„Seit ich dieses museale Gemälde – das für mich zu den schönsten und eindrucksvollsten Selbstporträts Max Beckmanns zählt – zum ersten Mal sah, konnte auch ich mich seiner Faszination nicht mehr entziehen. Dass ein Werk dieser Bedeutung auf den Kunstmarkt kommt, ist ein großes Ereignis und eine einmalige Chance für Sammler und Museen weltweit“, erklärt Bernd Schultz, Senior Partner bei Grisebach, in jener Pressemitteilung des Berliner Auktionshauses, die die Versteigerung von Max Beckmanns Selbstbildnis gelb-rosa am 1. Dezember 2022 ankündigt – ein absolutes Highlight der internationalen Auktionssaison im Allgemeinen und für den deutschen Auktionsmarkt im Besonderen, denn ein vergleichbares Werk wurde in Deutschland seit 1945 nicht zur Versteigerung angeboten.

Selbstbildnis gelb-rosa entstand in der zweiten Hälfte des Jahres 1943 in Amsterdam. Max Beckmann war sechs Jahre zuvor mit seiner Frau Mathilde, genannt „Quappi“, in die niederländische Stadt immigriert, nachdem die Nationalsozialisten seine Kunst, für die er vor 1933 noch viel Anerkennung in Deutschland erhalten hatte, als „entartet“ diffamiert hatten. 1943 waren die Niederlande von deutschen Truppen besetzt und Max und Quappi Beckmann bemühen sich bereits seit geraumer Zeit um ein Visum für die Vereinigten Staaten, welches ihnen jedoch erst 1947 gewährt werden sollte.
Auch im Amsterdamer Exil fuhr Beckmann fort, Selbstbildnisse zu schaffen, die für ihn eine Art Selbstanalyse darstellten und ihn zugleich im Kontext der jeweiligen Zeit zeigen. Selbstbildnis gelb-rosa, das er als Geschenk für Quappi geschaffen hatte, unterscheidet sich dahingehend, dass es den Künstler außerhalb der Realität zeigt und zugleich die fast schon obligatorische Düsternis missen lässt. Doch ist es ein Porträt des Wiederstandes, das mit hellen Farben, einer ruhigen Pose und einem angedeuteten Lächeln berührt.
Seine Selbstporträts zählen zu den wichtigsten Werken Max Beckmanns und sind dementsprechend häufig in bedeutenden Museen (darunter das Museum of Modern Art in New York, die Neue Nationalgalerie in Berlin und das Art Institute in Chicago), aber nur selten in Privatbesitz und auf dem Auktionsmarkt anzutreffen. Zuletzt wurden Selbstbildnisse Max Beckmanns 2001 und 2005 versteigert und erzielten 22,5 Millionen USD (Selbstbildnis mit Trompete) bzw. 16,8 Millionen USD (Selbstbildnis mit Glaskugel). Der Schätzpreis für Selbstbildnis gelb-rosa ist in diesem Bereich anzusiedeln und stellt damit die Weichen für einen allgemeinen neuen deutschen Auktionsrekord. Das aktuell teuerste Gemälde der deutschen Auktionsgeschichte wurde 2018 bei Grisebach versteigert, als Max Beckmanns Weiblicher Kopf in Grau und Blau (Die Ägypterin) von 1942 5,5 Millionen Euro erzielte.

Beckmanns Selbstbildnis gelb-rosa ist Teil des Katalogs „Ausgewählte Werke“, dessen 57 Lose am 1. Dezember im Zuge der Winterauktionen von Grisebach versteigert werden. Die Offerte umfasst hauptsächlich Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen von Meistern des 19. und 20. Jahrhunderts, aber auch das um 1643 von Philips Wouwerman ausgeführte Werk Falkenjagd.

Zu den weiteren Highlights gehören das fast quadratische Leinwandwerk B 26 des originellen polnischen Op-Art-Vertreters Wojciech Fangor sowie Fischerhäuser in Nidden, das Hermann Max Pechstein 1909 an seinem bevorzugten Rückzugsort malte und das mit leuchtenden Farben und einem kräftigen Duktus begeistert.

Unbedingt hervorzuheben ist auch das mit Ölfarbe und Glitter ausgeführte Werk Katzen (Theodor Däubler gewidmet) von Otto Dix aus dem Jahr 1920, das so gar nicht zum damaligen Schaffen des Künstlers zu passen scheint. Dafür aber zu einigen Gedichten des Schriftstellers Däublers, den Dix im Jahr zuvor in Dresden kennengelernt hatte.

Die Versteigerung „Ausgewählte Werke“ findet am 1. Dezember um 18 Uhr statt. Fortgesetzt wird die Winterauktion am 2. Dezember um 11 Uhr mit dem Katalog „Moderne Kunst“, der eine schöne Ergänzung zu der Offerte des Vortags darstellt, sowie um 18 Uhr mit „Zeitgenössische Kunst“. Hier muss im Besonderen auf das 1991 entstandene Aquarell Portrait der Wiener Künstlerin Martha Neuwirth sowie auf das Acrylbild the temple von A. R. Penck hingewiesen werden, in dem der Künstler männliches Machtstreben offenbar auf den Kopf gestellt hat.

Die Winterauktionen von Grisebach finden am 1. und 2. Dezember im Auktionshaus, Fasanenstraße 25, in Berlin statt. Vorbesichtigungen sind dort vom 23. bis 30. November möglich. Eine Auswahl der Werke ist am 11. und 12. November in Zürich, Bahnhofstraße 14, zu sehen.
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