Allgemein gilt die deutsche Expressionistin Paula Modersohn-Becker als die erste Malerin, die es wagte, sich selbst nackt zu porträtieren. Das war um 1906 und ein für jene Zeit unglaublich gewagtes Unternehmen. Doch existiert ein weiteres Werk, das rund 80 Jahre früher entstand und – mit Einschränkung – als erster weiblicher Selbst-Akt betrachtet werden kann. Warum mit Einschränkung? Weil jenes Bild nicht die Identität der Künstlerin enthüllt, sondern lediglich einen Teil ihres Körpers. Gemeint ist Beauty Revealed („Enthüllte Schönheit“), gemalt von der amerikanischen Miniaturmalerin Sarah Goodridge im Jahr 1828; ein auf einem zarten, nur 6,7 x 8 cm messenden Elfenbeinplättchen ausgeführtes Werk, das lediglich die entblößten Brüste von Goodridge zeigt.
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Man kann sich leicht vorstellen, dass ein solch intimes Werk in dem von strengen Moralvorstellungen geprägten Amerika des 19. Jahrhunderts nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, sondern nur für die Augen einer ganz bestimmten Person. In diesem Fall war es der Politiker Daniel Webster, der seit 1827 das Amt des Senators für Massachusetts bekleidete und den Goodrige in Boston kennengelernt hatte, wo sie ihn zum ersten von rund einem Dutzend weiteren Malen porträtierte.
Über die tatsächliche Natur der Beziehung zwischen Malerin und Modell wurde und wird viel spekuliert. Die 44 Briefe, die Webster Goodridge zwischen 1827 und 1851 schrieb (ihre Briefe an ihn sind nicht erhalten) zeugen lediglich von einem zunehmend vertrauten, aber keineswegs romantischen Verhältnis.
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Im Winter 1828 besuchte Sarah Goodridge Daniel Webster, der kurz zuvor Witwer geworden war, in Washington, D.C. Es gibt die Vermutung, dass Goodridge Beauty Revealed Webster als eine Art „Werbung“ überreichte, um als potenzielle neue Ehefrau in Betracht gezogen zu werden. Falls das tatsächlich der Fall gewesen sein sollte, ging der Plan jedenfalls nicht auf, denn Webster heiratete 1829 nach kurzer Verlobungszeit eine Andere, die aus einer gutbürgerlichen New Yorker Familie stammte und für sein Fortkommen als Politiker sicherlich die bessere Wahl war, als eine 40-jährige Frau, die ihren Lebensunterhalt als Malerin selbst bestreiten konnte.
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Sarah Goodridge war 1788 in Templeton, Massachusetts als sechstes von insgesamt neun Kindern des Ehepaares Ebenezer und Beulah Goodridge zur Welt gekommen. Die Familie war nicht reich, sodass die im Zeichnen talentierte Sarah keinen richtigen Unterricht erhalten konnte, sondern sich vor allem autodidaktisch fortbildete. Bei einem ersten Aufenthalt in Boston nahm sie einige Zeichenstunden und lernte zudem den Porträtmaler Gilbert Stuart kennen, der eine Art Mentor wurde und den sie 1825 porträtierte.
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Zu jenem Zeitpunkt hatte sie sich bereits dauerhaft in Boston niedergelassen und als Malerin von Miniaturporträts etabliert. Insgesamt wurden ihr fünf Ausstellungen im Athenaeum gewidmet und sie vermochte zwei bis drei Werke pro Woche auszuführen. In den noch jungen Vereinigten Staaten gab es noch nicht viele Maler von hohem Niveau, schon gar keine Frauen, was Sarah Goodridges Karriere umso bemerkenswerter macht. Goodridge verdiente gut und war in der Lage, nicht nur ihre Mutter und eine verwaiste Nichte zu unterstützen, sondern sich auch einen Alterssitz zu kaufen, als ihr schwindendes Augenlicht sie 1851 zwang, mit dem Malen aufzuhören.
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Man darf sich fragen, ob eine so selbstständige Frau wie Sarah Goodridge, die ihren eigenen Unterhalt verdiente und so mutig war, ein Werk wie Beauty Revealed anzufertigen, als Politikergattin, die jeden ihrer Schritte abwägen muss, wirklich glücklich geworden wäre. Sarah Goodridge heiratete auch keinen anderen. 1841 besuchte sie Daniel Webster ein zweites Mal in Washington, D.C., was zusammen mit den Briefen nahelegt, dass das Nicht-Zustandekommen einer Ehe die Beziehung der beiden in keiner Weise getrübt hatte. Sarah Goodridge starb 1853 im Alter von 65 Jahren in Boston.
Daniel Webster war bereits im Jahr zuvor verstorben. Zwar hatte er keinen Brief von Sarah Goodridge behalten, Beauty Revealed hingegen schon. Die Miniatur wurde in der Familie weitervererbt, bis sie 1981 bei Christie’s versteigert wurde. Zuletzt war sie im Besitz von Gloria und Richard Manney, die ihre Sammlung 2006 dem Metropolitan Museum of Art in New York schenkten. Beauty Revealed wird derzeit nicht ausgestellt.







