In der vergangenen Woche berichteten wir von der bevorstehenden Versteigerung von Gustav Klimts Litzlbergkeller (1915-16) im Rahmen des „20th Century Evening Sale“, mit dem Christie’s am 17. November seine New Yorker Marquee Week eröffnen wird.
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Mit seinem Schätzpreis von 60-80 Millionen US-Dollar ist Litzlbergkeller das Top-Los der Auktion – allerdings nicht das einzige. Denn mit exakt derselben Bewertung kommt ein weiteres Meisterwerk zum Aufruf: Wassily Kandinskys Betonte Ecken von 1922-23, das einen wichtigen Moment auf Kandinskys Reise zur Abstraktion einfängt.
Die Reise nahm ihren Anfang im Jahr 1896, als Kandinsky eine Aufführung von Wagners Lohengrin im Moskauer Bolschoi-Theater besuchte. Vor seinem inneren Auge verwandelten sich die Töne und Klänge zu Formen und Farben. Er beschloss, seine Karriere als Jurist an den Nagel zu hängen und sich fortan voll und ganz der Kunst zu widmen, die ihn bereits zuvor begleitet hatte. Im Jahr darauf zog er nach München, wo er zunächst noch der gegenständlichen Malerei verbunden blieb, dies jedoch auf zunehmende expressionistische Weise. Doch war Kandinskys künstlerische Reise damit noch lange nicht zu Ende. Zunehmend setzte er sich mit der Frage auseinander, ob Malerei wirklich immer etwas gegenständliches darstellen müsse. Auch der Einfluss von Musik auf seine Malerei ließ ihn nicht los. Die Bekanntschaft mit Franz Marc und die Arbeit am Blauen Reiter ermutigten ihn, dem Ruf der Abstraktion zu folgen. 1911 malte er schließlich das wegweisende Werk Das Jüngste Gericht / Komposition V.
Der Erste Weltkrieg zwang den gebürtigen Russen Kandinsky, in seine Heimat zurückzukehren. Dort verkehrte er in den Kreisen der Avantgarde rund um Malewitsch und Rodtschenko und setzte sich mit Suprematismus und Konstruktivismus auseinander. All dies hatte er im Gepäck, als er 1921 nach Deutschland zurückkehrte, wo er bald darauf von Walter Gropius als Lehrer ans Weimarer Bauhaus berufen wurde.
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In der visionären Atmosphäre des Bauhauses und dem weiterhin gültigen Bestreben, ein Gesamtkunstwerk zu schaffen, das Musik und Malerei harmonisch vereint, führte Kandinsky seine Hinwendung zur Abstraktion fort. Von Dezember 1922 bis Januar 1923 schuf er auf dieser Basis das quadratische Werk Betonte Ecken, eine Komposition aus Linien, geometrischen Formen und Farben, das als direkter Vorläufer seines Hauptwerks Komposition VIII (1923) betrachtet werden kann. Beide Werke wurden von der Kunstberaterin Hilla von Rebay für die Sammlung von Solomon R. Guggenheim erworben, der sie schließlich in die Sammlung des nach ihm benannten Museums in New York überführte. Komposition VIII befindet sich noch immer dort, Betonte Ecken wurde 1964 verkauft und befindet sich seitdem in Privatbesitz. Nun wird es am 17. November bei Christie’s erneut angeboten.
Dazu Paige Kestenman, Co-Head of Christie's 20th Century Evening Sale: „In diesem Meisterwerk verwirklicht Kandinsky Wagners Konzept des Gesamtkunstwerks, indem er seine schöpferische Kraft zu einem einzigen, einheitlichen Kunsterlebnis zusammenführt. Das Gemälde markiert nicht nur einen neuen Höhepunkt in Kandinskys künstlerischer Entwicklung, sondern stellt zugleich einen entscheidenden Moment in der Geschichte der Abstraktion dar – ein Moment, der bedeutende Künstler der Nachkriegszeit sowie nachfolgende Generationen maßgeblich beeinflussen sollte. Als herausragendes Glanzstück unserer großen Auktionswoche im November wird dieses außergewöhnliche Werk – völlig zu Recht – einen neuen Auktionsrekord für Kandinsky aufstellen.“
Die Chancen, dass am 17. November ein neuer Rekord für Wassily Kandinsky erzielt wird, stehen tatsächlich nicht schlecht, denn die Schätzung von 60-80 Millionen US-Dollar liegt bereits über seinem aktuellen Rekord, der 2023 bei Sotheby’s London mit Murnau mit Kirche II (1910) erzielt wurde: 37,2 Millionen GBP bzw. 44,8 Millionen US-Dollar. Der garantierte Verkauf des Gemäldes ist zudem durch eine Third party guarantee abgesichert.
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Zuletzt hatte Kandinsky im Auktionssaal mit seinem Gemälde Das bunte Leben (1907) für Aufsehen gesorgt, das Mitte Oktober bei Christie’s in London für 31.560.000 GBP verkauft worden war.
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