Wer einen Blick in die aktuellen Kataloge des Münchener Auktionshaus Hampel wirft, stellt sich unweigerlich die Frage, ob Heiligabend in diesem Jahr bereits am 24. September stattfindet. Denn die dort präsentierte Offerte dürfte jeden Liebhaber von Kunst und Antiquitäten gewiss umgehend in Festtagsstimmung versetzen. Von den fast 1.400 Losen für höchste Ansprüche möchten wir Ihnen nun sechs Highlights näher vorstellen.
Eröffnet wird die Reihe um 10 Uhr mit der Kategorie „Möbel, Einrichtung & Uhren“, die eine gotische Eisentruhe genauso umfasst wie elegante Louis XV- und Louis XVI-Möbel und vergoldete Pendülen. Die darauf folgende „Skulpturen & Kunsthandwerk“-Offerte präsentiert sich nicht weniger abwechslungsreich und hält antike Torsi, ein Florentiner Stuckrelief des 15. Jahrhunderts sowie schöne geschnitzte Madonnen und ein Paar äußerst seltene Bilder in Mikro-Glasmosaik aus dem Atelier des Vatikans bereit.
Anschließend stehen ab 11:30 Uhr die Alten Meister auf dem Programm.

Hier sei zunächst auf das Gemälde Johannes flieht bei der Gefangennahme Christi hinzuweisen, das bei seiner Wiederentdeckung im Jahr 2003 als Werk von Antonio Allegri, besser bekannt als „Il Correggio“, identifiziert wurde. Es steht vermutlich im Zusammenhang mit Correggios Gemälde Jesus am Ölberg ("The Agony in the Garden“), das sich in Apsley House, dem Londoner Wohnsitz des Herzogs von Wellington, befindet. Correggio bediente sich einer ausgeprägten Hell-Dunkel-Malerei, seine lebendigen Figuren inspirierten später die Maler des Barock.

Bei der bislang noch unpublizierten Entwurfsversion der Sibilla Persica für das entsprechende Gemälde in den Kapitolinischen Museen handelt es sich um eine eigenhändige Arbeit von Giovanni Francesco Barbieri, genannt Guercino. Die Darstellungen der antiken Sibyllen, die als verehrte Seherinnen die Kontinuität zwischen Heidentum und Christentum symbolisierten, waren in der italienischen Barockmalerei sehr beliebt. Den Auftrag zu dem Gemälde Sibilla Persica, das sich heute in den Kapitolinischen Museen befindet, erhielt Guercino 1647 von Carlo Rondinelli, dem Gouverneur der Stadt Cento. Es zählt zu den bedeutendsten Schöpfungen im Spätwerk des Meisters, das sich, so wie auch die vorliegende Entwurfsversion, durch eindringliche Hell-Dunkel-Kontraste, die eine unmittelbare Begegnung mit der Seherin erzeugen, auszeichnet.

Auch unser nächstes Highlight ist im Zusammenhang mit einem anderen Gemälde zu sehen. 1558 schuf Federico Barocci, genannt „Fiori da Urbino“, im Auftrag des Gelehrten Benedetto Bonaventura das Altargemälde Martyrium des Heiligen Sebastian für den Dom von Urbino. Der Fokus ist dabei ganz klar auf den von Pfeilen durchbohrten Heiligen und die darüber thronende Madonna mit Kind gerichtet, doch am unteren Bildrand platzierte Fiori da Urbino auf ungewöhnliche Weise den Kopf eines Knaben, der den Betrachter ernst und direkt anblickt. Dieses Brustbild, das den Sohn des Auftraggebers darstellt, liegt hier als losgelöstes Einzelporträt vor, das vermutlich als vorbetende Studie zu dem Altarbild diente.
Die nachfolgende Offerte „Impressionisten & Moderne Kunst“ wird neben Camille Pissarros Femme étendant du ligne (1887) und Jean Dufys Voiliers dans le port du havre (1907) von Gustave Loiseaus Falaises d‘Yport en hiver (1924) angeführt.

Gustave Loiseau war ein Landschaftsmaler des Post-Impressionismus, der die belebten Straßen von Paris genauso malte wie die idyllischen Flusslandschaften Nordfrankreichs und die dramatischen Felsenküste der Normandie, die sogenannte Alabasterküste, die vor Loiseau bereits zahlreiche Vertreter des Impressionismus inspiriert hatte. In seiner Leidenschaft für die Pleinair-Malerei wurde der junge Loiseau durch die Maler der Schule von Avon in der Bretagne bestätigt, die er 1890 erstmals besuchte. Einer der dortigen Künstler, Maxime Maufra, ist ebenfalls mit einer winterlichen Küstenlandschaft in der Auktion vertreten, die jedoch auf der der Bretagne vorgelagerten Belle-Île-en-Mer entstand.

Ebenfalls hervorgehoben werden muss Anselm Kiefers Die Nornen - Urd, ein in pastoser Mischtechnik ausgeführtes Werk von 2018. Die Nornen sind die drei Schicksalsfrauen der nordischen Mythologie: Urd (Vergangenheit), Werdandi (Gegenwart), Skuld (Zukunft). Kiefer beschäftigte sich von allem 1979 bis 1983 mit ihnen sowie erneut 2019/20 in der Ausstellung „Anselm Kiefer: Superstrings, Runes, The Norns, Gordian Knot“ in der White Cube Bermondsey in London. Im vorliegenden Werk versucht sich Urd vom Schicksalsfaden zu befreien. Der Schicksalsfaden stammt ursprünglich nicht aus dem Nornen-Mythos, sondern aus der griechisch-römischen Mythologie, wo ihn die Moiren bzw. Parzen spinnen, weben und durchtrennen.
Im Anschluss stehen „Gemälde des 19./20. Jahrhunderts“ sowie „Schmuck & Armbanduhren“ auf dem Programm, bevor gegen 16 Uhr die breitgefächerte „Living"-Offerte die Auktionsbühne betritt. Hier darf auf Möbel und Parkdekoration, vielfältiges Kunsthandwerk und Gemälde mitgeboten werden, wobei die Moderne Kunst mit moderaten Preisen vor allem auf junge Sammler zugeschnitten ist.
Die September-Auktionen von Hampel finden am 24. September im Auktionshaus, Schellingstraße 44, in München statt. Vorbesichtigungen sind dort vom 19.-22. September möglich.




