Vincent van Gogh, einer der bekanntesten und teuersten Künstler der Welt, blieb zu seinen Lebzeiten weitestgehend unbeachtet. Vermutlich konnte er im Laufe seiner Karriere nur ein einziges Bild verkaufen und starb bereits im Alter von 37 Jahren. Dank des technologischer Fortschritts und der Kenntnisse, die man heute über den Maler hat, konnte das Stillleben Vase mit Mohnblumen, das 1957 Eingang in die Sammlung des Wadsworth Atheneum in Hartford, Connecticut fand, nach Jahren der Spekulation von Experten endlich eindeutig als Werk van Goghs identifiziert werden.

1990 war die Authentizität des Gemäldes vom deutschen Kunsthistoriker Walter Feilchenfeldt angezweifelt worden, woraufhin es aus der Ausstellung des Museums entfernt wurde. Mithilfe von Farbproben, kunsthistorischen Nachforschungen, Stilvergleichen und Röntgenbildern konnte jetzt ein Team von Experten des Van Gogh Museums in Amsterdam das Gegenteil beweisen.

Louis van Tilborgh, Leiter der Forschungsabteilung des Van Gogh Museums: "Es war ein Vergnügen für unser Museum mit dem Wadsworth Atheneum bei diesem speziellen Projekt zusammen zu arbeiten. Als 1970 das Werksverzeichnis van Goghs von De la Faille veröffentlicht wurde, wurde dies von vielen als Fortschrittsbericht angesehen. Es beinhaltete zu viele "Schwimmer" in Hinblick auf Datierung und Authentizität, um wirklich von einem soliden, unmissverständlichen und authentischen Œuvre sprechen zu können, um den hervorragenden Kunsthistoriker Ronald Pickvance zu zitieren. Heute, beinahe fünfzig Jahre später, kann man sagen, dass die van Gogh-Studien langsam aber stetig vorankommen. Einige dieser Schwimmer konnten fest in dem Œuvre van Goghs verankert werden, und ich bin froh, dass Vase mit Mohnblumen einer davon ist."

Im Zuge der Untersuchungen konnten weitere faszinierende Entdeckungen gemacht werden. 1913 war Vase mit Mohnblumen Teil der revolutionären Armory Ausstellung, die Moderne Kunst dem amerikanischen Publikum näher brachte. Außerdem wurden unter dem Gemälde die Umrisse eines Portraits entdeckt, das starke Ähnlichkeit mit der Silhouette van Goghs aufweist, wodurch sie auf ein Selbstportrait des Künstlers hindeuten.
Auch biografische Nachforschungen machen die Zugehörigkeit des Gemäldes zu Vincent van Goghs Œuvre wahrscheinlich. Im Frühjahr 1886 zog van Gogh von Antwerpen nach Paris, um bei seinem Bruder Theo zu leben. Dieser Wandel des Umfelds widerspiegelt sich auch in seinen Werken dieser Periode: Er begann damit Stillleben zu malen, die Farben wurden leuchtend, die Kontraste dramatisch. Er untersuchte Blumenarrangements und wie diese von den Alten Meistern Europas und in japansichen ukiyo-e-Gemälden dargestellt wurden. Van Gogh selbst gab an, dass er für seine Arbeiten nach einer "intensiven Farbgebung" suchte.

Eines von van Goghs bekanntesten Gemälde mit den roten Feldblumen ist Mohnblumen, das er 1887 in Paris malte. 2010 war es aus einem Museum in Kairo gestohlen worden, konnte mittlerweile aber sichergestellt werden. Van Gogh blieb bis 1888 in Paris und zog dann aufgrund einer Erkrankung ins südfranzösische Arles. Während der Monate in Paris malte er jenes Selbstportrait, das sich ebenfalls im Besitz des Wadsworth Atheneum befindet.

Thomas J. Loughman, Direktor und CEO des Wadsworth, sagt: "Diese Studien haben gezeigt, dass wir noch viel über Vincent, der neu in Paris war und neue Wege für seine Kunst entdeckte, und seinen künstlerischen Werdegang lernen müssen." Das Museum wird Vase mit Mohnblumen Ende April für sechs Monate ausstellen, bevor es Teil der Ausstellung "Van Gogh. Stillleben" im Museum Barberini in Potsdam wird (26. Oktober 2019 - 2. Februar 2020).

Vase mit Mohnblumen ergänzt das erst kürzlich als Werk van Goghs identifizierte Stillleben mit Früchten und Kastanien, das ebenfalls 1886 entstand und 1960 dem Fine Art Museum in San Francisco gestiftet worden war. Bei den daran durchgeführten Untersuchungen, die ebenfalls unter der Leitung des Van Gogh Museums durchgeführt wurden, kam das Portrait einer Frau unter dem eigentlichen Gemälde zum Vorschein. Van Gogh, der stets knapp bei Kasse war, musste nicht selten seine älteren Arbeiten übermalen.

Und es gab vor Kurzem noch eine dritte Entdeckung rund um Vincent van Gogh. 2018 renovierten Jian (James) Wang und Alice Childs das viktorianische Haus in London, in dem van Gogh von 1873 bis 1874 wohnte. Dabei stieß das Paar auf einen wahren Schatz aus Dokumenten und Aquarellen unter den Dielenbrettern im ehemaligen Schlafzimmer des Künstlers. Ihre Entdeckung haben Wang und Childs zur näheren Untersuchung in Expertenhände weitergegeben. Das Haus wollen sie in ein Studio für chinesische Künstler verwandeln.



