Die Niederlande im späten 16. Jahrhundert: Ein Kunde betritt die Werkstatt eines Malers, um sich über den Fortschritt an dem von ihm bestellten Gemälde zu informieren. Sein Blick fällt auf ein weiteres Werk des von ihm beauftragten Künstlers, das schlichte Brustbild eines gähnenden alten Mannes, das aufgrund seiner interessanten Physiognomie zu Studienzwecken entstanden ist. Der Kunde findet die Darstellung amüsant und bittet den Künstler, dieses Gemälde zusätzlich erwerben zu dürfen, was aufgrund des unerwarteten Geldregens gerne gewährt wird. Im Haus des Kunden stößt das Gemälde auch auf das Wohlwollen mehrerer Gäste, die nun ebenfalls ein so sonderbares Werk ihr Eigen nennen möchten. So oder so ähnlich mag sich der Beginn des Handels mit den Tronies genannten Gemälden zugetragen haben, die im 17. Jahrhundert zu beliebten Sammlerobjekten avancierten.
Der niederländische Begriff tronie/tronje geht auf das gallische Wort trugna zurück, was mit „Schnauze“ übersetzt wird. In den Quellen des 16. und 17. Jahrhundert variieren sowohl die Schreibweise, als auch die Definition, was genau mit Tronie gemeint ist. So werden zwar vor allem Kopfbilder und Büsten als Tronie bezeichnet, doch auch halb- oder sogar ganzfigurige Darstellungen. Erst in der ersten Hälfte des 17. Jahrhundert erfolgt die Fokussierung auf den Kopf und die sich unmittelbar an ihn anschließenden Körperteile.

Obwohl die Kunst in Flandern und in den Niederlanden dem Gesicht und damit der Individualität der dargestellten Figuren schon früh eine bedeutende Rolle für die Gestaltung eines Gemäldes beigemessen hat, liegt der Ursprung der Tronies in Italien. Dort war es Leonardo da Vinci, der als Studien für seine Gemälde – zu nennen ist hier besonders die Schlacht von Anghiari (1505) – „Charakterköpfe“, also Kopfstudien mit besonderen Expressionen, zeichnete, um diese anschließend im eigentlichen Werk zu verwenden. Es etablierte sich, dass Maler derartige Studien auch in Öl anfertigten, um diese bei späteren Gelegenheiten selbst zu verwenden oder den Mitarbeitern ihrer Werkstatt als Vorlage zur Verfügung zu stellen. Dies geschah gerne in Paaren, die das jeweilige Gegenstück zum anderen darstellten.
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Es scheint, als hätte der flämische Meister Frans Floris, der sich eine Weile in Italien aufhielt, diese Praxis in seine Heimat mitgenommen und in seiner eigenen Werkstatt angewendet. Auch Peter Paul Rubens ist hier zu nennen. Von Flandern aus verbreitete sie sich Richtung Norden, wo sich das Tronie von seiner ursprünglichen Aufgabe als Studienobjekt allmählich verabschiedete, um als eigenständiges Genre den Sammlermarkt zu erobern.
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Tronies wurden in der Regel nach lebenden Personen gemalt, die dem Künstler durch ihre interessante Physiognomie oder weil sie einem bestimmten Typus entsprachen, aufgefallen waren. Die Identität dieser Personen blieb in den meisten Fällen unbekannt. Nachdem sich das Tronie von seinem Ursprung als Studie gelöst hatte, fielen auch etwaige Attribute, die sie in einen historischen Kontext stellen konnten, weg. Was blieb, war die Fokussierung auf einen bestimmten Gesichtsausdruck, eine Schattenwirkung oder einen bestimmten Personentypus im Allgemeinen, an dem der Künstler sein ganzen Können demonstrieren konnte. Es durfte auch gerne exotisch werden, wobei orientalische Kostümierungen besonders beliebt waren. In diesem Fall war der Bildausschnitt meist größer, um die Kleidung darstellen zu können. Der Bildhintergrund blieb in der Regel neutral.
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Zu den großen Tronie-Meistern zählten Rembrandt, Jan Lievens, Frans Hals und Adriaen Brouwer. Auch Jan Vermeer beschäftige sich mit dem Bildtypus. Zu nennen sind hier besonders sein berühmtestes Werk, Das Mädchen mit dem Perlenohrring (1665), sowie das ähnliche Bildnis eines jungen Mädchens (1666/67).
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Anhand des Beispiels Rembrandt lässt sich gut nachvollziehen, wie schwierig es ist, die Grenzen des Genres Tronie abzustecken. Rembrandt malte im Laufe seiner Karriere mehr Selbstporträts als jeder andere Künstler seiner Zeit, etwa sechzig. Gerne hüllte er sich dafür in exotische Kleidungsstücke, die aus seinem umfangreichen Fundus stammten. Bei vielen dieser Werke ist der Hintergrund neutral gehalten und der Maler scheint verschiedene Gesichtsausdrücke oder Schattenwirkungen ausprobiert zu haben. Wüsste man nicht, dass es sich um Selbstbildnisse handelt, könnten diese Arbeiten auch als Tronies eingeordnet werden.
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Das Ende der Blütezeit der Tronies ging mit dem Niedergang des Goldenen Zeitalters der Niederlande in den 1670er Jahren einher. Der einst so florierende Kunstmarkt brach in dem von inneren und äußeren Krisen erschütterten Land ein und es blieben nur noch wenige Sammler übrig, die zudem nicht mehr so kauffreudig waren wie in den Jahrzehnten zuvor. Auch begann sich der allgemeine Kunstgeschmack zu verändern und die oft derben Tronies mussten der Feinmalerei weichen, in der klassizistisch-idealisierte Figuren den Ton angaben. Das endgültige Ende der Tronies bedeutete dies jedoch nicht. Vielmehr gab es einige Maler, die Tronies mit der Feinmalerei zu verbinden wussten und so an die niederländische Tradition anknüpften.
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Vor allem zu nennen sind hier Christian Seybold und Balthasar Denner, deren äußerst präzise gemalten Greisengesichter schon beinahe hyperrealistisch zu nennen sind und das wissenschaftliche Interesse im Zeitalter der Aufklärung widerspiegeln. Auch das Vorbild Rembrandt blieb im 18. Jahrhundert populär. So sind Tronies in Kostümen à la Rembrandt mit Turbanen, Spitzenkragen und geschlitzten Ärmeln sind auch noch im Œuvre Jean-Honoré Fragonards zu finden. Dieser kann als einer der letzten Tronie-Meister betrachtet werden, denn im 19. Jahrhundert war das Zeitalter der „Charakterköpfe“ endgültig beendet und das Interesse des Publikums wandte sich anderen Genres zu. Vielleicht spielte dabei auch das Aufkommen des Mediums Fotografie eine Rolle, das eine völlig neue Annäherung an das Individuum ermöglichte.










