Was ist so besonders am Jaguar E-Type, das ihn auch heute noch so attraktiv macht?
Liegt es daran, dass er zu seiner Zeit – in der reifen Sprache der Ära – als “The Greatest Crumpet Catcher Known to Man” ("Die größte dem Menschen bekannte Mausefalle") bezeichnet wurde, er also, um es im heutigen Jargon auszudrücken, Mitglieder des anderen Geschlechts anzulocken vermag? Oder weil sogar Il Commendatore, Enzo Ferrari höchstselbst, ihn als "das schönste Auto der Welt" bezeichnete? Oder liegt e daran, dass die unangemessen in die länge gezogene Motorhaube oft als Ausgleich für mangelnden Gentleman-Stolz angesehen wird? Oder ist es viellicht, weil er in den Swinging Sixties zum Synonym für Großbritannien wurde und durch Bilder mit langen Haaren und sehr kurzen Röcken Erinnerungen an fabelhafte Musik und freie Liebe hervorruft?
Oder ist es doch seine Fähigkeit, seine Geschwindigkeit in nur sieben Sekunden von 0 auf 100 km/h zu steigern, mit einer Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h? Oder die Tatsache, dass er unzählige Male zum sexiesten Auto aller Zeiten gewählt wurde? So langsam kommt es einem so vor, als wäre der E-Type jene "Maus", die man unbedingt fangen möchte. Sollten Sie noch immer nicht davon überzeugt sein, sind hier acht Gründe, die ihre Meinung bestimmt ändern.
1. Eine Warteliste, wie es sie noch nie zuvor gegeben hatte

Vor sechzig Jahren, am 15. März 1961, wurde auf dem Genfer Auto-Salon der nagelneue Jaguar E-Type der Öffentlichkeit vorgestellt. Nie zuvor, und möglicherweise auch nie mehr danach, löste ein Auto einen solchen Wow-Faktor aus. Das Auftragsbuch war ruckzuck ausgefüllt und nur Stars und Rennfahren war es möglich, eines dieser Autos zu bekommen. Der Jaguar E-Type war als Straßenfahrzeug konzipiert worden, nachdem die Marke zuvor viele Erfolge auf den Rennstrecken hatte verbuchen können, vor allem beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans, wo C-Types und D-Types von Jaguar in den 1950er Jahren nicht weniger als fünfmal nach Hause holen konnten. Der E-Type verfügt also über eine Abstammung wie kaum ein anderes Auto. Noch wichtiger ist, dass er als relativ erschwinglicher Sportwagen auf den Markt kam – sein Preis betrug weniger als die Hälfte von einem Aston Martin und sogar nur ein Drittel des Preises für einen Ferrari. Ein E-Type hätte Ihnen 1961 für 1.550 GBP gehören können, vorausgesetzt, es hätte Ihnen nichts ausgemacht, Ihren Namen auf die ellenlange Wartelist zu setzen.
2. Sensationelle Kurven

Der Chef von Jaguar, Sir William Lyons, war vor allem Geschäftsmann, während Enzo Ferrari vielleicht eher der Sportlertyp war. Enzo Ferrari verkaufte seine Auto nur, um seine Rennsport-Bemühungen zu finanzieren, während Lyons nur zu Rennen ging, um die Qualität und die Zuverlässigkeit seiner Straßenfahrzeuge zu bewerben. Jedenfalls profitierte der E-Type von den Erfahrungen des D-Types und den Prototypen E1A und E2A auf der Rennstrecke. Jaguars Chefdesigner, der bescheidene Malcolm Sayers, war zuvor Flugzeugingenieur und Aerodynamiker gewesen, der sein Handwerk während des Krieges bei der Bristol Aeroplane Company gelernt hatte. Der Einfluss der Aerodynamik und des Windes ist bei der sensationellen Form des E-Types kaum zu übersehen.
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Ursprünglich war der E-Type als Roadster, ein offener Zweisitzer, entwickelt worden und es war William Lyons selbst, dem die Idee zum geschlossenen Coupé kam. Berichten zufolge war Lyons in der Werkstatt und sah zu, wie der Roadster Gestalt annahm, als er einen langen Schlauch vom Boden aufhob, ihn von der Oberseite der Windschutzscheibe zum Heck des Autos drapierte, zurücktrat und sagte: "Lasst uns das bauen". Viele, auch ich, sind heute der Meinung, dass das frühe Coupé der schönste aller E-Types ist, aber es wird immer etwas Besonderes sein, auf englischen Landstraßen oder kalifornischen Highways mit Wind im Haar zu fahren.
3. Extrem sportlich – und ausgefeilt

