Ich werde alles um mich herum schön machen. Das wird mein Leben sein.
1883 debütiert eine junge Frau namens Ella Anderson de Wolfe, später auch als Lady Mendl bekannt, am Hof von Königin Victoria, was ihren offiziellen Eintritt in die Londoner Gesellschaft bedeutete. Ihre Geschichte hätte die so mancher Frau aus der privilegierten New Yorker Oberschicht werden können, wenn nicht alles anders gekommen wäre, als die junge Frau sich dafür entschied, einen bis dato völlig unbekannten Berufsweg einzuschlagen: den der Innenarchitektin.

Alles begann damit, dass der Vater der jungen Frau 1890 starb und nichts als Schulden hinterließ. Ella dachte jedoch nicht daran, den damals üblichen Weg zu gehen und zu heiraten, vielmehr nahm sie ihre wirtschaftliche Situation selbst in die Hand, wurde Schauspielerin und nannte sich fortan Elsie de Wolfe. Bereits 1891 spielte sie die Titelrolle in dem Stück Thermidor des französischen Dramatikers Victorien Sardou.

In dieser Zeit lernt sie die Theateragentin Elizabeth (Bessie) Marbury kennen – der Beginn einer langjährigen Liebesgeschichte, der auch Elsies 1926 mit dem britischen Diplomaten Sir Charles Ferdinand Mendl geschlossene Zweckehe nichts anhaben konnte. 1901 gründete Elsie ihre eigene Theaterkompanie, mit der sie das Stück The Way of the World zunächst in London und später auch am Broadway erfolgreich aufführte. Doch konnte die Theaterwelt Elsie nicht dauerhaft fesseln, die ihre eigentliche Berufung ins Auge fasste: sie wollte ihre Spuren in der Geschichte des Designs hinterlassen.
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Wie und wann genau Elsies Geschmack und kritisches Denken über Schönheit so einzigartig werden konnten, um die Grundlage einer einflussreichen Karriere bilden zu können – vor allem, da sie in einer patriarchalischen Gesellschaft aufwuchs, in der Selbstbewusstsein und Sturheit, die für den Aufstieg in einer kreativen Branche erforderlich sind, nicht gerade als angesehene Eigenschaften bei einer Frau betrachtet wurden. Doch muss es einen roten Faden gegeben haben, der sich von den Wohnzimmern in Elsie de Wolfes Kindheit bis zu den Theaterkulissen, in die sie als junge Erwachsene eintauchte, zog, und der sie zum Aufbau einer visuellen Kultur, eines Geschmacks und vor allem eines Bewusstseins und eines Blicks für Details anregte. Auf Anregung von Bessie Marbury sowie ihrer Freundin Sara Cooper Hewitt begann Elsie de Wolfe offiziell ihre Karriere als Innenarchitektin. Neben ihrem Talent war es auch ihre gesellschaftliche Popularität, die die Wertschätzung ihrer Arbeit beschleunigte.

Einer ihrer Bekannten, der Architekt Stanford White, vermittelte ihr den Auftrag zur Ausstattung des Colony Clubs, des ersten Frauenclubs in New York, der in einem von White entworfenen Gebäude an der Upper East Side residieren sollte. Bereits in dieser Arbeit manifestierten sich die Charakteristika, die Elsies Art Räume zu konzipieren auszeichneten: Sinn für Proportionen, Luftigkeit (vor allem durch die Verwendung von Spiegeln und die Wahl heller Farbtöne für Wände und Stoffe) sowie eine eher visuelle als stilistische Einheit. Auch machte sich eine Vorliebe für grün-weiße Streifenmuster, Schwarz-Weiß-Kombinationen und Tierhäute imitierende Stoffe bemerkbar. Selbst ein Badezimmer war für sie von Bedeutung und sollte nicht zweitrangig hinter den anderen Räumen zurückstehen. Zu ihren vielen Auftraggebern gehörte auch der Millionär Henry Clay Frick, der sie mit der Ausstattung seiner Privaträume in einem neoklassizistischen Gebäude an der 5th Avenue beauftragte, in dem sich heute die Frick Collection befindet.
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Der überraschende Erfolg von Elsie de Wolfe als professionelle Innenarchitektin in Amerika und darüber hinaus beruht auf dem Wunsch, den sie mit ihrer Generation teilte, den zwischen 1830 und 1900 gepflegten viktorianischen Stil hinter sich zu lassen. Die weiterentwickelten Technologien hatten zu etwas völlig Neuem geführt: die Demokratisierung des Geschmacks. Mit dem Aufkommen der Massenproduktion hörte die Gestaltung der Innenräume auf, etwas Exklusives für die Oberschicht zu sein, sondern hielt auch in den Häusern und Wohnungen der weniger Betuchten Einzug. Ein epochales Geschehen, das jedoch Konsequenzen nach sich zog: Wenn einerseits die Industrie in der Lage ist, Möbelelemente, Kunst, Stoffe und Dekoratives zu erschwinglichen Preisen herzustellen, wer soll das alles kontrollieren und die Kaufkraft lenken? Das vorläufige Ergebnis der viktorianischen Entwicklung waren mit allen möglichen Gegenständen vollgestopfte Wohnungen, in denen Raum für Raum Teppiche und Wandteppiche auf Gemälde, Möbel und Ornamente stießen, da die Eigentümer jedwede Leere für immer zu beseitigen versuchten. Elsie de Wolfes Ansatz war ein diametral anderer, sie setzte auf eine Ästhetik der Leere, die den überfüllten viktorianischen Stil ersetzen sollte.

