Um mehr über Vlado Kristl (1923-2004) sowie seine Techniken und Einflüsse, die seine Arbeit so besonders machen, zu erfahren, haben wir mit vier Frauen gesprochen, die seine künstlerische Praxis auf unterschiedliche Weise miterlebt haben: Seine Frau Jelena Kristl, seine Tochter Madeleine Kristl, seine Mitarbeiterin Johanna Pauline Maier sowie die Journalistin Ana Marija Habjan.
Vlado Kristl stammte aus einer bürgerlichen Familie in Zagreb. Sein Großvater und seine Mutter waren ebenfalls talentierte Maler und Vlado trat bereits in sehr jungen Jahren in deren Fußstapfen. Seine Ausbildung begann er als Internatsschüler am Strebersdorfer Gymnasium in Wien, von wo aus er einen illustrierten Briefwechsel mit seinen Angehörigen pflegte. In seinen Briefen, die fast an Comics erinnern, schilderte er sein Leben im Internat.

1942 schloss sich Kristl den Partisanen in den Wäldern des damaligen Königreichs Jugoslawien an. Zu deren Zeitschrift, die an Baumstämmen veröffentlicht wurde, steuerte er Karikaturen bei. Abgesehen vom politischen Inhalt, zeichneten sie sich durch ihre künstlerische Qualität und Überzeugungskraft aus. Viele befinden sich heute im Nationalarchiv in Zagreb.
Nach dem Krieg setzte Kristl seine Ausbildung an der Akademie der schönen Künste in Zagreb fort und fertigte politische Zeichnungen für lokale Zeitungen an.
In den 1960er Jahren begann er, Zeichentrickfilme für Zagreb-Film, eine renommierte Produktionsfirma für Animationsfilme im damaligen Jugoslawien, zu drehen. Bis 1962 drehte er mehrere Filme, darunter Žagrenska koža ("Das Chagrinleder", 1960) und Don Kihot ("Don Quijote", 1961), die ihm internationale Anerkennung einbrachten.
Bevor er seine Filmmeisterwerke schuf, war Kristl Mitglied von Exat 51, einem Kollektiv von Künstlern, Malern und Architekten in Zagreb. Benannt nach einem experimentellen Workshop, beschäftigte sich Exat 51 mit geometrischer Abstraktion als eine Antwort auf den staatlichen sozialistischen Realismus. Die Gemälde Kristls aus dieser Zeit waren minimalistisch und abstrakt und die geometrische Abstraktion kam bis zu seinem Umzug nach Deutschland auch bei seinen Animationen zum Einsatz.
Nach 1963 erfuhr sein Malstil eine radikale Veränderung und er begann, figürliche Bilder zu malen. Oft verzierte er seine Bücher und die Briefe, die er schrieb, mit Zeichnungen. Darüber hinaus ließ er seine Skizzen in seine späteren Animationsfilme und die Gestaltung seiner Bücher einfließen.