Im Laufe seiner dreizehnjährigen Produktionsdauer wurden drei Serien des E-Type gebaut. Einige Fans sind der Meinung, das die erste Serie, die puristischste und daher die beste ist. Während der ersten Serienproduktion wurde der ursprüngliche Sechszylindermotor von 3,8 auf 4,2 Liter vergrößert. und das Getriebe mit einer Synchronisation aller Vorwärtsgänge verbessert. In den folgenden Jahren entwickelte sich der E-Type von einem ziemlich rohen Sportwagen mit offensichtlichen Verbindungen zu seinem Vorgänger, dem D-Type-Rennwagen, zu einem komfortableren und dennoch äußerst sportlichen Grand Tourer.
Die größte Veränderung kam 1971, als der zuverlässige, leistungsstarke und robuste 6-Zylinder-Twin-Cam-XK-Motor durch einen brandneuen und hochentwickelten 5,3-Liter-V12-Motor ersetzt wurde. Der neue Series 3 E-Type war auch länger, hatte ausgestellte Radkästen und einen neuen Chromgrill. Die Sicherheitsgesetze, hauptsächlich aus den USA, dem größten Markt von Jaguar, forderten ihren Tribut an der Reinheit des ursprünglichen Designs, ebenso wie die Kraftstoffkrise was die Verkaufszahlen betrifft. Interessanterweise war es der Series 3 E-Type V12, der während des Oldtimer-Booms Ende der 1980er Jahre am meisten geschätzt wurde. Heute sind es hingegen sie beiden früheren Serien. Jaguar beendete die E-Type-Produktion 1974 mit einer fünfzig Wagen umfassenden Gedenkedition.
4. Erschwinglichkeit

Die Ironie des Erfolgs des E-Type ist, dass er heute, so schön und begehrt er auch sind, wertmäßig nicht einmal annähernd an die 41,4 Millionen Euro herankommt, die nötig wären, um das teuerste aller Sammlerautos zu erwerben, den Ferrari 250 GTO. Lediglich 36 Exemplare des Ferrari 250 GTO mit Straßenzulassung wurden gebaut, während bei Jaguar vom E-Type aller drei Serien insgesamt 70.000 Exemplare vom Band liefen. Die Millionen-Dollar-Frage lautet: Was wäre ein E-Type heute wert, wäre er in ähnlich geringer Stückzahl gebaut worden und was müsste man für einen 250 GTO hinblättern, hätte Ferrari ihn 20.000 Mal hergestellt?
Die Preise für einen E-Type mit Straßenzulassung schwanken je nach Modell, Zustand und Herkunft zwischen 55.000 und 400.000 Euro. Die Rennvarianten und seltene Exemplare sind deutlich mehr wert. Der Legende nach wandte sich James-Bond-Produzent Cubby Broccoli zunächst an William Lyons, um den E-Type als fahrbaren Untersatz für 007 zu verwenden. Lyons lehnte jedoch mit der Begründung ab, dass Jaguar keine zusätzliche Werbung nötig habe. So ist der Aston Martin DB5 heute das berühmteste Auto der Welt – neben Chitty Chitty Bang Bang natürlich!
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5. Wertvolle Erinnerungen (und ein Comic-Geheimagent)

