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Magazin/Design/„Dragons“: Die Geschichte des teuersten Sessels der Welt

„Dragons“: Die Geschichte des teuersten Sessels der Welt

Als er 2009 als Teil der Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé für 22 Millionen Euro den Besitzer wechselte, wurde der bemerkenswerte Sessel zum teuersten Möbelstück des 20. Jahrhunderts.

21. Juni 2022Kira Reinke
Der Dragons-Sessel bei einer Ausstellung des Nachlasses von Pierre Bergé und Yves Saint Laurent. (Foto von Jean-Luc LUYSSEN/Gamma-Rapho via Getty Images) (Detail)

Der Dragons-Sessel bei einer Ausstellung des Nachlasses von Pierre Bergé und Yves Saint Laurent. (Foto von Jean-Luc LUYSSEN/Gamma-Rapho via Getty Images) (Detail)

Der Sessel verkörpert all das, was in der ersten, sehr ausdrucksstarken Phase von Miss Grays Karriere so persönlich und so magisch war – überraschend, phantasievoll, subtil geformt und gefertigt, ist er ein Meisterwerk der Erfindung und Ausführung.

Im Februar 2009 kam der Nachlass von Yves Saint Laurent und seines Lebensgefährten Pierre Bergé in Paris unter den Hammer und erzielte mit seinen Kunstwerken, Möbeln, dekorativen Objekten und weiteren Schätzen atemberaubende 373 Millionen Euro. Die drei teuersten Lose waren ein Stillleben von Matisse, eine Skulptur von Brâncuși und ein Sessel von Eileen Gray. Während die beiden Erstgenannten recht geläufige Namen sind, ist die irisch-stämmige Designerin Eileen Gray nur wenigen „Eingeweihten“ bekannt. Werfen wir einen Blick auf ihre phänomenale Karriere und den rekordbrechenden Sessel, der ihr Erbe so unvergleichlich verkörpert.

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Eileen Gray (1878-1976) wuchs umgeben von Kunst auf. Ihr schottischer Vater war Maler und ihre Mutter war als Baroness zur Welt gekommen. Ihre Kindheit verbrachte sie in London und auf dem Landsitz der Familie in Irland, bis sie sich im Jahr 1900 an der Slade School, der Kunstschule des University College London, einschrieb. Während ihrer Zeit dort, wandte sie sich zunächst dem Lackieren von Möbeln nach asiatischem Vorbild zu. Nachdem sie eine Weile zwischen London und Paris hin und her gependelt war, ließ sie sich 1910 dauerhaft in der französischen Metropole nieder und gründete gemeinsam mit dem japanischen Lackkünstler Seizo Sugawara eine Werkstatt. Lackkünstler waren zu jener Zeit hauptsächlich damit beschäftigt, ihr Können alten, reparaturbedürftigen Möbelstücken angedeihen zu lassen, und so wurde Eileen Gray zu einer Pionierin der Wiederbelebung dieser Kunst für neues Möbeldesign.

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Die irisch-stämmige Architektin und Möbeldesignerin Eileen Gray (1878 - 1976), 23. Oktober 1914. (Foto von George C. Beresford/Hulton Archive/Getty Images)

Den Auftrag, der ihr Durchbruch werden sollte, erhielt sie 1917 von Madame Juliette Mathieu-Lévy, Eigentümerin des Modegeschäfts Suzanne Talbot, deren Wohnung im 16. Arrondissement sie umgestalten sollte. 1920 wurde das Ergebnis in Harper’s Bazaar vorgestellt, mit der Anmerkung, dass die Einrichtung „durch und durch modern [ist], obwohl man viel von der Antike spürt“. Gray erfand die Wohnung im Stil des Art déco neu und platzierte darin einige ihrer bekanntesten Designs, darunter den vom Michelin-Männchen inspirierten Sessel Bibendum, das Tagesbett Pirogue und auch den Sessel Dragons.

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Le salon de verre (Glas-Salon) von Paul Ruaud mit Möbeln von Eileen Gray (darunter die Sessel Bibendum und Dragons), für Madame Mathieu-Levy (Juliette Lévy) Hutmacherin der Boutique J. Suzanne Talbot, 9, rue de Lota, Paris, 1922 (veröffentlicht in L'Illustration, 27. Mai 1933). Foto gemeinfrei

Dragons ist die Summe aus vielen von Grays frühesten Inspirationen. Als sie 1917 mit der Arbeit an dem Sessel begann, verfügte sie bereits über 15 Jahre Erfahrung im Bereich der Lackkunst. Sie lackierte das Möbelstück selbst und verbrachte später viele Tage damit, es zu polieren. In der chinesischen Kultur ist der Drache das höchste Lebewesen, wird mit dem Kaiser assoziiert und ist ein Symbol für Macht und Glück. Die Armlehnen des Sessels sind in Form stilisierter Drachen aus lackiertem Holz gefertigt und vereinen so alte chinesische Prinzipien mit einer modernen Vision.

