Die Entzauberung des Emil Nolde

Emil Nolde gilt als der deutsche Expressionist schlechthin, der Landschaften und Blumen in unnachahmlich leuchtenden Farben wiedergab. Forschungsergebnisse bestätigen nun, dass seine innere Farbpalette im Laufe der Zeit leider von Brauntönen dominiert wurde.

Emil Nolde (1867-1956), Mohn, 1950 | Foto: Christie's via Barnebys
Emil Nolde (1867-1956), Mohn, 1950 | Foto: Christie's via Barnebys

Vom 12. April bis 15. September 2019 ist im Hamburger Bahnhof - Museum für Gegenwart - Berlin die Ausstellung Emil Nolde - Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus zu sehen. Die Ausstellung präsentiert ein neues Bild des bedeutenden deutschen Expressionisten, das auf der umfassenden, in den letzten Jahren vorgenommenen Sichtung seines Nachlasses beruht. Dabei wird ebenfalls deutlich, wie sehr Nolde selbst in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zu seiner eigenen Legendenbildung beitrug.

Kindheit an der deutsch-dänischen Grenze

Emil Nolde wurde 1867 unter dem Namen Hans Emil Hansen als viertes von fünf Kindern einer Bauernfamilie in Nolde bei Tondern geboren. Tondern gehörte damals zum Herzogtum Schleswig und war somit Teil des Deutschen Reichs, heute liegt es auf dänischen Staatsgebiet. Familie Hansen war gewissermaßen multikulturell: Der Vater war Nordfriese, die Mutter Südjütin.

Das Leben auf dem Bauernhof war eher schlicht und Emil und seine Geschwister mussten neben der Schule dort hart arbeiten. Von 1884-88 ließ sich Hans Emil Hansen zum Schnitzer und Zeichner an der Kunstgewerbeschule in Flensburg ausbilden. Aufträge von verschiedenen Möbelfabriken führten ihn anschließend nach Berlin, Karlsruhe und München und von 1892-98 an das Gewerbemuseum in St. Gallen in der Schweiz. Dort begann er zu malen, wählte Bauern und Landschaften als Motiv seiner frühen Aquarelle und Zeichnungen.

Emil Nolde (1867-1956), Bergpostkarte, Altmann und Papa Sentis, 1894, signiert "Emil Hansen" | Foto: ©Museum-Appenzell
Emil Nolde (1867-1956), Bergpostkarte, Altmann und Papa Sentis, 1894, signiert "Emil Hansen" | Foto: ©Museum-Appenzell

Erste Künstlerjahre

Nachdem er von der Akademie in München abgelehnt worden war, nahm Hans Emil Hansen privaten Malunterricht bei Adolf Hölzel in Dachau und studierte anschließend an der Académie Julian in Paris. Nach der Jahrhundertwende richtete er sich ein Atelier in Kopenhagen ein und heiratete zwei Jahre später die Schauspielerin Adamine "Ada" Frederike Vilstrup und nannte sich nach seinem Geburtsort Nolde um.

Emil Nolde und seine erste Ehefrau Ada Vilstrup (1879-1946), ca. 1902 | Foto: ullstein bild via BZ Berlin
Emil Nolde und seine erste Ehefrau Ada Vilstrup (1879-1946), ca. 1902 | Foto: ullstein bild via BZ Berlin

Das junge Ehepaar verbrachte ab 1903 dreizehn Jahre lang die Sommer in einem Fischerhaus auf der dänischen Insel Als (deutsch: Alsen), wo sich Emil Nolde ein weiteres Atelier einrichtete und sich von der herben Landschaft, von Gärten und Blumen inspirieren ließ.

Emil Nolde (1867-1956), Herbstabend auf Alsen, 1903 | Foto: Villa Mondriaan
Emil Nolde (1867-1956), Herbstabend auf Alsen, 1903 | Foto: Villa Mondriaan

Brücke, Berliner und Neue Secession

Von 1906-07 war Emil Nolde Mitglied der Künstlergruppe Brücke, die von den Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gegründet worden war. Ein Streit mit Schmidt-Rottluff endete jedoch Noldes Mitgliedschaft. 1909 trat er stattdessen der Berliner Secession bei, doch auch hier kam es im folgenden Jahr zum Bruch, nachdem viele expressionistisch malende Mitglieder zurückgewiesen worden waren. Es formierte sich die Neue Secession, die bis zum Ersten Weltkrieg expressionistische Ausstellungen, u.a. mit Werken Emil Noldes, organisierte.

Die Südseereise

1913/14 nahmen Emil und Ada Nolde an der Medizinisch-demographische Deutsch-Neuguinea-Expedition teil, die sie über Russland und Japan bis nach Indonesien führte. Nolde sollte die Expedition als Zeichner unterstützen. Seine dabei entstandenen Gemälde prägten gemeinsam mit den Südseewerken Paul Gauguins maßgeblich das europäische Bild von jenem Winkel des Globus'.

