Das Top-Los der hochkarätigen Alte Meister-Auktion, die am 17. Juni bei Aguttes stattfinden wird, ist zweifellos ein außergewöhnliches Gemälde des venezianischen Quattrocento, das aus einer Familiensammlung in Zentralfrankreich stammt. Die Verkündigung ist von hervorragender Qualität und stellt ein Gemeinschaftswerk von Antonio Vivarini, gen. Antonio da Murano) und Giovanni d'Alemagna dar.
Antonio Vivarinis Familie arbeitete als Glasmacher auf der berühmten Insel Murano nahe Venedig. Dort erblickte der spätere Künstler um 1415 das Licht der Welt. Als seine früheste Arbeit gilt das Polyptychon der Euphrasius-Basilika im damals venezianischen, heute kroatischen Poreč, das von ihm signiert und mit 1440 datiert wurde. Im Jahr darauf begann seine Zusammenarbeit mit Giovanni d'Alemagna. Es war ein dem Heiligen Hieronymus gewidmetes Altarbild für die Kirche Santo Stefano in Venedig, das heute im Kunsthistorischen Museum in Wien aufbewahrt wird.

Das von Aguttes präsentierte Gemälde hat mit der Verkündigung eines der wichtigsten christlichen Motive der Kunstgeschichte zum Thema, also den Moment, in der die Jungfrau Maria vom Erzengel Gabriel besucht und über die bevorstehende Ankunft Christi unterrichtet wird. Die Komposition ist akribisch und steckt voller Details und subtilen Symbolen der religiösen Ikonographie. Die Heilige Dreifaltigkeit wird durch die Gegenwart Gottes im Himmel und durch die den Heiligen Geist symbolisierende Taube neben Maria dargestellt. Die geschlossene Tür im Zentrum der Komposition ist ein Hinweis auf die unbefleckte Empfängnis, während die Säule davor als Symbol der Menschwerdung dient. Eine Anspielung auf die Auferstehung ist schließlich der Pfau, der links leben der Säule halb zu sehen ist.
Auch wenn es heute schwierig ist zu eruieren, für welchen Teil des Gemeinschaftswerks die beiden Künstler jeweils verantwortlich waren, so kann man sicher davon ausgehen, dass jeder seinen künstlerischen Stil und seine eigene Identität beibehielt. Beide waren von den Arbeiten des Iacopo Bellini (tätig zwischen 1424 und 1470) beeinflusst, der als einer der ersten den Wandel von der Gotik zur Renaissance vorangetrieben und insbesondere die Perspektive entwickelt hatte. Trotz dieses gemeinsamen Einflusses, blieb Giovanni d'Alemagna dem gotischen Stil nahe, während sich Antonio Vivarini bereits der Moderne der Frührenaissance zugewandt hatte.

Traditionell zeichnete sich Antonios Arbeit durch klare und bescheidene Kompositionen aus, während Giovanni eine Vorliebe für aufwendige Interieurs hatte, die er mit Dekorationen und architektonischen Details ausschmückte. In der vorliegenden Verkündigung finden wir beide künstlerische Einflüsse und Empfindungen. Die Komposition wird von der Balance zwischen dem reich verzierten Innenraum im Stil eines venezianischen Wohnhauses des 15. Jahrhunderts und der Aussicht auf die Landschaft im Hintergrund, die für die nötige Tiefe sorgt, dominiert.

Natürlich ist diese spannende Wiederentdeckung nicht das einzige Highlight bei Aguttes. Ein weiteres bemerkenswertes Werk ist diese von einem Künstler der Englischen Schule um 1830 ausgeführte Szenerie nach Albrecht Jacobsz Cuyp. Dargestellt ist der Hafen von Dordrecht über den von der untergehenden Sonne beschienene Wolken schweben, die zum Träumen einladen.

Erwähnt werden muss auch dieses außergewöhnliche Ölgemälde von Carle van Loo, das in das Jahr 1760 datiert wurde und ebenfalls eine Wiederentdeckung darstellt. 1735 wurde er Mitglied der Königlichen Akademie der Künste und 1762 zum ersten Maler Ludwigs XV. von Frankreich ernannt – Stationen einer erfolgreichen Karriere. Das vorliegende Werk Hommage à L’Amour deutet mit seinem Charme und seiner Eleganz bereits auf das Interesse an der griechisch-römischen Kunst hin, die bis zum Ende des 18. Jahrhunderts voll ausgereift sein sollte. Vergleichen werden kann das Gemälde mit einer anderen Hommage à L’Amour, die von Katharina II. von Russland erworben worden war, seit 1917 allerdings als verschollen gilt. Das von Aguttes präsentierte Werk ähnelt dem verschollenen Bild in Größe und Komposition, weshalb es sehr wahrscheinlich ist, dass es sich tatsächlich um fragliches Gemälde handelt.
Insgesamt werden bei Aguttes am 17. Juni um 14:30 Uhr rund 50 Lose versteigert. Die Ausstellung zur Auktion kann am 15. und 16. Juni sowie am Auktionstag besucht werden. Allgemein zeigt die spannende Offerte, dass ein suchendes Auge unter den Alten Meistern immer wieder etwas Neues entdecken kann. Neben ihrer Qualität sind es ihre Geheimnisse, die den Reiz der Alten Meister ausmachen.



