Paris wurde nach der Revolution von 1917 zur neuen Heimat für viele Mitglieder des russischen Adels und der Zarenfamilie. Eine Exilantin war Marija Pawlowna Romanowa (1890-1958), die ihre Eltern, Großfürst Pawel Alexandrowitsch und Prinzessin Alexandra von Griechenland und Dänemark, bereits in jungen Jahren verloren hatte. In erster Ehe war Marija Pawlowna mit dem schwedischen Prinzen Wilhelm, Herzog von Södermanland, verheiratet gewesen. Trotz des gemeinsamen Sohnes Lennart, der spätere Schöpfer der Blumeninsel Mainau im Bodensee, trennte man sich und Marija Pawlowna kehrte nach Russland zurück. Dort heiratete sie erneut, den Fürsten Sergej Michajlowitsch Putiatin, mit dem sie während der Revolution aus Russland floh. Auch diese Ehe wurde 1923 geschieden, da die beiden Ehepartner zu unterschiedliche Auffassungen vom Leben im Exil hatten.
Im Gegensatz zu Fürst Sergej, der sich dem Müßiggang hingab, bevorzugte Marija Pawlowna es, ihr Schicksal als Exil-Prinzessin selbst in die Hand zu nehmen. Da das Geld aus dem Verkauf ihrer aus Russland geschmuggelten Juwelen nicht ewig reichen konnte, hatte Marija Pawlowna bereits in London, wo sie eine Zeitlang gelebt hatte, damit begonnen, selbstgestrickte Kleidungstücke zu verkaufen. In London hatte sie zudem ihren um ein Jahr jüngeren Bruder Dmitri wiedergetroffen, mit dem sie nach Paris ging.
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In Paris beschloss Marija Pawlowna, in der Modebranche weiter Fuß zu fassen. Sie gründete das Unternehmen Kitmir, das auf das aufwändige Besticken von Stoffen spezialisiert war. Ausgeführt wurden diese feinen Arbeiten von den zarten Händen weiterer Exil-Russinnen, die wie Marija Pawlowna dringend ein Einkommen brauchten.
Auch Dmitri machte in Paris von sich reden und begann 1921 eine Affäre mit einer begabten jungen Modedesignerin namens Gabrielle Chanel, deren Spitzname „Coco“ lautete. Dmitri machte Coco mit dem ehemaligen russischen Hofparfümeur Ernest Beaux, der bald darauf Chanel Nº 5 kreierte, bekannt – und mit seiner Schwester.
Russische Muster waren damals in der Modehauptstadt Paris total angesagt und Mademoiselle Chanel war entzückt, dass die Prinzessin und ihre Mitarbeiterinnen ihr Modehaus mit entsprechend bestickten Stoffen versorgen konnten. Zu den Kreationen von Chanel, für die bei Kitmir bestickte Stoffe verwendet wurden, gehörte auch eine „Russische Tunika“ aus schwarzem Seidenkrepp. Im März 1922 wurde das Outfit in der französischen Vogue abgebildet.
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Dass Kleidung über einen längeren Zeitraum erhalten bleibt, geschieht eher selten. Auf dem weitläufigen Dachboden eines Schlosses im südfranzösischen Grasse hat jedoch auf wundersame Weise ein echter Schatz die letzten 100 Jahre überdauert: Ein Exemplar von Chanels „Russischer Tunika“.
Diese Tunika, die als Teil eines Tageskostüms gedacht gewesen war, wurde Mitte November im Auktionssaal von Maurice Auctions in Paris von der britischen Modespezialistin Kerry Taylor angeboten, an die sich die glückliche Entdeckerin gewandt hatte. Auf 10.000-15.000 Euro war das hervorragend erhaltene Stück geschätzt worden. Zwei Bieter am Telefon wollten es unbedingt für sich haben und überboten sich immer weiter, bis der Hammer schließlich bei 100.000 Euro fiel. Für 130.000 Euro (inkl. Aufgeld) durfte es der Höchstbietende mit nach Hause nehmen. Die erstaunliche Summe bedeutet einen neuen Auktionsrekord für eine frühe Chanel-Kreation.
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Die Beziehung zwischen Coco Chanel und Dmitri Pawlowitsch Romanow war nicht für die Ewigkeit bestimmt, genauso wenig wie die Beziehung zwischen Chanel und Kitmir. Das Interesse an russischen Motiven und Stickereien im Allgemeinen ging zurück und als Marija Pawlowna begann, auch noch Aufträge anderer Häuser anzunehmen, war die Zusammenarbeit Geschichte. Die russische Prinzessin verkaufte ihre Werkstatt 1928 und ging erst nach London und schließlich in die USA, wo ihr Bruder Dmitri zwei Jahre zuvor die reiche Erbin Audrey Emery geheiratet hatte.
Marija Pawlowna heiratete nicht noch einmal. In Amerika arbeitete sie als Fotografin und Journalistin und veröffentlichte ihre Memoiren. Nach einem Abstecher nach Buenos Aires in den 1940er Jahren kehrte sie nach Europa zurück, wo sie 1958 starb. Marija Pawlowna ist neben ihrem Bruder Dmitri auf der Blumeninsel ihres Sohnes begraben.
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