Diesen Monat versammelt das Dorotheum ein weiteres Mal Kunst der Spitzenklasse in seinen historischen Räumlichkeiten in Wien, wenn vom 18. November bis 3. Dezember die „Contemporary Week“ auf dem Programm steht.
Den Auftakt bildet am 18. November um 18 Uhr die Saalauktion „Moderne“, in deren Offerte das Top-Los der Auktionswoche zu finden ist: Egon Schieles Kauernder Rückenakt von 1917.
Die herausragende Arbeit zeigt Schiele auf dem Höhepunkt seines Könnens. Mit sicher geführter Hand hielt er die Konturen seines Modells auf dem Papier fest und ergänzte sie durch mit trockenem Pinsel aufgetragener Gouache – eine von ihm selbst entwickelte Technik. Die Dargestellte scheint in dieser außergewöhnlichen Position zu schlafen, den Kopf gebettet auf dem linken Arm und der lebendigen Haarpracht. Mit viel Präzision hat sich Schiele der Wiedergabe der rechten Hand gewidmet. Hände nehmen in seinem Werk oft eine explizite Rolle ein, indem er sie in unnatürlichen Haltungen zeichnete. Schiele selbst ließ sich mit solch ungewöhnlichen Gesten wiederholt fotografieren.

Wie die Beschriftung „Szerena Lederer“ auf der Rückseite andeutet, befand sich die Zeichnung einst im Besitz von August und Serena Lederer, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der bedeutendsten Kunstsammlungen ihrer Zeit besaßen. Neben Werken der Renaissance besaßen sie die größte Privatsammlung von Werken Gustav Klimts. Dieser war es auch, der die Lederers mit Schiele bekannt machte. Nach dem Anschluss Österreichs im Jahr 1938 verließen die jüdischen Lederers – August war bereits 1936 gestorben – nach und nach ihre Heimat. Wie genau Kauernder Rückenakt in die Sammlung des jetzigen Besitzers gelangte, ist nicht gänzlich nachvollziehbar. Durch eine Einigung mit den Erben nach August und Serena Lederer wurde die Versteigerung ermöglicht.

Eine eigene Welt der Symbole baute Marc Chagall auf, der sie in seinen Werken immer wieder darstellte und kombinierte. Das vorliegende späte Gemälde Couple sur coq rouge zeigt Chagalls schwebendes Liebespaar, ein immer wieder verwendetes Symbol, mit dem Chagall auf seine große Liebe, seine Ehefrau Bella (†1944), anspielte. Der Blumenstrauß (Liebe, Zuneigung) und der rote Hahn (Fruchtbarkeit, Neuanfang) unterstreichen den Liebescharakter des Werks.

Dem Surrealismus nie verbunden, aber dem Schaffen seiner Vertreter, das parallel zu seinem eigenen in Paris stattfand, war sich Picasso stets bewusst. In dem vorliegenden späten Werk Écuyère et tête halten surrealistische Traumelemente Einzug in seine Bildsprache: links erscheint eine Amazone zu Pferd, deren Gestalt sich in einer dschungelartigen Umgebung auflöst. Während sie für den Mann zur Rechten kaum noch greifbar ist, wird er selbst zum Gegenstand der Betrachtung von einer Vielzahl von Augen, die im Dickicht aufglühen.
Am 19. November geht es um 18 Uhr weiter mit der Saalauktion „Zeitgenössische Kunst I“, die am darauffolgenden Tag durch die Onlineauktion „Zeitgenössische Kunst II“ ergänzt wird.

Angeführt wird diese Offerte von Andy Warhols Siebdruckserie Ten Portraits of Jews of the Twentieth Century, die hier als vollständiges Portfolio vorliegt. Für die Serie wählte Warhol zehn bedeutende jüdische Persönlichkeiten aus, die das 20. Jahrhundert geprägt haben, darunter die Schauspielerin Sarah Bernhardt und der Schriftsteller Franz Kafka, die Politikerin Golda Meir sowie der Physiker Albert Einstein und der Psychoanalytiker Sigmund Freud. Durch Warhols berühmten Siebdruckstil wurde den Dargestellten ein Denkmal geschaffen, das Kunst und Geschichte verbindet.

Kaum ein Künstler hat sich so intensiv mit der Theorie der Farben und ihrer wechselseitigen Wirkung beschäftigt, wie Josef Albers. Das bekannteste Ergebnis seiner Untersuchungen ist die ikonische Serie Homage to the Square. Aus dieser kommt die Studie Heavy + Bright under Veil von 1964 zum Aufruf. Die erste Homage to the Square entstand 1950; Albers setzte die Reihe bis zu seinem Tod im Jahr 1976 fort.

Um ein weiteres Highlight handelt es sich bei Linie č. 109, das 1993 von Zdeněk Sýkora ausgeführt wurde. Sýkora gehörte in den 1960er Jahren zu den Pionieren der computergenerierten Kunst. Bei dem vorliegenden Werk widmete er sich der klassischen Malerei und schuf ein komplexes Liniennetz, das den Betrachter gleichermaßen an das U-Bahn-Netz einer Großstadt, als auch an das verwobene Wurzelwerk eines Waldes erinnern kann.
Jeweils um 13 Uhr finden am 20. und 21. Dezember die Auktionen „Bedeutende Juwelen“ und „Armband- und Taschenuhren“ statt. Letztere verfügt mit der Patek Philippe-Jubiläumsuhr Chiming Jump Jour über einen ganz besonderen Schatz. Den Abschluss der Contemporary Week bildet am 3. Dezember die Onlineauktion „Editions“.
Die Versteigerungen der „Contemporary Week“ finden im Palais Dorotheum, Dorotheergasse 17, in Wien statt. Die Ausstellung ist dort ab dem 8. November („Editions“ ab dem 27. November“) geöffnet.