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Der Dragons-Sessel bei einer Ausstellung des Nachlasses von Pierre Bergé und Yves Saint Laurent. (Foto von Jean-Luc LUYSSEN/Gamma-Rapho via Getty Images)

„Der Sessel verkörpert all das, was in der ersten, sehr ausdrucksstarken Phase von Miss Grays Karriere so persönlich und so magisch war – überraschend, phantasievoll, subtil geformt und gefertigt, ist er ein Meisterwerk der Erfindung und Ausführung“, schrieb Christie’s 2009 im Katalog zur Yves Saint Laurent-Auktion. „Der Drache hat eine Geschichte in der chinesischen Ikonographie als Symbol der Stärke und Tugend, mit der Macht zu bewachen und beschützen.“

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Der Sessel verblieb bis 1971 in der Wohnung. Dann wurde er vom Pariser Kunsthändler Cheska Vallois erworben, der ihn 1973 an Yves Saint Laurent weiterverkaufte. Im Jahr zuvor hatte Saint Laurent bereits Grays Le Destin, einen vierteiligen lackierten Paravent erworben, der sein Interesse an der Arbeit der Designerin geweckt hatte. Dies fiel zeitlich mit der ersten Retrospektive ihres Werks, Eileen Gray: Pioneer of Design, in London und einer weiteren in Dublin im Jahr 1973 zusammen. Eileen Gray war damals in ihren Neunzigern und ihr Möbeldesign nicht sehr bekannt.

Hinter Bäumen verborgen schmiegt sich die Villa E-1027 an die Küste von Roquebrune-Cap-Martin, Alpes-Maritimes, Frankreich. Foto gemeinfrei

In den 1920er Jahren hatte sie sich in den rumänischen Architekten Jean Badovici verliebt, wodurch sie begann, sich für die Baukunst zu interessieren. 1926 kaufte sie ein Stück Land in Südfrankreich nahe Monaco, wo sie ein selbst entworfenes Haus errichten ließ, das sie und Badovici E-1027 nannten. Erbaut wurde das Haus in dem offenen, modernen Stil, dessen berühmtester Vertreter Le Corbusier war, welcher ein wiederkehrender Gast in dem Haus war, dessen Wände er in den späten 1930er Jahren mit Bildern bemalte – ein Vorgehen, das Gray als Vandalismus betrachtete. Später entwarf Gray weitere Häuser in Südfrankreich. E-1017 ist jedoch ihr berühmtesten architektonisches Werk und heute öffentlich zugänglich.

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Eileen Gray, Sessel "Dragons", 1917-19. Foto © Christie's

Heute erzielen Eileen Grays Möbel Auktionspreise in Millionenhöhe, wodurch die zuvor weitgehend vergessene Designerin wieder zurück ins Rampenlicht geholt wird. Als der Nachlass von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé 2009 versteigert wurde, erzielte der Dragons-Sessel, der Teil von Grays erstem großen Auftrag gewesen war, 21,9 Millionen Euro, womit er seinen Schätzpreis von 2-3 Millionen Euro weit hinter sich ließ. Der Sessel kam wieder in die Hände von Cheska Vallois, der ihn im Auftrag des neuen Besitzers kaufte.

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Eileen Gray, bedeutender und unikaler sechsteiliger Paravent, ca. 1921-23. Foto © Sotheby's

Viele weitere von Grays Designs haben die 1-Million-Euro-Marke geknackt, darunter ein Sideboard und eine Deckenlampe, die ebenfalls 2009 versteigert wurden und 4 Millionen Euro und 3 Millionen Euro erzielten.

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Als eine Pionierin des Mid-century modern, entwickelte Eileen Gray eine neue Sprache der Ästhetik, die mit der frühen Faszination für die Lackkunst der Vergangenheit Tribut zollte. Auch wenn ihre späteren Designs wesentlich industrieller und zweckmäßiger waren, vereinten ihre frühen Werke opulente Materialien mit dekorativer Handwerkskunst. Dragons, der teuerste Sessel der Welt, ist ein Zeugnis ihrer Beherrschung der Lackkunst und ein Beispiel für Art-déco-Design. Der hohe Preis, der für ihn gezahlt wurde, widerspiegelt auch das wachsende Interesse an dekorativer Kunst auf dem Auktionsmarkt.

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Über den Autor

Kira Reinke

Kira Reinke ist die US-Redakteurin für das Barnebys Magazin. Sie studierte Englisch und Kunstgeschichte am St. Olaf College und machte ihren Master in Journalismus an der Columbia University. Vor ihrer Tätigkeit bei Barnebys arbeitete sie in der Redaktion einer Reiseagentur. Mit großem Interesse verfolgt sie die Entwicklung von Kunst, Design und Mode auf dem Auktionsmarkt und besucht gerne Auktions- und Museumsausstellungen sowie Galerieeröffnungen in New York.

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