Auf steinigen Pfaden: Künstlerinnen zwischen Renaissance und Aufklärung

Die Wiederentdeckung Artemisia Gentileschis hat das Interesse an weiblichen Künstlern der frühen Neuzeit geweckt. Und das völlig zu Recht. Denn diese Damen haben lange genug ein Dasein im Schatten ihrer männlichen Kollegen gefristet!

Auf steinigen Pfaden: Künstlerinnen zwischen Renaissance und Aufklärung

„[Künstlerin] sein ist ein ellendes Handwerck!“ Diese leicht abgewandelte Aussage der Schwägerin Ludwigs XIV., Liselotte von der Pfalz, die am Hof von Versailles lebte, trifft hervorragend auf deren Zeitgenossinnen zu, die für sich ein Leben als Malerin gewählt hatten. Dabei war nicht das „Handwerck“ an sich die „ellende“ (elende) Komponente - auch wenn diese Frauen, wie jeder Künstler, hin und wieder von Selbstzweifeln geplagt gewesen sein dürften, sondern ihre Lebensumstände in einer Zeit, in der Frauen kein Anrecht auf ein selbstbestimmtes Leben hatten.

Ausbildung

Wie zu allen Zeiten war es auch für Künstler im 17. und 18. Jahrhundert schwierig Fuß zu fassen und von der Kunst leben zu können. Die erste Hürde bestand darin, überhaupt als talentierte Person entdeckt zu werden. Die besten Vorraussetzungen bildete der Umstand, als Kind eines Malers auf die Welt zu kommen. Die trifft auch auf viele Malerinnen des 16., 17. und 18. Jahrhunderts zu, darunter Catarina van Hemessen (1527/28 Antwerpen - nach 1583), Anna Dorothea Therbusch (1721 Berlin 1782) und ihre Schwester Anna Rosina Gasc (1713 Berlin - 1783 Dresden) sowie Alida Withoss (1661/62 Amersfort - 1730 Amsterdam), deren Eltern sogar beide als Maler tätig waren.

Links: Anna Dorothea Therbusch, Selbstportrait, 1782 Rechts: Anna Rosina Gasc, Selbstportrait, 1767
Links: Anna Dorothea Therbusch, Selbstportrait, 1782 Rechts: Anna Rosina Gasc, Selbstportrait, 1767

Das väterliche Atelier bot auch Mädchen, auf deren Ausbildung im Allgemeinen wenig wert gelegt wurde, die Möglichkeit, mit Künstlerbedarf in Berührung zu kommen und auszuprobieren. Erwiesen sie sich als talentiert und der Vater als geneigt, sein Wissen auch an seine weibliche Nachkommenschaft weiterzugeben, fand die Ausbildung in der Regel in der heimischen Werkstatt statt.

Andere Künstlerinnen, die nicht einer Malerfamilie entstammten, gehörten meist der übrigen gehobenen Handwerksschicht oder dem Bildungsbürgertum an: Der Vater der Engländerin Mary Moser (1744 London 1819) war Goldschmied, Adélaïde Labille-Guiards (1749 Paris 1803) Vater betrieb eine sehr lukrative Modehandlung in Paris, Maria van Oosterwijks (1630 Nootdorp - 1693 Uitdam) „alter Herr“ war Pfarrer und Rachel Ruyschs (1664 Den Haag - 1750 Amsterdam) männlicher Elternteil war ein angesehener Anatom und Botaniker.

Der Kontakt der eigenen Familie zu anderen Künstlern bot auch Mädchen die Möglichkeit, sich außerhalb des väterlichen Ateliers weiterzubilden. Allerdings war nicht jeder Künstler dazu bereit, eine Frau professionell auszubilden. Lobend erwähnt werden muss an dieser Stelle der niederländische Barockmaler Willem van Aelst, dessen Lehrtätigkeit mit Maria van Oosterwijk und Rachel Ruysch gleich zwei bedeutende Malerinnen hervorgebracht hat.

Links: Godfried Schalcken, Portrait Rachel Ruysch, vor 1706 Rechts: Elisabetta Sirani, Selbstportrait, um 1665
Links: Godfried Schalcken, Portrait Rachel Ruysch, vor 1706 Rechts: Elisabetta Sirani, Selbstportrait, um 1665

Was kann man sonst noch tun, um Mädchen und Frauen eine gute Ausbildung als Künstler zu ermöglichen, wenn diesen der Weg an die Akademien versperrt ist? Man gründet seine eigene Schule! 1781 eröffnete Adélaïde Labille-Guiard die erste Malschule für Frauen in Paris. Bereits im 17. Jahrhundert wagte Elisabetta Sirani (1638 Bologna 1665) diesen Schritt in Bologna.

