Seit 2015 standen die von König Ludwig II. von Bayern erbauten Schlösser auf der Vorschlagsliste des UNESCO-Welterbes. Nun, zehn Jahre später, war es soweit und die Schlösser Neuschwanstein, Herrenchiemsee und Linderhof sowie das Königshaus am Schachen wurden im Zuge der 47. Sitzung des Welterbekomitees, die vom 6.-16. Juli in Paris stattfand, offiziell zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt (Eintrag 1726). Erfüllt wurde die Nummer IV auf der insgesamt sechs mögliche Kriterien für Kulturerbe umfassenden Liste, wonach die Schlösser „ein hervorragendes Beispiel eines Typus von Gebäuden, architektonischen oder technologischen Ensembles oder Landschaften darstellen, die einen oder mehrere bedeutsame Abschnitte der Menschheitsgeschichte versinnbildlichen“.
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Mit der Verwirklichung seiner architektonischen Vision begann Ludwig II. noch im Jahr seiner Thronbesteigung 1864. Sein erstes Projekt war das heutige Neuschwanstein bei Hohenschwangau im Ostallgäu, wo sein Vater, König Maximilian II., bereits das gleichnamige Schloss im Stil der Neogotik hatte ausbauen lassen. Ludwig II. beteiligte sich intensiv an der Planung, sodass die Entwürfe immer wieder verändert werden mussten. Inspiriert von den Opern Richard Wagners, schwebte ihm eine Anlage im Stil mittelalterlicher Ritterburgen vor, wobei ein Besuch des Königs der Wartburg bei Eisenach im Jahr 1867 besonders prägend war. Die Bauarbeiten begann 1869. 1884 waren die Innenräume soweit fertiggestellt, dass Ludwig sie bewohnen konnte (was er bis zu seiner Absetzung im Jahr 1886 für 172 Tage tat). Neben den Wohnräumen des Königs, inklusive künstlicher Grotte zwischen Arbeits- und Wohnzimmer, beeindrucken vor allem der Sängersaal und der Thronsaal. Trotz seiner Vision von mittelalterlicher Ritterromantik wollte der König keinesfalls auf modernen Komfort verzichten, sodass Neuschwanstein über eine Zentralheizung, fließendes Wasser und eine elektrische Rufanlage für das Personal verfügte.
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1869 begannen auch die Bauarbeiten für das Königshaus am Schachen, gelegen im Wettersteingebirge südlich von Garmisch-Patenkirchen. Bereits drei Jahre später konnte Ludwig dort erstmals verweilen. Während das Gebäude äußerlich im Schweizer Chalet-Stil gehalten ist, wird das Innere im ersten Stock von einem äußerst fantasievoll gestalteten Raum dominiert, der von türkischen oder maurischen Interieurs inspiriert wurde.
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Während die Bauarbeiten an Neuschwanstein und dem Königshaus bereits in vollem Gange waren, ließ Ludwig im Ammergau einen weiteren seiner Träume verwirklichen, der in diesem Fall das vorrevolutionäre Frankreich zum Vorbild hatte. Inspiriert von königlichen Lustschlössern wie Marly und den beiden Trianons im Park von Versailles, ließ er ein Kleinod des Neorokoko errichten: Linderhof. Innen wie außen in diesem verspielten Stil üppig ausgestattet, ließ der die Einsamkeit bevorzugende König im Speisezimmer ein „Tischlein-deck-dich“, also einen Esstisch, der mithilfe eines Aufzugs von der Küche hinaufbefördert wird, installieren. Gesellschaft leisteten ihm die Porträts von „Prominenten“ des Ancien Régime, darunter König Ludwig XV. und dessen berühmte Mätressen Madame de Pompadour und Madame du Barry. Nach und nach wurde der Schlosspark mit weiteren Highlights bestückt: ab 1877 lud die künstliche Venusgrotte zu Gondelfahrten im Geiste von Wagners Tannhäuser ein, 1877 bzw. 1884 kamen das Marokkanische Haus und der Maurische Kiosk hinzu, die ursprünglich für die Pariser Weltausstellungen von 1878 bzw. 1867 errichtet worden waren.
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Während Linderhof gewissermaßen ein Versailles im Kleinformat war, wollte Ludwig sein großes Idol, Sonnenkönig Ludwig XIV. von Frankreich, mit einem noch viel eindrucksvolleren Bauwerk ehren: einem Nachbau des Schlosses von Versailles in Originalgröße. Eigentlich unweit von Linderhof geplant, erwies sich der dortige Bauplatz jedoch als zu klein für das ehrgeizige Projekt, sodass die Bauarbeiten 1878 auf der Herreninsel im Chiemsee begannen. Wie im Original waren der Spiegelsaal, der sogar etwas länger ausfiel als im französischen Vorbild, und das Prunkschlafzimmer die Highlights der Innenausstattung. Hervorgehoben werden muss zudem die große Gesandtentreppe, die unterstreicht, dass sich Ludwig am Versailles zur Zeit des Sonnenkönigs orientierte, denn besagte Treppe hatte im Originalschloss bereits 1752 Platz für weitere Wohnräume machen müssen und existierte somit schon lange nicht mehr, als Ludwig II. Versailles 1874 einen Besuch abstattete. Der Bau von Herrenchiemsee verschlang unglaubliche Summen, die Ludwig entgegen vieler Berichte jedoch vor allem aus eigener Tasche aufbrachte, und war so teuer wie Neuschwanstein und Linderhof zusammen. Der König verbrachte nur wenige Tage im September 1885 dort und als er im Jahr darauf aufgrund seines zunehmend exzentrischen Verhaltens für regierungsunfähig erklärt und abgesetzt wurde und dann wenige Tage später unter nie völlig geklärten Umständen im Starnberger See ertrank, waren die Bauarbeiten noch nicht beendet.
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Ludwig II. hatte alle seine Märchenschlösser als private Rückzugsorte geplant, die der Öffentlichkeit verwehrt bleiben sollten. Doch bereits wenige Tage nach seinem mysteriösen Tod wurden ihre Pforten für Besucher geöffnet, die staunten, was der dahingeschiedene König da hinterlassen hatte. Und die Faszination ist heute nicht weniger geworden. Vielmehr zählen die Schlösser Ludwigs II. zu den großen Touristenattraktionen in Bayern, allen voran das weltberühmte Neuschwanstein, das jedes Jahr mehr als 1 Million Besucher anlockt. Die Beliebtheit dieser architektonischen Schätze aus der Epoche des Historismus hat zu ihrer hervorragenden Erhaltung im Originalzustand beigetragen, was ein wichtiges Kriterium für ihre jetzige Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe darstellt.




