Die später und dem Namen Lucie Rie bekannte Protagonistin dieses Artikels wurde am 16. März 1902 in Wien geboren, der Hauptstadt der damaligen österreichisch-ungarischen Monarchie. Ihr Vater, Dr. Benjamin Gomperz, war ein Berater Sigmund Freuds, dem Begründer der Psychoanalyse.
Durch einen künstlerisch und archäologisch interessierten Onkel begann Lucie im Alter von 20 Jahren Töpferei an der Kunstgewerbeschule ihrer Heimatstadt zu studieren. Ihr Lehrer war Michael Powolny. Anschließend trat sie der Wiener Werkstätte bei, die mit ihren innovativen Architekten, Designern und Künstlern wichtige Grundlagen zur Entwicklung des modernen Designs beitrug.

Unter diesem Einfluss wandelte sich ihr Stil, der zunächst noch von alten Formen inspiriert war, schnell zu moderneren Entwürfen, die sie ab 1925, als sie ihr eigenes Atelier einrichtete, zum erstem Mal auf der Pariser Weltausstellung präsentierte. Zwölf Jahre später gewann sie dort ihre erste Silbermedaille - die erste Auszeichnung von vielen weiteren, die sie im Laufe ihres Lebens erhielt.
Im Londoner Exil
Mit dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Jahr 1938 war die Jüdin Lucie Rie gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Außerdem trennte sie sich von ihrem Mann Hans Rie, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt bereits 10 Jahre verheiratet gewesen war.
Lucie ließ sich in London nieder. Um auch im Exil ihren Lebensunterhalt zu verdienen, begann sie, Keramikknöpfe und -schmuckstücke herzustellen, die sie an Modedesigner verkaufte. Heute werden einige dieser Knöpfe in englischen Museen ausgestellt, insbesondere im Victoria and Albert Museum. In ihrem Atelier, ein ehemaliger Stall in 18 Albion Mews in der Nähe des Hyde Parks, beherbergte sie auch andere Kriegsflüchtlinge, darunter den Physiker Erwin Schödinger, der für seinen herausragenden Beitrag zur Quantentheorie 1933 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war. Auch der junge Hans Coper aus Deutschland arbeitete ab 1946 unter ihrer Leitung. Er erwies sich als hervorragender Töpfer, dem ebenfalls eine große Karriere auf diesem Gebiet bevorstehen sollte.
Sparsamkeit und Archaische Einflüsse
Auch nach Kriegsende herrschte eine allgemeine Materialknappheit, die Lucie Rie bei der Fortführung der Entwicklung ihres eigenen Stils einschränkte. Sie begab sich auf die Suche nach einer Strenge und Leichtigkeit, die mit Sparsamkeit in Einklang zu bringen war. Inspiration fand sie bei prähistorischer Keramik. Besonders beeindruckte sie die bronzezeitliche Sammlung des Archäologischen Museums in Avebury in Südengland.

Die Arbeiten, die sie nun schuf, widerspiegelten die Strenge und Rauheit, die ihr auch selbst zu eigen waren. Dies bekamen auch ihre Schüler an der Camberwell School of Art zu spüren, an der sie seit 1960 lehrte. Nicht selten ärgerten sie sich über Lucies schonungslose Ehrlichkeit...
Unabhängigkeit
Ihre Forschung und Unabhängigkeit waren Lucie Rie wichtiger als die herrschen Trends und Erwartungen ihrer Umgebung. Schlüsselfigur der damaligen Keramikszene in England war Bernard Leach, mit dem sie befreundet war, aber dessen Formensprache ihr nicht lag. Auch ihr ehemaliger Schüler Hans Coper begann sich mehr für monumentale Kreationen zu interessieren.

Lucie hingegen konzentrierte sich hauptsächlich auf bescheiden geformte Vasen, Flaschen und Teetassen mit strukturierten Oberflächen, deren Farbtöne häufig ineinander griffen. Ebenso verwendete sie die antike Technik des Sgraffito ("Kratzen"). Die scheinbare Zerbrechlichkeit ihrer Kreationen kontrastierte oft mit der üblicherweise soliden Erscheinung von Steinzeug.
Ehrungen
Trotz mehrerer Herzattacken setzte sich Lucie Rie auch mit fast 90 Jahren noch an ihre Töpferscheibe.

Die Hingabe der unermüdlichen Arbeiterin fand in ihrer Wahlheimat Anerkennung. Sie erhielt Preise und höchste Auszeichnungen. Bereits 1968 war sie zum Officer of the Most Excellent Order of the British Empire (OBE) ernannt worden. 1991 erfolgte die Erhöhung zum Knight Commander (DBE) und sie durfte den Titel Dame führen. Auch über zwei Ehrendoktorwürden durfte sie sich freuen: Am Royal College of Art in London sowie an der Heriot-Watt University in Edinburgh.

Lucie Rie blickte ihrem zunehmenden Status als prominente Persönlichkeit unerschrocken ins Auge und ließ Zeit ihres Lebens ihre private Telefonnummer nicht aus dem Londoner Telefonbuch entfernen.
Beliebt in Museen und auf Auktionen
Im letzten Abschnitt ihres Lebens wurde Lucie Rie Zeugin der Anerkennung, die ihr vor allem im englischsprachigen Raum zuteil wurde. Ihre Arbeiten, die einerseits mit der japanischen Formensprache flirteten, andererseits einer Jahrhunderte lang den Naturgewalten ausgesetzten Oberfläche glichen, wurden und werden in Museen auf der ganzen Welt ausgestellt, darunter das MoMA in New York, das Carnegie Museum of Art in Pittsburgh, das Paisley Museum in Schottland und natürlich in zahlreiche englische Institutionen. Ihr Atelier in 18 Albion Mews wurde nach ihrem Tod 1995 im Victoria and Albert Museum nachgebaut.

Heute werden ihre Arbeiten von britischen, amerikanischen, europäischen und japanischen Sammlern geschätzt, die für die bedeutendsten Stücke gut und gerne mehr als 100.000 USD zahlen. Ob Lucie Rie, die sich mit ihrer strengen und einfachen Art ein Leben lang treu blieb, mit solchen Preisen gerechnet hat?
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