Im Laufe der französischen Kunstgeschichte hat sich eine Vielzahl an Bildern angesammelt, die in das kollektive Gedächtnis eingegangen sind – angefangen bei den altsteinzeitlichen Malereien in der Höhle von Lascaux. Eine Auswahl von sechs besonders ikonischen unter ihnen zu treffen, fällt wahrlich nicht leicht, ist aber jeden Versuch wert.
Eugène Delacroix, Die Freiheit führt das Volk

Eine Liste mit ikonischen französischen Gemälde ohne Eugène Delacroix’ Die Freiheit führt das Volk wäre mehr als unvollständig. Delacroix malte es im späteren Verlauf des Jahres 1830, nachdem die Julirevolution den reaktionären König Karl X., den jüngsten Bruder des 1793 geköpften Ludwig XVI., vom Thron gefegt hatte. Das großformatige Gemälde zeigt die Barrikadenkämpfe in Paris, wobei die Bürger von der die Tricolore schwingenden Marianne, der Nationalfigur der Französischen Republik, angeführt werden. Am rechten Bildrand lichtet sich der dichte Rauch des Hintergrundes und lässt die Kathedrale Notre-Dame de Paris erkennen sowie ihre Gewehre abfeuernde Soldaten der königlichen Armee. Erstmals ausgestellt wurde das Gemälde 1831 im Pariser Salon und wurde dort vom Französischen Staat, der nun vom Bürgerkönig Louis-Philippe von Orléans regiert wurde, erworben. Jedoch verbrachte es anschließend die meiste Zeit im Depot und wurde im Jahr darauf an Delacroix zurückgegeben – die politische Brisanz erschien dann doch zu heftig für eine Monarchie. Diese Einstellung änderte sich erst 1874, als die Dritte Republik das patriotische Werk erneut erwarb und es im Louvre ausstellte, wo es noch heute bewundert werden kann.
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Théodore Géricault, Das Floß der Medusa

Von großer Brisanz war 1819 auch die Präsentation von Théodore Géricaults Gemälde Das Floß der Medusa, erinnerte es doch an ein Unglück bzw. einen Skandal, der sich 1816 auf hoher See zugetragen hatte: Die Fregatte Méduse segelte 1816 im Auftrag der französischen Regierung nach Senegal, lief vor der afrikanischen Westküste jedoch auf eine Sandbank auf. Da nicht für alle Besatzungsmitglieder und Passagiere Platz in den wenigen Rettungsbooten war, wurde ein riesiges Floß für rund 150 Menschen gebaut, das von den Beibooten an Land gezogen werden sollte. Allerdings wurden die Seile bereits nach kurzer Zeit gekappt und das Floß seinem Schicksal überlassen. Als es dreizehn Tage später entdeckt wurde, waren nur nur fünfzehn Männer am Leben. Die übrigen waren über Bord gegangen, hatten Selbstmord begangen oder waren erschossen worden. Da dem Floß kaum Lebensmittel mitgegeben worden waren, war es wiederholt zu Fällen des Kannibalismus gekommen. Für die Ausführung seines Gemäldes nahm Géricualts intensive Studien vor, die ihn in die Leichenhallen von Krankenhäusern führten. Auch nahm er abgetrennte Gliedmaßen und sogar einen Kopf mit in sein Atelier. Da der Skandal 1819 noch immer sehr präsent war, wählte Géricault für die Ausstellung im Salon den neutralen Titel Scène d'un naufrage („Szene eines Schiffbruchs“).
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Hyacinthe Rigaud, Ludwig XIV. im Krönungsornat

Mit Ludwig XIV. im Krönungsornat von 1701 hat uns Hyacinthe Rigaud das einprägsamste Porträt eines absolutistischen Herrschers hinterlassen, das den Sonnenkönig auf dem Zenith seiner Macht zeigt. Ludwig XIV. war das große Vorbild für gekrönte Häupter in ganz Europa und wurde überall kopiert, allem voran sein pompöses, von einem strengen Protokoll geprägtes Hofleben in dem von ihm prachtvoll ausgebauten Schloss von Versailles. Ein auffälliges Detail sind die prominent in engen Strümpfen dargestellten Beine des damals immerhin schon 63-jährigen Königs. Dieser hatte in seiner Jugend gerne Ballett getanzt, war unter anderem als „Sonne“ bei einem höfischen Ballettabend aufgetreten. Ludwig blieb Zeit seines Lebens stolz auf seine Beine, auch wenn sie auf dem Porträt vielleicht etwas idealisierend dargestellt wurden. Ludwigs Füße stecken in Schuhen mit rotem Absatz – nicht nur eine Modeerscheinung, sondern vielmehr ein Symbol seiner Macht, war das Tragen solcher Absätze doch nur dem König selbst und den Mächtigsten seines Hofes vorbehalten. Bleibt festzuhalten: Sollten Sie jemals das Bedürfnis verspüren, sich als absoluter Monarch porträtieren zu lassen, können Sie mit einer Anlehnung an dieses Werk absolut gar nichts falsch machen.
Jacques-Louis David, Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard

