In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfasste die Welle der Romantik weite Teile Europas und sorgte für Ausprägungen in Architektur, Kunst, Literatur und Musik, die sich von den bis dato herrschenden Vorlieben für die klassischen, auf der griechisch-römischen Antike basierenden Kunststilen (Renaissance, Barock, Klassizismus) abwandte und sich stattdessen die im westlichen Europa geprägten Vorbilder des Mittelalters zum Vorbild nahm.
Ein wichtiger Aspekt dieser Entwicklung waren die vielen Jahre des Krieges, von denen Europa nach der Französischen Revolution geprägt war (1792-1815). Das Gefühl der ständigen Bedrohung und Unsicherheit, ließ die Menschen von den "guten alten Zeiten" träumen. Vor allem im damals noch in viele Kleinstaaten aufgeteilten Deutschland begann sich der Wunsch nach einem starken Nationalstaat zu formen, der jeder Bedrohung von Außen standhalten konnte.
Man begann nach Gemeinsamkeiten zu suchen und fand sie in der Vergangenheit, u.a. in der Mitte des 18. Jahrhundert wiederentdeckten ältesten Fassung des Nibelungenliedes (13. Jahrhundert), das im Laufe des 19. Jahrhunderts zum Nationalepos der Deutschen und eine wichtige Vorlage für Kunst und Musik werden sollte.
Die Architektur
Die Ursprünge für das Mittelalterrevival des 19. Jahrhunderts sind bereits im 18. Jahrhunderts zu finden. Jedoch nicht in Deutschland, auch wenn der preußische König Friedrich II. mit dem von ihm höchstselbst entworfenen Nauener Tor in Potsdam in den 1750er Jahren das erste neogotische Bauwerk Kontinentaleuropas errichten ließ. Das Geburtsland war England, wo mit dem Aufkommen neogotischer Architektur mit der Rückbesinnung begonnen wurde.
Im damaligen Königreich Großbritannien war es der Staatsmann und Autor Horace Walpole (1717-1797), der gewissermaßen den Grundstein dazu legte, indem er eine kleine Villa an der Themse zu einem Landschloss im Stil der Gotik ausbauen und dekorieren ließ, inklusive Spitzbögen, Zinnen und Türmchen: Strawberry Hill.

Mit dem Gotischen Haus in der Gartenlandschaft von Wörlitz (Sachsen-Anhalt) gibt es auch ein frühes Beispiel in Deutschland. Das Gebäude wurde ab 1773 auf Anordnung des Fürsten Leopold III. Friedrich Franz von Anhalt-Dessau errichtet, und zwar nachdem dieser Walpols Strawberry Hill auf einer Englandreise kennengelernt hatte.
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Ihre Blütezeit hatte die neogotische Architektur in den ersten beiden Dritteln des 19. Jahrhunderts. Eines der bekanntesten Beispiele im Ursprungsland England ist der zwischen 1840 und 1870 errichtete Palace of Westminster in London, in dem bis heute das britische Parlament tagt. Auch Windsor Castle, das im Laufe seiner langen Geschichte vielfach umgebaut und erweitert worden war, erhielt ab dem frühen 19. Jahrhundert seinen heutigen Look im neogotischen Stil, was Queen Victorias Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha sicherlich gut gefiel, war er selbst doch im neogotisch umgebauten Schloss Rosenau geboren und aufgewachsen. Zum Umbau von Schloss Balmoral in Schottland mit neogotischen Elementen trug er eigene Entwürfe bei. Durch das British Empire verbreitete sich die Neogotik in weiten Teilen der Welt. So auch in Indien, wo zwischen 1878 und 1888 in Mumbai der prachtvolle Chhatrapati Shivaji Terminus (ehemals Victoria Terminus) errichtet wurde.
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In weiten Teilen Europas wurden auf einsamen Felsen und hoch über Flusstälern Schlösser im Stil mittelalterlicher Burgen gebaut oder verfallene "Originalruinen" restauriert. Ein wichtiges Zentrum dieser Entwicklung in Deutschland war der Rhein, an dessen Ufern zahlreiche Burgen erbaut oder erneuert wurden und wo man glaubte, die Loreley auf ihrem Felsen singen zu hören.

Hatte Goethe 1773 die Gotik noch als deutschen Stil gelobt, wurde im Laufe des 19. Jahrhunderts klar, dass die Ursprünge dieses Stils in Frankreich mit seinen berühmten Kathedralen – beispielsweise Reims und Chartres – zu finden sind. In Deutschland begann man sich daraufhin umzuorientieren und setzte stattdessen auf die Wiederbelebung des romanischen "Rundbogenstils" der Spätantike und des frühen Mittelalters und spickte ihn mit prachtvollen byzantinischen Elementen.
Das bekannteste Beispiel eines Baus im Stil der Neoromanik ist das Schloss Neuschwanstein in Bayern, das Märchenkönig Ludwig II. ab 1869 errichten ließ. Ludwig hatte bei dem Bau das Ideal einer mittelalterlichen Ritterburg vor Augen, deren Innendekoration von seinen liebsten Helden aus mittelalterlichen Sagen bevölkert werden sollte.