"Im Atelier von Madame Vincent in der Zeit um 1800" - Das Gemälde stammt von Marie-Gabrielle Capet, die eine Schülerin von Adélaïde Labille-Guiard, die 1800 ihre Jugendliebe, den Maler François-André Vincent geheiratet hatte.
"Im Atelier von Madame Vincent in der Zeit um 1800" - Das Gemälde stammt von Marie-Gabrielle Capet, die eine Schülerin von Adélaïde Labille-Guiard, die 1800 ihre Jugendliebe, den Maler François-André Vincent geheiratet hatte.

Motivsuche

Da keine Möglichkeit der regulären Ausbildung an einer Akademie bestand, wo mit der Aktmalerei die höchste Form der Kunst gelehrt wurde, spielt dieses Genre in den Werken malender Frauen eher eine untergeordnete Rolle. Ansonsten waren sie, was die Genres betrifft, genauso breit aufgestellt wie ihre männlichen Kollegen und führten landschaftliche, mythologische und historische Arbeiten aus. Auffällig ist jedoch die überdurchschnittlich hohe Anzahl an Portraits und Stillleben, wobei bei letzteren solche mit Blumenmotiven dominieren.

Einen Hang zu „maskulineren“ Themen hatte die niederländische Barockmalerin Judith Leyster (1609 Haarlem - 1660 Heemstede), die sich an lebendige Wirtshausmotive mit Musikern, Verführern und Falschspielern heranwagte.

Links: Judith Leyster, Selbstportrait, 1630 Rechts: Catarina van Hemessen, Selbstportrait, 1548
Links: Judith Leyster, Selbstportrait, 1630 Rechts: Catarina van Hemessen, Selbstportrait, 1548

Trotz der gesellschaftlichen Enge, in der sie lebten und arbeiteten, blieb so mancher Künstlerin noch genügend Raum für Innovation. So schuf die Renaissancemalerin Catarina van Hemessen, die ihre Werke bereits sehr selbstbewusst signierte, das erste Selbstportrait, bei dem sich ein Maler bei der Arbeit darstellt. Und Clara Peeters (1594 Antwerpen - 1658) gilt als eine Pionierin der Stilllebenmalerei, die ihre Blütezeit im Goldenen Zeitalter der Niederlanden hatte.

Auftraggeber

„Vitamin B“ ist in jeder Situation hilfreich und es verhalf so mancher hochbegabter Künstlerin zu einer Karriere, die ihr sonst vielleicht verwehrt geblieben wäre. Eine hervorragende Ausgangslage bestand, wenn der Vater als Hofmaler tätig war. Dann konnte es durchaus geschehen, dass eine malende Tochter in dessen Fußstapfen trat, so geschehen bei Anna Maria Ehrenstrahl (1666 Stockholm 1729) in Schweden oder Adriana Spilberg (1650 Amsterdam - nach 1697 Düsseldorf) bei Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz in Düsseldorf.

Doch war es für eine Künstlerin auch durchaus möglich, die auf ihrem Talent beruhende Förderung eines fürstlichen Gönners zu erlangen. Dem kunstsinnigen Statthalter der Spanischen Niederlande, Leopold Wilhelm von Österreich, entgingen die Fähigkeiten von Michaelina Woutiers (um 1620 - nach 1682) durchaus nicht. Aus dem ersten Auftrag für ein Portrait, den Élisabeth Vigée-Lebrun (1755 Paris 1842) von Königin Marie Antoinette erhielt, entwickelte sich sogar eine echte Freundschaft zwischen den beiden gleichaltrigen Frauen. 

Links: Michaelina Woutiers, Selbstportrait, um 1649 Rechts: Sofonisba Anguissola, Selbstportrait, 1556
Links: Michaelina Woutiers, Selbstportrait, um 1649 Rechts: Sofonisba Anguissola, Selbstportrait, 1556

Der außerordentlich begabten Renaissancemalerin Sofonisba Anguissola (um 1531/1532 Cremona - 1625 Palermo), die in besonderer Gunst von gleich mehren (weiblichen) Mitgliedern des spanischen Königshauses stand, wurde die Ehre zuteil, dass der junge Peter Paul Rubens für den Herzog von Mantua gleich mehrere ihrer Werke kopierte.

Eine besondere Karriere durchlief die in Brügge geborene Miniaturenmalerin Levina Teerlinc (1510/20 Brügge/Gent - 1576 London), der ihr guter Ruf nach England vorausgeeilt war, wo König Heinrich VIII. sie 1545 als Hofmalerin einstellte. Eine Position, die Teerlinc auch unter Heinrichs Kindern Eduard VI., Maria I. und Elisabeth I. behielt. Ihr jährliches Gehalt auf Lebenszeit betrug 40 Pfund und lag damit höher als jenes, das der vorherige Hofmaler Heinrichs VIII., Hans Holbein, erhalten hatte.

Ehe

Wie es von ihnen erwartet wurde, gingen auch die meisten Künstlerinnen im Laufe ihres Lebens den heiligen Bund der Ehe ein, sehr häufig mit einem Mann, der ebenfalls als Maler arbeitete, also aus dem gleichen Umfeld stammte wie sie selbst. 

