Ich, die Nymphe der heiligen Quelle, ruhe hier; Störe nicht meinen Schlaf.
Die Londoner Classic Week war eine Woche voll Höhen und Tiefen. Insgesamt mehr als 35 Millionen GBP wurden von Christie’s und Sotheby’s mit Werken Alter Meister erwirtschaftet, was auf den ersten Blick absolut fantastisch erscheint. Doch verglichen mit den Old Masters Sales im Juli 2021 bedeutete das einen Rückgang von 44%. Dennoch haben die beiden renommierten Auktionshäuser natürlich so manches großartiges Ergebnis erzielen können.
Bei Sotheby’s war Pieter Brueghel der Jüngere der Star des Evening Sales. Eine für den Künstler typische ländliche Festszene erzielte knapp 1,2 Millionen GBP. Rechnet man die Ergebnisse der übrigen 19 verkauften Gemälde hinzu, kommt man auf eine Gesamtsumme von 7,1 Millionen GBP. Erstaunlich ist nur, dass eines der Top-Lose auf der Strecke blieb, die Darstellung eines Seegefechts von Willem van de Velde, welches vor zehn Jahren bei Sotheby’s für 5,3 Millionen GBP versteigert worden war, woran man sich für den jetzigen Schätzpreis in Höhe von 4-5 Millionen GBP orientiert hatte.

Ein ähnliches Schicksal musste auch Christie’s verzeichnen, denn die mit Spannung erwartete Versteigerung von Antonio Canovas Ruhende Magdalena blieb ergebnislos. Die 1822 vom italienischen Meisterbildhauer des Klassizismus geschaffene Skulptur galt lange als verloren und wurde zuletzt 2002 versteigert, allerdings ohne das Wissen um ihre wahre Identität.
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5.200 GBP zahlte der jetzige Besitzer damals für die Skulptur, die jahrelang in einem Privatgarten im Londoner Stadtteil Kensington gestanden hatte. Nachforschungen brachten die wahre Identität ans Licht – von Kunsthistorikern gefeiert als „Wunder“ von „grundlegender Bedeutung für die Sammlungs- und Kunstgeschichte“. Als Christie’s verkündete, dass das verlorene Meisterwerk anlässlich des 200. Todestags von Antonio Canova versteigert werden sollte, war das Medienecho groß und der Schätzpreis in Höhe von 5-8 Millionen GBP erschien angemessen, zumal die Ruhende Magdalena bereits zum Zeitpunkt ihrer Entstehung viel Bewunderung erfahren hatte. Doch dann fand sich niemand, der sie mit nach Hause nehmen wollte.

Auch wenn Canovas ruhende Dame keinen Käufer fand, wurde die Auktion dennoch ein Erfolg – dank einer anderen ruhenden Dame: Die Quellnymphe von Lucas Cranach dem Älteren, die mit 9,4 Millionen GBP einen neuen Auktionsrekord für den Künstler aufstellte. Als Teil einer Reihe von zwölf Gemälden mit entkleideten Nymphen, ist das Vorliegende eines von nur zweien in Privatbesitz – und das größte unter ihnen. Clementine Sinclair, Leiterin des Old Masters Evening Sale bei Christie’s hebt „die Nachfrage nach Werken mit bedeutender Provenienz, die frisch auf den Markt kommen“ hervor. Und die Provenienz von Cranachs Quellnymphe kann sich wahrlich sehen lassen, denn sie umschließt auch Kaiser Rudolf II. und die schwedische Königin Christina und hat somit eine aufregende Reise quer durch Europa mitgemacht.
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Was das alles zu bedeuten hat? Nimmt der Enthusiasmus für Gemälde Alter Meister langsam wieder ab? Oder ist die Zurückhaltung der Bieter darin begründet, dass wir uns – erneut – in unsicheren Zeiten befinden? Vielleicht bleiben Alte Meister auch einfach das, was sie schon immer waren: unschätzbare Meisterwerke, mit denen sich nur schwerlich spekulieren lässt.
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