Von Anfang an wurde der Wiederaufbau der bei dem Brand vom 15. April 2019 stark zerstörten Kathedrale Notre-Dame de Paris von archäologischen Untersuchungen durch das Institut national de recherches archéologiques préventives (INRAP) begleitet, wobei viele interessante Details zur Bau- und Nutzungsgeschichte der Weltberühmten Kirche zutage gefördert werden konnten. So auch im April 2022, als die Archäologen des Instituts im Querschiff auf zwei Bestattungen in anthropomorph geformten Bleisarkophagen stießen. Während die Identität einer der beiden bestatteten Personen anhand einer Inschrift schnell aufgedeckt werden konnte, blieb die Frage um die Identität des zweiten Verstorbenen ungelöst – bis jetzt.
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Vergangene Woche gab das INRAP bekannt, wer der mysteriöse Tote sein könnte. Die Untersuchungen an dem Skelett hatten an der Universitätsklinik der Universität Paul Sabatier in Toulouse unter der Leitung von Professor Eric Crubézy stattgefunden. Schnell hatte man dort feststellen können, dass es sich bei dem Toten um eine Person von Rang handeln musste, da der Leichnam obduziert und anschließend einbalsamiert worden war. Gestorben war die männliche Person in ihrem vierten Lebensjahrzehnt an den Folgen einer chronischen tuberkulösen Meningitis. Auch konnten am Skelett Deformierungen ausgemacht werden, die auf den häufigen Aufenthalt auf einem Pferderücken hindeuten.

Diese Indizien sowie die prominente Bestattung in Notre-Dame deuten auf Joachim du Bellay hin, einen der bedeutendsten französischen Lyriker des 16. Jahrhunderts. Du Bellay starb Anfang Januar 1560 im Alter von etwa 37 Jahren in Paris an tuberkulöser Meningitis, wie die damalige Autopsie ergab. Neben seiner literarischen Tätigkeit war Du Bellay auch als versierter Reiter bekannt. Von 1553 bis 1557 begleitete er seinen Onkel zweiten Grades, Jean du Bellay, Bischof von Paris, der ihn seit dem frühen Tod seiner Eltern protegiert hatte, auf einer diplomatischen Mission am Heiligen Stuhl in Rom, in deren Verlauf der Onkel zum Kardinal ernannt wurde.
Die Grabstätte von Jean du Bellay, der 1560 nur sechs Wochen nach seinem Neffen starb, befindet sich ebenfalls in Notre-Dame, jedoch an einer anderen Stelle als das Grab des Dichters, obwohl es der Wunsch der Familie gewesen war, die beiden nebeneinander zu bestatten, wie Eric Crubézy in dem Bericht des INRAP erklärt. Als mögliche Gründe für die räumliche Trennung der Bestattungen nennt er „eine Übergangsbestattung, die dauerhaft wurde, oder eine Überführung [Joachim du Bellays] Sarges während einer anderen Bestattung im Jahr 1569, nach der Veröffentlichung seiner Gesamtwerke“.
Notre-Dame soll noch in diesem Jahr wiedereröffnet werden. Nachdem der ursprünglich Plan, die Kathedrale pünktlich zu den Olympischen Spielen in Paris wieder zugänglich zu machen, gescheitert war, ist nun der 8. Dezember 2024 als Tag der Wiedereröffnung angesetzt. Die Arbeiten an Details des gotischen Bauwerks werden jedoch vermutlich noch zehn weitere Jahre in Anspruch nehmen.