Nur wenige Väter achteten, auch wenn sie selbst Maler waren, auf die Karrierewünsche ihrer Töchter. Eine Ausnahme scheint der Vater von Adriana Spilberg, der Düsseldorfer Hofmaler Johannes Spilberg, gewesen zu sein, der mehrere Heiratsanfragen für seine Tochter abgelehnt haben soll, um deren Begabung weiterhin fördern zu können.

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Ob die Ehe und der oftmals daraus resultierende Kindersegen das Ende der Karriere bedeutete, war individuell unterschiedlich, bei der auf botanische Zeichnungen spezialisierten Niederländerin Alida Withoos verhielt es sich so. Vor allem bei den Portraitmalerinnen des 18. Jahrhunderts, wie Anna Dorothea Therbusch oder Élisabeth Vigée-Lebrun, war es anders. Möglicherweise weil sie mit ihren Auftragsarbeiten erheblich zum verbesserten Füllstand der Haushaltskasse beitragen konnten.

Anerkennung

Wie wir bereits erfahren haben, bleib Frauen die Ausbildung an den Akademien verwehrt. Aber auch, wenn sie sich bereits einen Namen als Künstlerin gemacht hatten, war es für sie immer noch schwierig, als Mitglied an einer der einflussreichen Institutionen aufgenommen zu werden.

Links: Adélaïde Labille-Guiard, Selbstportrait mit zwei ihrer Schülerinnen, 1785 Rechts: Élisabeth Vigée-Lebrun, Selbstportrait, 1790
Links: Adélaïde Labille-Guiard, Selbstportrait mit zwei ihrer Schülerinnen, 1785 Rechts: Élisabeth Vigée-Lebrun, Selbstportrait, 1790

Die Académie royale de peinture et de sculpture in Paris nahm generell nur 4 Malerinnen gleichzeitig auf. 1783 wurden Élisabeth Vigée-Lebrun und Adélaide Labille-Guiard am selben Tag diese Ehre zuteil. Bereits 1767 war die aus Berlin stammende Anna Dorothea Therbusch Mitglied der Académie geworden, nachdem sie zwei Jahre zuvor noch abgelehnt worden war, da das von ihr eingereichte Gemälde als zu gut betrachtet worden war, um tatsächlich von einer Frau gemalt worden zu sein.

Links: Angelika Kauffmann, Selbstportrait, 1784 Rechts: George Romney, Portrait der Mary Moser, um 1770
Links: Angelika Kauffmann, Selbstportrait, 1784 Rechts: George Romney, Portrait der Mary Moser, um 1770

In England war man scheinbar ein wenig fortschrittlicher, denn dort gehörten die aus der Schweiz stammende Angelika Kauffmann (1741 Chur - 1807 Rom) und Mary Moser 1768 zu den Gründungsmitgliedern der Royal Academy of Arts.

Johann Zoffany, Die Portraits der Gründungsmitglieder der Royal Academy, 1771–72. Um das weibliche Zartgefühl der beiden Gründungsmitglieder Angelika Kauffmann und Mary Moser zu schützen, nahmen sie an der abgebildeten Aktmalstunde nur als Portraits an der Wand teil...
Johann Zoffany, Die Portraits der Gründungsmitglieder der Royal Academy, 1771–72. Um das weibliche Zartgefühl der beiden Gründungsmitglieder Angelika Kauffmann und Mary Moser zu schützen, nahmen sie an der abgebildeten Aktmalstunde nur als Portraits an der Wand teil...

Im 17. Jahrhundert, der Blütezeit der dem heiligen Lukas geweihten Malergilden, gab es in den Niederlanden lediglich drei Frauen, denen es gelang, in eine aufgenommen zu werden: Rachel Ruysch (1701 in Den Haag, gemeinsam mit ihrem ebenfalls malenden Mann), Judith Leyster (1633, Haarlem) und Sara van Baalbergen (1631 ebenfalls in Haarlem als erste Frau überhaupt). 

Die Möglichkeit, als Künstlerin Anerkennung zu finden - oder überhaupt erst eine zu werden - blieb bis ins 20. Jahrhundert sehr schwierig. Noch im 19. Jahrhundert sprach der wie immer antifeministisch gesinnte Arthur Schopenhauer Frauen jede künstlerische Befähigung grundlegend ab.

Da kann man nur sagen, dass der gute Mann nun wirklich nicht „up-to-date“ war. Denn schließlich haben die oben genannten Künstlerinnen und ihre Kolleginnen wie Artemisia Gentileschi, Josefa de Óbidos, Rosalba Carriera, Johanna Vergouwen und viele andere in den Jahrhunderten zuvor eindrucksvoll das Gegenteil bewiesen.

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Alle Abbildungen via Wikipedia

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