie ihre Stücke am liebsten?

Die Kunstwerke, die Gemälde, kaufe ich immer aus einem Impuls heraus und habe die meisten von ihnen auf Antiquitätenmärkten gefunden, wie der Antiquitätenmesse in Arezzo. Ich lege viel Wert auf den Prozess des Findens und liebe es, Schönheit in Dingen zu entdecken, die von anderen aussortiert worden sind. Wissen Sie, die Leute werfen so viele Dinge einfach weg, ohne sich Gedanken über deren Geschichte zu machen. Vor kurzem erst habe ich auf einem Flohmarkt einen fantastischen Tisch des italienischen Designers Carlo Scarpa erstanden. Ich vermute, die Verkäufer waren die Erben des ursprünglichen Besitzers und hatten keine Ahnung, was sie da gerade verscherbelten!

Fotos: © Francesca AnichiniFotos: © Francesca Anichini

In der Villa gibt es einige auffällige blaue Wände. Weshalb haben Sie sich für diese Farbe entschieden?

Ehrlich gesagt, war die Wahl der Farbe keine leichte Entscheidung. Während der Renovierungsarbeiten stieß ich auf die originale Decke, die von modernen Verkleidungen überdeckt war. Ich suchte nun mach einem blauen Farbton, der dem der Decke ähnelte.

Bei der Restaurierung des Museo Bardini in Florenz entdeckte man unter der Verkleidung auf ein ähnliches Blau. Tatsächlich heißt diese Farbe Blu Bardini, benannt nach dem berühmten Antiquitätenhändler, der es von den Russen in Sankt Petersburg übernommen hatte. Blau war schon immer eine wertvolle und teure Farbe, da sie auch Lapislazuli hergestellt wurde. Nicht ohne Grund ist der Mantel der Jungfrau Maria in vielen alten Gemälde oft blau.

Schlafzimmer | Foto: © Francesca AnichiniSchlafzimmer | Foto: © Francesca Anichini

Nachdem Sie die Villa Gaeta gekauft hatten, wie kamen die Restaurierungsarbeiten voran?

Das Projekt begann mit intensiven historischen Untersuchungen. Mein erstes Ziel war es, herauszufinden, was sich unter den Schichten der Nachkriegszeit verbarg. Sämtliche Wände waren hinter Verkleidungen verschwunden und bereits recht früh entdeckten wir ein Fresko mit den vier Jahreszeiten im Wohnzimmer. Es befand sich jedoch in so schlechtem Zustand, dass nur noch Herbst und Winter gerettet werden konnten. Außerdem waren viele Wände im 19. Jahrhundert beschädigt worden, sodass viele derartige Arbeiten vermutlich schon vor zweihundert Jahren verloren gegangen sind.

Nachdem die Freskos entdeckt worden waren, kam es mir vor, als würde mich die Villa selbst durch die Renovierung führen, denn ich selbst hatte ursprünglich ganz andere Pläne gehabt - ich wollte alles weiß streichen. Mittlerweile bin ich ausgesprochen froh, dies nicht getan zu haben! Die Innenausstattung der Villa wandelt sich ständig. In Zukunft hoffe ich, vermehrt mein eigenes Möbeldesign hinzufügen zu können.

Der von Bruno Boretti entworfene Esstisch | Foto: © Francesca AnichiniDer von Bruno Boretti entworfene Esstisch | Foto: © Francesca Anichini

Auch welche Objekte in der Villa könnten Sie niemals verzichten?

Die Enzo Mari-Vasen auf meinem Schreibtisch. Mari war schon immer eine große Inspirationsquelle für mich. Seine Idee, dass die Form den Gebrauchszweck reflektiert, ohne Abstriche in der Ästhetik zu machen, ist ein Konzept, dass mir wirklich in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Vasen von Enzo Mari (Schreibtisch) und Empoli (Regal) | Foto: © Francesca AnichiniVasen von Enzo Mari (Schreibtisch) und Empoli (Regal) | Foto: © Francesca Anichini

In der Villa stößt man überall auf Kontraste, eine sorgfältig kalkulierte Mischung aus alten Elementen, Antiquitäten und industriellem Design.

Die Kontraste sind wunderschön. Es ist die Mischung aus einander überlappender Epochen, die der Villa ihre Wärme verleihen. In einem Haus aus dem 18. Jahrhundert zu wohnen und sich dabei ausschließlich mit Dingen aus dem 18. Jahrhundert zu umgeben, ist so, als würde man in der Vergangenheit leben und nicht im Jahr 2019.

Ich mag Veränderung. Für fühlt es sich tot und bedeutungslos an, wenn ich ein Haus besuche, das ich vor Jahren eingerichtet habe, und feststellen muss, dass es sich seitdem kein Stück weit verändert hat.

Stammen alle Kunstwerke in der Villa und im Garten aus dem Pinetum-Projekt?

Ja, viele von ihnen stammen von der Pinetum Biennale, die 2019 zum siebten Mal stattfindet. Schon oft konnten wir dafür bedeutende Designer und Künstler gewinnen. Mir gefällt es, diese Projekte ruhig anzugehen, aber immer nach höchster Qualität zu streben. Die Lampen beispielsweise, die Vittorio Venezia für die Kapelle entworfen hat, wurden bei der Ausstellung des Salone del Mobile in Mailand präsentiert. Die in der Villa platzierten Büsten wurden von Roberto Dragoni während der allerersten Pinetum Biennale geschaffen. Sie stellen den ursprünglichen Besitzer der Villa dar.

Foto: © Francesca AnichiniFoto: © Francesca Anichini

Die Villa Gaeta dient nicht nur als Wohnhaus, sondern ist auch ein Ort für Events und Workshops. Das schöne Haus steht Besuchern offen, die sich die Räume mit der eklektischen Mischung aus historischem und modernem Design mit eigenen Augen ansehen können. Inmitten des Arboretums stehen in der Villa drei Räume für Veranstaltungen zur Verfügung: die Bibliothek, der Empire-Saal und der Saal des 20. Jahrhunderts.

Villa Gaeta

Via di Ucerano, 50
Località Moncioni 52025 
Montevarchi (AR)

www.villagaeta.net
T: +39 328 9745117
E: brubore@gmail.com

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Bruno Boretti Architetture
www.brunoboretti.com

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Alle Fotografien in diesem Artikel stammen von Francesca Anichini
www.francescaanichini.com