Mit einem präzisen Blick für Details erfasste Elsie de Wolfe dies alles und nahm sich der übermäßig mit Grün-, Blau- und Brauntönen und hochverzierten Möbel vollgestopften Räume an. Jetzt, wo sie das Sagen hatte, entschied sie sich für die Dekonstruktion und wurde zur Sprecherin des Geschmacks der neuen Generation. Die von ihr gestalteten Interieurs waren hell, die Farben weich und zart. Die Oberflächen wurden befreit und der Kult der Leere hielt Einzug. Ihr Geschmack war praktisch und griff in die Verwirrung ein, die Häuser im viktorianischen Stil ausmachte, indem die den Menschen und der Emotionalität des Lebens die Hauptrollen zuwies.
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Die Erinnerung an die Geschichte und das Werk von Elsie de Wolfe sind zu Unrecht weitergehend in Vergessenheit geraten. Doch zeichnet sich hier ein Wandel ab, der auch die Objekte betrifft, die die Designerin im Laufe ihres Lebens gesammelt hat: dekorative Stücke, Accessoires und Kunstwerke, die Symbole ihres Geschmacks und ihres Einflusses auf die Gemeinschaft der Künstler und Designer sind.

Im September 2020 präsentierte Christie’s ein Porträt mit dem Titel Portrait d'Ella de Wolfe, dite 'Elsie', plus tard Lady Mendl, das von einem der sensibelsten Porträtisten der Belle Époque ausgeführt wurde: Giovanni Boldini. Das Werk, das für 112.500 Euro verkauft wurde, bestätigt das Temperament von de Wolfe, die nicht zögerte, die ursprüngliche Idee des Malers, sie im Stehen zu malen, zu verwerfen, und ihn stattdessen darum zu bitten, ein Brustbildnis zu schaffen. Etwa dreißig Jahre später fotografierte Horst P. Horst die mittlerweile 68-jährige Elsie de Wolfe neben dem Porträt und zeigte, dass die Designerin seitdem nichts an Eleganz eingebüßt hat.
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Ende der 1920er Jahre beauftragte Elsie de Wolfe den französischen Dekorateur und Designer Max Ingrand mit der Kreation eines Boudoirschranks mit Spiegel. Das Ergebnis gefiel ihr so gut, dass der Schrank nicht wie ursprünglich geplant im Badezimmer, sondern im neuen Wohnzimmer der Wohnung in der Pariser Avenue d’Iéna Nr. 10 platziert wird. 2006 wurde der Schrank bei Christie’s versteigert und erzielte 60.762 Euro.

Kurz nachdem sie ihre Karriere als Innenarchitektin begonnen hatte, sagte Elsie de Wolfe: „Ich werde alles um mich herum schön machen. Das wird mein Leben sein“. Wie bedeutend ihr Vermächtnis tatsächlich ist, lässt sich heute ohne ein umfangreiches fotografisches Material, das die Atmosphäre ihre Interieurs einfängt, nur schwer nachvollziehen. Einer der Höhepunkte ihrer Karriere war die Einrichtung der Residenz des New Yorker Verlegers Condé Nast, für die sie Möbel des 18. Jahrhunderts mit Chinoiserie und floralen Dekoren mit modernen Elementen kombinierte – ein Stil, den sie auch privat bevorzugte, wie ein sehr seltenes Zeugnis belegt: ein Ölgemälde aus ihrer New Yorker Wohnung, welches selbige darstellt. 2018 wurde es bei Christie’s für 59.125 Euro versteigert.
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In Versailles besaß Elsie de Wolfe die prächtige Villa Trianon, die sie 1941 aufgrund der deutschen Besatzung jedoch verlassen musste. Nach dem Krieg kehrte sie jedoch umgehend dorthin zurück und bewohnte die Residenz bis zu ihrem Tod im Jahr 1950.
Der Kauf und die Einrichtung der Villa Trianon gehen auf das Jahr 1905 zurück, als Elsie sich endgültig den europäischen Möbeln verschrieb. Es war ein prestigeträchtiges Anwesen, das zehn Jahre zuvor dem Prinzen Louis d’Orleáns, Herzog von Nemours, ein Mitglied der königlichen Familie, gehört hatte. De Wolfe erwarb die Villa für den Schnäppchenpreis von 12.000 USD, was heute etwa 310.000 USD entspricht. Wie gewohnt wurde sie bei diesem Schritt von Bessie Marbury unterstützt, die dort diskret mit einzog. Die Einrichtung ist dank des Vorbesitzers, der französische Industrielle Paul-Louis Weiller, der die Villa als Urlaubsresidenz genutzt hatte, bereits vorhanden – ganz Elsies Stil entsprechend, denn Weiller war einer ihrer frühen Kunden…
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Die prägnanteste und inspirierendste Veränderung, die Elsie de Wolfe am Interieur des historischen Hauses vornimmt, ist die Umgestaltung des Badezimmers, welches doppelt so groß ist wie das angrenzende Schlafzimmer. Sie verwandelt es mit antiken Möbeln, Skulpturen und Gemälden in eine Art Wohnzimmer, das Leichtigkeit, Harmonie und Komfort vereint. Auch einen Eckkamin aus schwarz-grün geädertem Marmor gibt es sowie eine Badewanne aus dem gleichen Material. In ihrer 1935 veröffentlichten Autobiografie bekannte sie: „Ich dachte, wenn ich es mit jemals würde leisten können, hätte ich sicherlich einen Kamin in meinem Badezimmer.“