Ich besitze meinen E-Type jetzt seit mehr als 30 Jahren, ein Gunmetal Grey Fixed Head Coupé von 1961. Soweit ich mich erinnern kann, habe ich E-Types immer geliebt, seit mein Vater mich als Kind auf den Straßen Londons eifersüchtig auf einen aufmerksam gemacht hat. Mein E-Type war viele Jahre lang mein einziges Auto und zusammen haben wir mehrere Reisen nach Südfrankreich unternommen. Ich habe ihn auch als mein tägliches Stadtauto benutzt, als ich in Mailand lebte. Wenn ich in Italien Kunden besuchte, bezeichneten sie ihn fröhlich als la macchina di Diabolik (Diabolik ist ein fescher, schwarz tragender Geheimagent in einem beliebten italienischen Comic, der einen schwarzen E-Type FHC fährt).
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6. Genuss für alle Sinne

Die Sinne.
Auch heute noch, wenn ich meine Garage öffne, halte ich einen Augenblick inne, um meinen E-Type wehmütig zu bewundern. Wenn ich die Tür zu diesem schönen Gefährt öffne und hinter mir zufallen lassen, warte ich auf jenes Geräusch, das mir sagt, dass sich die Zeit, die Mühe und das Geld für die Perfektionierung der Restaurierung gelohnt haben. Von außen betrachtet, weiß ich, dass das Publikum ihn bewundern wird. Sobald ich auf dem Fahrersitz Platz nehme, hüllt mich das butterweiche Leder wie ein Handschuh ein. Meine Sinne verwandeln sich in Erinnerungen an malerische Fahrten und romantische Verabredungen (die im Gegensatz zu den meisten Fahren, die, um ehrlich zu sein, meistens die reinste Qual sind). Der Duft von Leder, Benzin und Öl, die Haptik des schlanken Holzlenkrads und des Schaltknaufs, die Instrumenteneinheit mit kalibrierten Augenlinie und hochreliefierten Zifferblättern wie bei einer exquisiten Uhr – alles Schönheit und Erinnerung.
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Mit kindlicher Vorfreude lasse ich ihn an – voller Hoffnung, dass sich die Batterie in einer zuvorkommenden Stimmung befindet. Sie ist es und los geht es. Der Vergaser verteilt den Saft, die Zündspule sendet ihre Schocks und die sechs Zylinder fangen an zu singen. Die Rückwand der Garage wird durch den Auspuff in einen Moschusduft gehüllt.
Bereits der Inhalt dieses kleinen Gedankenspiels erfüllt unser Bedürfnis nach nervöser Vorfreude, unsere Sehnsucht nach Abenteuer und dem Unerwartete, unseren Hunger nach den schönen Dingen des Lebens. Und ich habe noch nicht einmal die Garage verlassen. Draußen auf der Straße werden meine Sinne lebendig durch das Rauschen oder das schrille Geräusch der eng abgestimmten Abgasanlage. Bei Regen (ja, manchmal wage ich es) bewegen sich die schwachen, schwarzen Scheibenwischer hin und her. Dieses Metronom spielt mit meiner Bewunderung der kurvenreichen Motorhaube und ihrer perfekten Formen. Vor dem Abbiegen zeigen die weichen grünen Pfeile und das kontinuierliche Ticken meine Absicht an. Alle meine Probleme bleiben zurück (alle meine Sparmaßnahmen auch, doch mehr dazu unter Punkt 7).
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7. Er ist es wert

Einen Oldtimer zu besitzen ist die pure Freude. Klar, manchmal kann es auch mühevoll sein, doch dann tritt man einfach einen Schritt zurück und genießt die sinnlichen Kurzen und die perfekten Proportionen und und steigt der Puls und alles ist vergeben und vergessen.
Wir schätzen schöne Dinge nicht nur für ihren Nutzen, sondern auch für das, was sie darstellen - oder vielmehr dafür, was sie vorgeben darzustellen.
Zitat aus: Roger Scruton,Beauty: A Very Short Introduction.
8. Sexappeal (die Versicherung, das man ihn noch immer hat)
Was macht den E-Type also so besonders? Sexappeal, reiner Sexappeal – wir können doch auch mit sechzig voll auf etwas abfahren, oder?