Die Literatur
Die Neuorientierung in Sachen Architektur und deren Dekoration war gut gewählt, denn den literarischen Grundstoff für die Mittelalterromantik lieferten die Heldensagen, die zwar meist durch Überlieferungen aus dem Hochmittelalter bekannt wurden, deren Ursprünge und Handlungszeiträume in den Jahrhunderten nach dem Zusammenbruch des Weströmischen Reiches spielten, also jener Epoche, in der sich die heutigen Staaten Europas zu formen begannen und das entstandene Machtvakuum durch lokale Fürsten ausgefüllt wurde.
Bei den Geschichten um die sagenhaften Helden handelte es sich um den Versroman Parzival von Wolfram von Eschenbach aus dem frühen 13. Jahrhundert, die Schwanenrittersagen rund um Parzivals Sohn Lohengrin und natürlich das Nibelungenlied, dessen früheste Fassung aus der gleichen Zeit wie Parzival stammt. In England erhielt die Artussage noch mehr Beachtung und in Frankreich litt man mit Tristan und Isolde mit.

Zum größten Fan der Nibelungen und der Schwanenritter mutierte Ludwig II., der nicht nur sein Schloss Neuschwanstein mit den mythischen Helden ausschmücken ließ, sondern auch der größte Förderer von Richard Wagner war. Wagner vertonte den mittelalterlichen Lesestoff zu Opern wie Lohengrin, Parsifal sowie dem vierteiligen Ring des Nibelungen.
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Übrigens fand das wiederentdeckte Nibelungenlied zunächst nicht überall Anhänger. Nachdem Friedrich dem Großen Mitte des 18. Jahrhunderts die erste überarbeitete Fassung überreicht worden war, bekannte der rationale Preußenkönig, dass er das Ganze als für "keinen Schuss Pulver wert" befände.

Allgemein standen die literarischen Zeichen ab dem 18. Jahrhundert auf "Fantasy". Zu den mittelalterlichen Rittersagen gesellten sich Märchen, die seit Generationen mündlich überliefert worden waren und zwischen 1812 und 1858 von den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm in der Sammlung Kinder- und Hausmärchen niedergeschrieben und veröffentlicht wurden.
Eine weitere Entwicklung, die sich im 18. Jahrhundert entwickelte und schließlich in der Epoche der Romantik zur vollen Blüte kam, war die des Romans. Und auch hier war es der Erbauer von Strawberry Hill, Horace Walpole, der Pionierarbeit leistete, indem er literarisch mit den Idealen der damals herrschenden Aufklärung brach, und mit Das Schloss von Otranto (1764) das Genre des Schauerromans (engl. Gothic Novel) begründete, der nicht nur zum Gruseln einlud, sondern vor allem die Fantasie anregte und generell das Genre des Romans, den man im Privaten las, erheblich förderte. Als Handlungsort wählte man häufig düstere, mittelalterlich anmutende Gemäuer. Die bedeutendste Gothic Novel war der 1818 erschienene Roman Frankenstein oder Der moderne Prometheus, der von der erst 20-jährigen Mary Shelley verfasst wurde.
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Die Malerei
Mit den neogotischen und neoromanischen Burgen als Kulisse und den mittelalterlichen Sagen als Vorlage, griff natürlich auch die Malerei das Mittelalter wieder auf. Ganz der Nachahmung der Antike entsprechend hatte sich die Kunst jahrhundertelang den klassischen Göttern der Griechen und Römer gewidmet. Mit der Entdeckung "eigener" Götter und Mythen kamen neue Einflüsse dazu.

Zudem entstanden im 19. Jahrhundert Künstlerbewegungen, die sich ganz bewusst den seit der Renaissance vorherrschenden Stilrichtungen widersetzten und auf die Malerei des Mittelalters und bestenfalls der Frührenaissance setzten.
In Rom fanden unter diesem Aspekt einige deutsche Maler, darunter Johann Friedrich Overbeck und Julius Schnorr von Carolsfeld, zusammen, die aufgrund ihres sehr religiösen Auftretens als Nazarener bezeichnet wurden. Die christliche Malerei des Mittelalters stand im Zentrum ihres künstlerischen Interesses, mit dem sie einen Gegenpol zur akademischen Malerei jener Zeit schaffen wollen. Dafür setzten sie auf die Formen und vor allem Farbgebung der mittelalterlichen Malerei.

Eine andere Gruppe, die sich der Malerei vor der Renaissance widmete, entstand mit den Präraffaeliten 1848 des 19. Jahrhunderts in England. Diese Maler um Dante Gabriel Rossetti und Edward Burne-Jones griffen zum ersten Mal Motive aus der keltisch-britischen Sagenwelt auf, vor allem die Geschichten rund um König Artus, Camelot und den Heiligen Gral. Die Künstlergruppe, die sich mit Malerei, Dekoration und Illustration befasse, stand auch in Verbindung zur Arts-and-Crafts-Bewegung und strahlte bis in den Symbolismus und Jugendstil aus.
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Allgemein lässt sich festhalten, dass das Mittelalterrevival des 19. Jahrhunderts auch heute wieder in vollem Gange ist. Die Darstellung der mystisch-mittelalterlichen Dame durch die Präraffaeliten ist in den vielen Fantasyfilmen und -serien deutlich spürbar. Viele mittelalterliche Sagen und Legenden dienen als Vorlage von Fantasybüchern und so mancher Historienroman ist in jener Epoche angesiedelt, wobei man meist nicht auf eine akkurate Darstellung der damaligen Zeit setzt – genauso wenig, wie man es im 19. Jahrhundert tat.




