Zimt uns feuchte Erde nach dem Regen: Das rufen rothaarige Frauen in der Phantasie des französischen Schriftstellers Renaud Meyer hervor. Zweifellos ein poetisches Bild – im Gegensatz zu vielen anderen Darstellungen rothaariger Frauen. In der Vergangenheit wurde diese ganz besondere und seltene Farbe (in Italien liegt die Häufigkeit bei weniger als 1%, in Deutschland bei etwa 2%) oft mit dämonischen Eigenschaften in Verbindung gebracht. Entsprechend der jüdischen Literatur hatte Adam eine erste Frau namens Lilith, der Ehebruch, Verführung und List zur Last gelegt werden. Viele Künstler stellten sie mit langem roten Haar dar. Im Mittelalter war Rot die Farbe des Teufels und rotes Haar war gleichbedeutend mit moralischer Degeneration und übermäßigem sexuellem Drang. Während der spanischen Inquisition glaubte man, dass Rothaarige vom Teufel genährt wurden und man sie daher wie Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrennen musste.
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In der Kunstgeschichte hingegen waren rothaarige Frauen oft inspirierende Musen, die für heute weltberühmte Meisterwerke Modell standen. Man denke nur an Die Geburt der Venus von Sandro Botticelli, wo der Körper der nackten Göttin nur von deren Händen und ihren kaum zu bändigenden roten Haaren notdürftig bedeckt wird.

Bei Tizian war die Darstellung von rotem Haar so häufig, dass es den Begriff "Tizianrot" prägte. Nehmen wir als Beispiel eines seiner bekanntesten Gemälde, Himmlische und irdische Liebe, ein wunderbares Beispiel für den venezianischen Tonalismus, bei dem die Farben kalibriert orchestriert werden, ohne sich streng auf die Konturlinien zu beschränken. Hier trägt die chromatische Feierlichkeit von Rot auf hervorragende Weise zur kompositorischen Größe bei.

Eine weitere Arbeit von Tizian, Die Frau im Spiegel, zeigt ein außergewöhnliches Gleichgewicht zwischen kompositorischer Harmonie und chromatischer Variation, was die Schönheit des Motivs verstärkt. Es scheint eine gewisse Komplizenschaft vorzuliegen zwischen der Frau mit dem rotblonden Haar und dem Mann, der die Spiegel hält, in denen sie sich bewundert. Das Ergebnis ist ein Bild mit einer angedeuteten sinnlichen Konnotation, was auch dadurch hervorgehoben wird, dass Frauen in der damaligen Zeit ihre Haare nur zu Hause oder in intimen Situation offen trugen.

In diesem Überblick darf ein Name auf keinen Fall fehlen: Elizabeth Siddal, die nicht nur Muse und Modell, sondern auch selbst Malerin war. Siddal, eine schöne Frau mit langem und vollem roten Haar, ist die Protagonistin in Gemälden verschiedener Maler. Von sich selbst malte sie ein schlichtes Porträt, bei dem sich ihr rotes Haar vor einem grünen Hintergrund leuchtet.

Unter den vielen Bewunderern von Elizabeth Siddal muss zunächst Dante Gabriel Rossetti erwähnt werden, mit dem sie eine leidenschaftliche, aber auch stürmische Beziehung führte und den sie zu Gemälden und Gedichten inspirierte. Seine Gedichte legte er Elizabeth nach ihrem frühen Tod sogar mit ins Grab – wollte sie später jedoch wieder haben.

Rossettis präraffaelitischer Kollege John Everett Millais porträtierte Elizabeth Siddal 1852 als Ophelia. Hier ist nicht nur das Motiv tragisch, Sonden auch die Entstehungsgeschichte oder vielmehr deren Folgen. Um die ertrunkene junge Frau so originalgetreu wie möglich wiederzugeben, bat Millais Elizabeth in eine mit wassergefüllte Badewanne zu legen. Es war Winter und man versuchte, das Wasser mit Hilfe von Öllampen warm zu halten. Doch die Lichter erloschen immer wieder. Die Folge war, dass Elizabeth durch das Gemälde zwar berühmt wurde, aber auch schwer krank. Laudanum wurde zu ihrem ständigen Begleiter.
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Neben den Gemälden, die die rothaarige Elizabeth Siddal darstellen (wie Regina Cordium), widmete sich Rossetti auch anderen Motiven mit einer rothaarigen Protagonistin. Lady Lilith zeigt er als Frau, die ihr fließendes rotes Haar kämmt, dessen Farbe mit einer in der unteren rechten Ecke platzierten Mohnblume aufgegriffen wird. Damit wird auch der sündhafte Charakter des Motivs aufgegriffen, da Mohnblumen an das betörende Opium erinnern. Von dem Gemälde malte Rossetti zwei Versionen: Die erste entstand zwischen 1866 und 1868, in der Lilliths Gesicht die Züge von der Geliebten des Malers, Fanny Cornforth hat. Für die zweite Version von 1872/73 ersetzte er Fannys Gesicht durch das von Alexa Wilding, eines seiner bevorzugten Modelle.

Der britische Maler Edmund Blair Leighton malte im Zeitalter der viktorianischen Romantik. Seiner Themen waren hauptsächlich historischer Natur mit mittelalterlichen Thematik. Sein Gemälde The Accolade ("Der Ritterschlag") zeigt eine rothaarige Königin, die einen jungen Ritter auszeichnet. Der Blick des Betrachters wird auf die schöne Frau gerichtet die für den jungen Mann zu ihren Füßen fast eine besondere Emotion zu empfinden scheint. Die Farbe Rot ist jedoch der eigentliche Protagonist des Gemäldes, was durch die in ein warmes Licht getauchte Szene betont wird.
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In vielen Werken des Franzosen Henri de Toulouse-Lautrec sind Frauen mit roten Haaren dargestellt. Eines davon ist La Toilette (auch bekannt als Rousse, "Rothaarige") von 1889. Das Gemälde zeigt eine rothaarige Frau, die, abgewandt vom Betrachter, halbentblößt auf dem Boden sitzt. Es ist eine voyeuristische Perspektive, bei der die in den Mittelpunkt gerückten roten Haare die eigentliche erotische Komponente darstellen.

Auch Amedeo Modigliani konnte sich für die Schönheit roter Haare begeistern, und das nicht nur bei Frauen, sondern auch bei Männern (Rothaariger junger Mann, 1919). Bekannter ist das 1918 entstandene Gemälde einer rothaarigen jungen Frau im schwarzen Abendkleid, bei dem die nackten Schultern den langen Hals und die extravagante flammende Haarfarbe betonen.

Gustav Klimt Danaë ist ein Werk voller erotischer Symbolik, das eine sinnliche Frau in zusammengerollter Position zeigt, deren Gesicht von welligem roten Haar umgeben ist. Das Bild greift den griechischen Mythos um die schöne Danaë auf, die im Schlaf von Göttervater Zeus, der sich dafür in einen Goldregen verwandelt hat, "beglückt" wird. Der fast deformierte Bildausschnitt spielt mit dem Motiv, dessen fötale Komponente auf die bevorstehende Mutterschaft hindeutet.
Bleibt festzuhalten, dass rote Haare Künstler überall und immerzu fasziniert haben. Mark Twain ging sogar soweit zu sagen: "Während der Rest der Menschheit von Affen abstammt, stammen Rothaarige von Katzen ab." Er spielte damit auf den eigenen Charme rothaariger Frauen an, der sie als geheimnisvolle Wesen erscheinen lässt.




