„Zurück zur Natur“ hieß das Motto der zweiten Hälfte 18. Jahrhunderts, das Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) in die Welt setzte. Dieser fromme Wunsch nach mehr Natürlichkeit wurde jedoch nur bedingt umgesetzt, denn nach wie vor ging damit eine große Künstlichkeit einher. Sogar in den englischen Landschaftsgärten, die die strengen französischen Barockgärten ablösten, blieb nichts dem Zufall überlassen, jeder Baum und jeder Busch wurde mit Bedacht gepflanzt, um einen pittoresken Gesamteindruck mit bezaubernden Ausblicken zu erschaffen, in dem man einen Nachmittag lang Schäfer und Schäferin spielen konnte.
Auch in der Malerei suchte man Natürlichkeit vergeblich. Historienbilder galten als das Non plus ultra, Landschaften, die meist nur als Kulisse pittoresker Bauernszenen und mythologischer oder biblischer Figurenstaffagen dienten, waren von vorne bis hinten konstruiert, sodass sich ein für das Auge des Betrachters harmonischer Gesamteindruck ergab.
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Die Vorgaben, was und wie gemalt wurde, ging von den Akademien aus, die die eine glatt polierte Historienmalerei bevorzugten. Befeuert durch die archäologischen Entdeckungen in Pompeji und später in Ägypten erreichte diese Art der Malerei mit dem Klassizismus ihren Höhepunkt, der sich jedoch schon bald mit einer Gegenströmung, der verträumten Romantik konfrontiert sah. Doch auch die Romantiker schafften es nicht, sich von der Ateliermalerei zu lösen und fügten ihre in der Natur geschaffenen Skizzen zu idealisierten Landschaften zusammen.

Dann jedoch fand 1824 in Paris eine Ausstellung mit zeitgenössischer englischer Malerei statt, die auch Werke der beiden Romantiker John Constable (1776-1837) und Richard Parkes Bonington (1802-1828) umfasste. Deren genaue Wiedergabe der Natur faszinierte so manchen jungen französischen Maler, darunter Théodore Rousseau (1812-1867; nicht verwandt mit Jean-Jacques Rousseau), der sich wenige Jahre später in den Wald von Fontainebleau nahe des Dorfes Barbizon begab, um die dortige Natur in meist kleinformatigen Arbeiten („paysage intime“) so naturgetreu wie möglich wiederzugeben. Es war nicht nur die Geburtsstunde der losen Künstlergemeinschaft „Schule von Barbizon“, sondern auch des Realismus, der sich vom Idealen weg und zum Alltäglichen und Unmittelbaren hinbewegte, ohne einem bestimmten Kanon zu folgen.
Zum Teufel mit der zivilisierten Welt! Es lebe die Natur, die Wälder und die alte Poesie.
Zum Teufel mit der zivilisierten Welt! Es lebe die Natur, die Wälder und die alte Poesie. – Théodore Rousseau
Jahr für Jahr kehrte Rousseau in den Wald von Fontainebleau zurück und andere Künstler schlossen sich ihm und seiner neuen Malweise an, darunter Charles-François Daubigny (1817-1878) und Jean-François Millet (1814-1875), wobei sich letzterer mehr auf die Darstellung der arbeitenden Landbevölkerung statt auf die Landschaft konzentrierte. Rousseau und Millet beließen es nicht bei jährlichen Aufenthalten in Barbizon, sondern ließen sich schließlich ganz in dem Dorf nieder.

Ein weiterer bedeutender Vertreter der Schule von Barbizon war Camille Corot (1796-1875), dessen mehr und mehr einer bestimmten Stimmung untergeordneten Landschaftsbilder großen Einfluss auf die nachfolgende Künstlergeneration haben sollte, von denen er einige bedeutende Vertreter zu seinen Schülern zählten: Berthe Morisot (1841-1895), Camille Pissarro (1830-1903) und Eugène Boudin (1824-1898).
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So sehr die Vertreter der realistischen Landschaftsmalerei auch danach strebten, ihre Motive so wirklichkeitsnah wie möglich wiederzugeben, hinderte sie ein Umstand zunächst daran, tatsächlich ihre Werke „vor Ort“ zu vollenden: die Farbe. Für die Ölmalerei war es für Maler bis ins 19. Jahrhundert hinein vonnöten, ihre Farben mit den jeweiligen Pigmenten selbst zu mischen. Diese Farben trockneten jedoch schnell aus, sodass es unmöglich war, sie über einen längeren Zeitraum hinaus mit sich zu führen. Das änderte sich, als der amerikanische Maler John Goffe Rand (1801-1873) 1841 die fertige Farbe in wiederverschließbaren Tuben erfand. Eine Revolution in der Malerei, über die Pierre-Auguste Renoir (1841-1919) später sagte: „Ohne Farbtuben hätte es den Impressionismus nicht gegeben“.
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Dank Rands Erfindung war es den Vertretern der neuen Künstlergeneration, die sich auf die Schule von Barbizon berief, nun möglich, ihre Werke tatsächlich vollständig unter freiem Himmel („en plein air“) und vor dem Motiv („sur-le-motif“) auszuführen. Künstler wie Renoir, Alfred Sisley (1839-1899) und Claude Monet (1840-1926), denen die durch ein bestimmtes Licht entstandene Stimmung über alles ging, konnten ihrer Vision nun uneingeschränkt folgen. Sie stellten ihre Leinwände – gerne Seite an Seite – an Küsten, in Wäldern und auf Wiesen auf und schufen mit schnellen Pinselstrichen kleinformatige Werke, die den Zauber eines Augenblicks einfingen.
Bei Kritikern und Publikum kamen ihre Bilder lange Zeit nicht besonders gut an. Bei vielen Künstlerkollegen im In- und Ausland, die zeitweilig in Paris studierten, hingegen schon, sodass sich der Trend der Freilichtmalerei auch in anderen Ländern verbreitete. Man suchte nach Orten außerhalb der Städte, die durch ihre Landschaft und Lichtverhältnisse inspirierten.
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Zahlreiche bedeutende Künstlerkolonien wurden gegründet, so wie die von Worpswede und Dachau in Deutschland, Skagen in Dänemark oder die Newlyn School im südenglischen Cornwall, in denen die Künstler zusammen lebten und arbeiteten und die auch noch bestehen blieben, als sich die Avantgarde verstärkt dem Ausdruck der eigenen Empfindung zuzuwenden begann und sich wieder öfter in ihre Ateliers zurückzog.
Dennoch ist die Freilichtmalerei nie aus der Mode gekommen und lebt heute auch in der Naturfotografie weiter.




