300 Jahre verborgene Liebe: Eine Wiederentdeckung bei Vermeer

Beinahe 300 Jahre lang fristete Amor ein Leben im Verborgenen in Jan Vermeers Gemälde "Briefleserin am offenen Fenster". Restaurierungsmaßnahmen haben ihn jetzt wieder zutage befördert.

300 Jahre verborgene Liebe: Eine Wiederentdeckung bei Vermeer

Briefleserin am offenen Fenster gilt als eines der ersten Werke Jan Vermeers, bei denen der niederländische Barockmaler auf die Darstellung einer einzelnen Person setzte. Nun stellte sich jedoch heraus, dass die junge Dame gar nicht die einzige anthropomorphe Erscheinung in dem Gemälde ist. In der oberen rechten Ecke kam bei Restaurierungsmaßnahmen ein Gemälde im Gemälde zutage, dass den kleinen Liebesboten Amor zeigt. Dass sich Amor in dem Bild verbirgt, ist Kunsthistorikern bereits seit 1979 durch eine Röntgenaufnahme bekannt, dass es nicht Vermeer selbst war, der die Überholung vornahm, konnte erst jetzt bestätigt werden.

Jan Vermeer van Delft (1632 Delft 1675), Briefleserin am offenen Fenster, Öl/Lwd., 1657/59, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden | Foto via Wikimedia
Jan Vermeer van Delft (1632 Delft 1675), Briefleserin am offenen Fenster, Öl/Lwd., 1657/59, Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden | Foto via Wikimedia

Das Gemälde befindet sich im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden und wird dort in der Gemäldegalerie Alte Meister ausgestellt. 2017 in Zusammenarbeit mit dem Rijksmuseum in Amsterdam durchgeführte Tests verdeutlichten, dass die über Amor aufgebrachte Farbschicht erst mehrere Jahrzehnte nach Vermeers Tod hinzugefügt worden war und sich oberhalb der abschließenden Firnis Vermeers befindet. Kurz darauf wurde mit der - noch immer andauernden - Restaurierung des Gemäldes begonnen, bei der die mehrschichtige, im Laufe der Jahrhunderte verfärbte Farbe entfernt werden soll. Dadurch ergibt sich eine völlig neue Intension Vermeers hinsichtlich der Aussage des Gemäldes: Bei dem Brief, den die junge, gut gekleidete Frau so ernst liest, muss es sich um einen Liebesbrief handeln.

Johannes Vermeers "Briefleserin am offenen Fenster" wie man es bislang kannte und im derzeitigen Zustand | Abb.: © SKD, Foto: Klut / Estel und © SKD, Foto: Wolfgang Kreische
Johannes Vermeers "Briefleserin am offenen Fenster" wie man es bislang kannte und im derzeitigen Zustand | Abb.: © SKD, Foto: Klut / Estel und © SKD, Foto: Wolfgang Kreische

Die Übermalung wurde im 18. Jahrhundert vorgenommen, vermutlich bevor das Gemälde 1742 für die Sammlung des sächsischen Kurfürsten August III. gekauft wurde und nach Dresden kam. Eigentlich ein erstaunlicher Zeitpunkt für eine anscheinend moralisierende Übermalung, durch die ein nackter Amor verdeckt wurde. War doch gerade die Epoche des Rokoko für ihre eher lockeren Sitten und dekorativen Elemente bekannt, auf denen es nur so vor entblößten Göttinnen und Amorknaben wimmelte. Vermutlich sagte die Bildkomposition dem damaligen Besitzer nicht zu.

Bei den aufwändigen Restaurierungsarbeiten werden die Schichten der Übermalung vorsichtig mit einem Skalpell abgetragen | Foto: © Staatliche Kunstsammlungen Dresden
Bei den aufwändigen Restaurierungsarbeiten werden die Schichten der Übermalung vorsichtig mit einem Skalpell abgetragen | Foto: © Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Der Abschluss der aufwändigen Restaurierung ist für 2020 geplant. Dann soll Vermeers frühes Werk wieder dauerhaft in der Gemäldegalerie Alte Meister ausgestellt werden. Bis zum 16. Juni 2019 hat man dort noch die Gelegenheit, die Briefleserin im aktuellen Restaurierungszustand zu bewundern.

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