Emil Nolde (1867-1956), Indische Tänzerin, 1917 | Foto: Christie's via Barnebys
Emil Nolde (1867-1956), Indische Tänzerin, 1917 | Foto: Christie's via Barnebys

Die Rückreise erfolgte über Sri Lanka (damals Ceylon) und Ägypten. Nolde war äußerst beeindruckt von den Menschen in Afrika und Asien und hielt seine Erlebnisse und Begegnungen in zahlreichen Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen fest. Nach seiner Rückkehr konnte sich Emil Nolde als Künstler etablieren.

Emil Nolde (1867-1956), Landschaft (mit Regenwolke), 1925 | Foto: Grisebach via Barnebys
Emil Nolde (1867-1956), Landschaft (mit Regenwolke), 1925 | Foto: Grisebach via Barnebys

Das Atelierhaus Seebüll

Seit 1904 wohnten Emil und Ada Nolde im Winterhalbjahr in Berlin, während sie die Sommer auf Als verbrachten. 1926 erwarb das Ehepaar ein Grundstück bei Seebüll, ca. 15 km westlich von Noldes Geburtsort und ließ dort ein Wohnhaus errichten, dass ebenfalls Seebüll getauft wurde. Sieben Jahre später wurde dem Haus ein Atelier hinzugefügt. Der liebevoll angelegte Garten diente dem mittlerweile siebzigjährigen Künstler immer wieder als Motiv für seine leuchtenden Blumenbilder.

Emil Nolde (1867-1956), Sonnenblumenbild I, 1928 | Foto: Christie's via Barnebys
Emil Nolde (1867-1956), Sonnenblumenbild I, 1928 | Foto: Christie's via Barnebys

Nolde und der Nationalsozialismus

1937 war nicht nur das Jahr, indem Nolde seine Atelierhaus in Seebüll errichten ließ, sondern auch das Jahr, in dem in München die Ausstellung Entartete Kunst stattfand, für die die seit vier Jahren herrschenden Nazi-Machthaber all jene Kunst aus Deutschland zusammengetragen hatten, die ihnen nicht heroisch und "deutsch" genug war und somit ein Dorn im Auge war. Auch Gemälde Emil Noldes waren Teil dieser Ausstellung.

Haus Seebüll in Schleswig-Holstein | Foto: Rolf Schröder/Wikimedia Commons
Haus Seebüll in Schleswig-Holstein | Foto: Rolf Schröder/Wikimedia Commons

Nolde selbst fiel dadurch aus allen Wolken, war er doch ein begeisterter Anhänger Adolf Hitlers und des nationalsozialistischen Gedankenguts. In seinen beiden autobiografischen Werken wimmelt es nur so vor antisemitischen Äußerungen und dem seiner Meinung nach zu großen jüdischen Einfluss auf die deutsche Kunstszene. Nolde ging sogar soweit, den Maler Max Pechstein zu denunzieren, den er aufgrund seines Nachnamens für einen Juden hielt. Auch seine ursprünglich positive Haltung gegenüber den Völkern Asiens und Afrikas wurde zunehmend von rassistischen Ansichten verdrängt.

1941 erhielt Emil Nolde ein Berufsverbot, was bedeutete, dass er weiterhin malen durfte, seine Arbeiten jedoch nicht verkaufen durfte. Bis dahin hatte der als "entartet" diffamierte Nolde nicht über finanzielle Engpässe klagen können und gehörte mit einem jährlichen Einkommen von rund 80.000 Reichsmark zu den bestverdienenden Künstlern des Landes.

Legendenbildung

Nach dem Zweiten Weltkrieg und dem damit einhergehenden Ende der Naziherrschaft, war Emil Nolde, der bis zum Ende NSDAP-Mitglied gewesen war, eifrig bemüht, sich als Opfer des Regimes darzustellen: Er ließ die antisemitischen Passagen in seiner Autobiografie streichen und machte unwahre Angaben über seine Einkünfte in den späten 1930er Jahren. Hilfreich war natürlich auch die Tatsache, dass einige seiner Gemälde bei der Entartete Kunst-Ausstellung gezeigt worden waren. Sein Berufsverbot baute er zum allgemeinen Malverbot aus.

Emil Nolde und seine zweite Ehefrau Jolanthe Erdmann (1921-2010) | Foto: geni.com
Emil Nolde und seine zweite Ehefrau Jolanthe Erdmann (1921-2010) | Foto: geni.com

Emil Nolde lebte bis zu seinem Tod 1956 in Seebüll. 1946 starb seine Frau Ada, zwei Jahre darauf heiratete er die um 54 Jahre jüngere Jolanthe Erdmann. Trotz seiner Parkinson-Krankheit schuf Nolde nach dem Zweiten Weltkrieg noch mehr als 100 Gemälde und zahlreiche Aquarelle.

Emil Nolde (1867-1956), Mohn, 1950 | Foto: Christie's via Barnebys
Emil Nolde (1867-1956), Mohn, 1950 | Foto: Christie's via Barnebys

Sollten nicht noch weitere Dokumente auftauchen, die Licht ins Dunkel bringen können, wird es wohl ein Rätsel bleiben, weshalb Nolde als Nazi-Anhänger an seinem "entarteten" Malstil festhielt und nicht auch in diesem Bereich das Gedankengut des Regimes übernahm. Manchmal liegen Gut und Böse eben ganz dicht beieinander.

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