Ein gänzlich anderes Herrscherporträt malte rund 100 Jahren später Jacques-Louis David. Es zeigt in heroischer Weise Napoleon Bonaparte beim Überqueren des Sankt Bernhard-Passes im Mai 1800 – ein historisches Ereignis, das der Schlacht von Marengo vorausging, die wiederum Napoleons entscheidenden Sieg über das Heilige Römische Reich bedeutete. Zu jenem Zeitpunkt war Napoleon noch nicht Kaiser, jedoch seit dem Vorjahr Erster Konsul der Republik. Seine hinaufzeigende Hand macht unmissverständlich klar, wohin ihn sein zukünftiger Weg führen sollte: nach ganz oben. Zudem wird er durch die fiktiven Ritzungen in den Felsen mit Hannibal und Karl dem Großen, die einst ebenfalls die Alpen überquerten, auf eine Stufe gehoben. Jacques-Louis David war ein glühender Anhänger der Französischen Revolution und Napoleons. Mit Der Tod des Marat (1793) und Die Krönung Napoleons (1805-07) schuf einer weitere ikonische Werke seiner Epoche. Das Originalbild der Alpenüberquerung hängt in Schloss Malmaison, dem privaten Wohnsitz Napoleons und seiner ersten Frau Joséphine de Beauharnais. Bis 1802 entstanden vier weitere Versionen, die sich vom Original in Farbwahl und Größe unterscheiden.
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Édouard Manet, Olympia

Der alljährliche Salon de Paris war das wichtigste Ereignis im Pariser Kunstkalender. Jeder Künstler der etwas sein oder werden wollte, reichte seine besten Arbeiten ein, um sie Kritikern, Händlern und Kunstfreunden zu präsentieren. Doch die Jury war streng und wies so manches Werk ab, das nicht dem vorherrschenden „akademischen“ Geschmack entsprach ab. Kaiser Napoleon III. rief daraufhin 1863 den Salon des Refusés ins Leben, in dem die zurückgewiesenen Kunstwerke ausgestellt wurden. Bei so einer Veranstaltungen waren Skandale praktisch vorprogrammiert und Édouard Manet sorgte gleich im ersten Jahr mit Das Frühstück im Grünen, das Nacktheit auf „unseriöse“ Weise in Szene setzte, für einen solchen. 1865 setzte er noch einen oben drauf, als er Olympia präsentierte – dieses Mal direkt im regulären Salon. Das Publikum war mehr als schockiert: Nacktheit um der Nacktheit willen, ohne mythologische oder ähnliche Legitimation. Bei der Dargestellten, die ihren Betrachtern so selbstbewusst ins Auge blickt, handelte es sich doch offensichtlich um eine Prostituierte, die sich zwischen zwei Terminen eine Pause gönnt, während ihr ihre schwarze Angestellte die Aufmerksamkeit eines weiteren Kunden präsentiert. Und als wäre das alles nicht schon skandalös genug, ließ die Malweise auch noch zu wünschen übrig. Während das Pariser Publikum damals also einer Ohnmacht nahe war, gelten Manets skandalträchtige Werke heute als Ikonen, die mit ihrem innovativen Stil den Beginn der modernen Malerei einläuteten.
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Claude Monet, Seerosen

Kein einzelnes Werk sondern eine ganze Werkgruppe, die weltweit mit französischer Malerei assoziiert wird, ist jene, die Claude Monets berühmte Seerosenbilder umfasst. Monet, dessen Gemälde Impression, Sonnenaufgang (1872) einer neuen Stilrichtung den Namen gegeben hatte, beschäftigte sich in den letzten drei Jahrzehnte seines Lebens vor allem mit diesem Motiv, für das er im Garten seines Landhauses in Giverny eigens einen Seerosenteich hatte anlegen lassen. Monet war fasziniert von der reflektierenden Wasseroberfläche zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten und wählte Bildausschnitte, in denen meist nur die Seerosen selbst einen räumlichen Anhaltspunkt gaben, während die Umgebung und der Himmel lediglich als Spiegelungen sichtbar werden. Ab etwa 1914 begann der mittlerweile über 70-jährige Monet, der stark unter einem Augenleiden litt, mit der Ausführung von acht monumentalen Seerosenpanoramen, die er nach Ende des Ersten Weltkriegs dem französischen Staat als Symbol des Friedens zum Geschenk machte. Wer in diese Welt des Lichts, des Wassers und der Reflexionen eintauchen möchte, sollte das Musée de l’Orangerie in Paris besuchen.




