Am Tag nach dem verheerenden Brand vom 15. April 2019 wurde ein Team von INRAP (das nationale Institut für vorbeugende archäologische Forschung) an das Krankenbett der stark angeschlagenen Notre-Dame gerufen und vom Staat (Drac Île-de-France) beauftragt, die Restaurierung mit archäologischen Diagnosen und Ausgrabungen zu begleiten. Bis Februar 2022 konnten die Forscher bei Ausgrabungen im Querschiff der Kathedrale wichtige Daten über den Bau und seine Entwicklung sammeln. Im April wurden dann zwei relativ gut erhaltene Bleisarkophage exhumiert. Um etwas über die Identität der darin Bestatteten zu erfahren, wurden die Sarkophage zur Analyse an das Universitätskrankenhaus von Toulouse geschickt.
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Am 9. Dezember war es dann soweit und die Wissenschaftler konnten erste Ergebnisse der Untersuchungen dieses „jahrhundertealten Cold Case“, um Dominique Garcia, Präsident von INRAP zu zitieren, veröffentlichen.

Notre-Dame de Paris, ein Friedhof für die Elite
Bestattungen in Kathedralen wurden vom Mittelalter bis in die Neuzeit praktiziert, wobei Plätze in der Nähe des Chores am begehrtesten und der Elite vorbehalten waren. Wurde dann auch noch ein teurer Sarkophag aus Blei gewählt, hatte man es mit einem Verstorbenen von hohen sozialem Status zu tun. Stets um ihre Erlösung nach dem Tod besorgt, waren wohlhabende Menschen bereit, in bestimmte Bestattungspraktiken zu investieren, wofür INRAP einige wichtige Hinweise fand.
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Wer wurde in den Bleisarkophagen von Notre-Dame bestattet?
In Toulouse wurden die beiden Sarkophage mithilfe von jener hochmodernen Technologie untersucht, die INRAP bereits zuvor bei der Identifizierung der 2014 entdeckten Mumie von Louise de Quengo aus dem 17. Jahrhundert unterstützt hatte. Um die Funde aus Notre-Dame zu schützen, wurde für ihre Untersuchung nur ein kurzer Zeitraum veranschlagt: Vom 21. bis 26. November 2022 nahmen die Wissenschaftler unter sterilen Bedingungen – fast wie in einem Operationssaal – ihre Analysen vor. Die Ergebnisse sollten Auskunft über das Alter und den allgemeinen Gesundheitszustand zum Zeitpunkt des Todes, das Geschlecht und die Lebensumstände geben.
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Einer der beiden Verstorbenen konnte auf den ersten Blick identifiziert werden, dank der Entdeckung eines Epitaphs mit der Inschrift „Cy est le corps de messire Antoine de la Porte, chanoine de l'église [Wort unleserlich] décédé le 24 décembre 1710 en sa 83e année. Resquietcat im Tempo“ ("Hier ruht der Körper von Messire Antoine de la Porte, Chorherr der Kirche [Wort unleserlich], der am 24. Dezember 1710 in seinem 83. Lebensjahr starb. Möge er in Frieden ruhen"). Der wohlhabende „Chorherr der Kirche“ hatte vermutlich auf Wunsch Ludwigs XIII. zur Finanzierung der Renovierung des Chorraums beitragen. Obwohl sich der Sarkophag nicht mehr in seinem Originalzustand befand, konnten die Forscher Knochen, Kopf- und Barthaare sowie Textilreste entnehmen. Das Analyseergebnis zeigt einen 83-jährigen Mann mit gut gepflegten Zähnen, der zu Lebzeiten körperlich nur wenig aktiv war.
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Was den zweiten Verstorbenen betrifft, so bleibt dessen Identität ein Mysterium, er lebte zwischen dem 14. und dem späten 17. Jahrhundert und sein Gesundheitszustand war gänzlich anders als der des Chorherrn. Zunächst einmal scheint dieser Bleisarkphag an der Körper des Toten angepasst worden zu sein. Sehr mysteriös ist, dass der Schädel abgesägt gefunden wurde, während alle anderen Knochen intakt waren. Auf dem Schädel und dem Bauch wurden Blüten und Blätter vorgefunden, bei denen es sich vermutlich um Pflanzen, die zur Einbalsamierung benötigt wurden, handelt.
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Trotz der Veränderungen, die durch den Kontakt mit sauerstoffhaltiger Luft verursacht wurden, konnte die Analyse ein Todesalter von etwa 30 Jahren bestimmen. Der Tote scheint seit seiner Jugend viel Zeit auf dem Pferderücken verbracht zu haben, weißt aber sonst einen prekären Gesundheitszustand auf. Unser mysteriöser Reiter litt an chronischer Meningitis, wahrscheinlich verursacht durch eine Tuberkulose, was dazu führte, dass ihm sämtliche Zähne ausfielen.
Fortsetzung folgt…
Zukünftige Untersuchungen, einschließlich C14-Datierung und genetische DNA-Analysen, werden es den Forschern ermöglichen, mehr über diese beiden Personen zu erfahren. Erste Ergebnisse werden im ersten Halbjahr 2023 erwartet.

Da im Laufe der Jahrhunderte mindestens 300 Verstorbene ihre letzte Ruhe in Notre-Dame de Paris fanden, ist die nächste Leiche vermutlich nicht fern.