Seine subversive Arbeit führte jedoch zur staatlichen Zensur. 1964 zog er nach Deutschland, wo er weiterhin Animationsfilme produzierte und dabei eine neue Technik verwendete, bei der seine Zeichnungen direkt auf Papier gefilmt wurden. Gleichzeitig entwickelte er eine einzigartige Methode, bei der jede Zeichnung viele Male neu interpretiert wird und so eine Reihe von Originalen entsteht. Diese Praxis weitete er auf seine Gedichtsammlungen und seine Malerei aus, darunter Mundmaschine (1969) und Der gelernte, diplomierte und promovierte Autodidakt (1996). In Deutschland konzentrierte er sich auf Experimentalfilme, hörte aber bis zu seinem Lebensende nicht mit dem Malen, Zeichnen und Schreiben auf.
Barnebys hatte die Möglichkeit, durch vier Frauen, die ihn persönlich kannten, mehr über Vlado Kristl zu erfahren: seine Frau Jelena Kristl, seine Tochter Madeleine Kristl, seine Mitarbeiterin Johanna Pauline Maier sowie die Journalistin Ana Marija Habjan.
Was hat ihn beeinflusst?
Ana Marija Habjan: Es ist schwer zu sagen, ob er von irgendjemandem beeinflusst wurde. Während seiner Animationsarbeit für Zagreb-Film arbeitete er mit mehreren Leuten zusammen, aber er drückte all seinen Werken immer seinen eigenen Stempel auf. Später arbeitete er hauptsächlich allein. In der kroatischen Kunstgeschichte wird er als Mitglied von Exat 51 und der Bewegung Neue Tendenzen erwähnt, aber er war nie daran interessiert, in Gemeinschaften oder Gruppen zu arbeiten.
Jelena Kristl: Schon als Student lernte er, klassische Zeichnungen anzufertigen, wie es an der Akademie der Schönen Künste gelehrt wurde. Wenn man seine Nachkriegskarikaturen vergleicht, die er für die Zagreber Presse anfertigte, könnte man an Honoré Daumier denken, da sie immer eine gewisse Leichtigkeit und einen gewissen Humor aufweisen. Diese Eigenschaften blieben in allen Werken von Vlado Kristl sein ganzes Leben lang präsent und dienten immer als Leitfaden für seine Geschichten. Gelegentlich zeichnete er ein Motiv in allen Einzelheiten, sei es ein Porträt oder eine Architekturzeichnung während seiner späteren Jahre in Südfrankreich, in Fanjeaux, Département Aude.
Johanna Pauline Maier: Er wurde zunächst von seinen Erfahrungen beeinflusst: Er erlebte den Krieg und sah, wie dieselben Menschen, die für die Freiheit kämpften, später an die Macht kamen. So wurde er Zeuge, wie faschistische und kommunistische Regime aufeinander folgten und fast dasselbe taten: Menschen ihrer Freiheit beraubten. Künstlerisch basierte er auf seiner klassischen Ausbildung an der Akademie der Schönen Künste in Zagreb mit einer Vorliebe für die Porträtmalerei des 19. Jahrhunderts. Nach seinem Exil in München beeinflusste die 68er-Bewegung seine Filme und seine Malerei zutiefst. Der soziopolitische Kontext war immer Ausgangspunkt seiner künstlerischen Aktivitäten. Beim Zeichnen scheint es jedoch ganz anders zu sein: Das Zeichnen blieb ein stabiler Leitfaden, der parallel dazu lief, nur wurde es immer perfekter ... und vielleicht auch immer abstrakter.
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Welche war seine bevorzugte Zeichentechnik?
Jelena: Kristl verwendete häufig Bleistifte, manchmal auch Tinte und Kreide. Als Farbe benutzte er häufig Wasserfarben und Marker. Er zeichnete auf Blättern von Zeichenblöcken verschiedener Größen, in kleinen Notizbüchern oder Blöcken, auf herumliegenden Papierfetzen oder auf seinen eigenen Siebdrucken.
Madeleine: Er konnte überall zeichnen, es gab keinen bestimmten Ort, keine bestimmte Zeit oder keinen bestimmten Kontext. Er konnte beispielsweise einen Ausflug mit der Absicht machen, eine Landschaft, einen Strand oder ein Feld zu zeichnen. In diesem Moment benutzte er einen Zeichenblock im Format A3 oder A4 und Bleistifte oder Kugelschreiber. Malen gehörte nicht unbedingt dazu; das konnte später kommen, teilweise und mit Markern, oder er blieb in Schwarzweiß. Oft begann er spontan mit dem Zeichnen, zum Beispiel um einen Brief schön fertigzustellen. Man kann mit Fug und Recht behaupten, dass das Zeichnen in seinem Leben allgegenwärtig war. Soweit ich mich erinnere, machte er keine vorbereitenden Skizzen; es geschah immer zu einem bestimmten Zeitpunkt und er machte alles von A bis Z auf einmal.
Ana: Ich glaube nicht, dass er eine bevorzugte Technik hatte; er verwendete verschiedene Medien. Da er jedoch oft ältere Gemälde übermalte, verwendete er die darüber gelegten Zeichnungen normalerweise als Grundlage für neue. Das Zeichnen war für ihn die einfachste Möglichkeit, seine Gedanken, Zweifel und Überlegungen auszudrücken. Seine Tochter Madeleine Kristl beschrieb einmal die Ruhe, die er verspürte, wenn er mit dem Zeichnen begann, als ob ihn das Zeichnen entspannte.
Johanna: Später hat er fast nur noch mit Kugelschreiber und Marker gearbeitet. Radieren war also keine Option, weshalb er über dem Vorhandenen korrigierte. Manchmal hat er mit Weiß übermalt, aber das war selten. Als ich ihn in München kennenlernte, machte er Fotokopien, um Bücher und Collagen herzustellen. Dann hat er auf diesen Kopien variiert weitergezeichnet, in Schwarzweiß oder in Farbe. Er hat auch retrospektiv gearbeitet: Unter seinem Tisch stapelten sich alte Buchpublikationen mit Texten und Zeichnungen, aus denen er nach dem Zufallsprinzip bestimmte Zeichnungen heraussuchte und modifizierte, sodass jedes Buch ein Unikat wurde. So konnte man auf jeder Seite eine Version der Zeichnung finden, die original war … man wusste nie, wo. Ich glaube, er ließ sich gern von Vorhandenem provozieren. Also hat er seine eigenen Fotokopien/Publikationen weiter bearbeitet oder mit Permanentmarker auf Fotos gemalt.
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Wie sah sein kreativer Prozess aus?
Johanna: In meinem Film [Vlado Kristl – Ich bin ein Mensch-Versuch, 2006] gibt es eine Szene, in der er malt, und eine andere, in der er zeichnet. Witzigerweise erforderte die Malszene volle Konzentration, weil er ein Modell (mich) malen und gleichzeitig gefilmt werden musste. Er musste mich also genau beobachten, während er sich gleichzeitig auf seine Leinwand und die auf ihn gerichtete Kamera fokussierte. Die Zeichenszene hingegen zeigt ihn in einem Zustand der Leichtigkeit und Versunkenheit. Auch hier blickt er auf sein Modell – seine Partnerin Carola –, aber es ist viel entspannter. Die Zeichnungen waren spontan; er hatte eine Idee, führte sie aus und verfeinerte sie zu etwas anderem. Außer der anfänglichen Idee hat er nicht ausführlich geplant.

Mit welchen Motiven beschäftigte er sich am liebsten?
Jelena: Schöne Frauen (Amazonen, nur ihre Büsten oder Akte), Hunde, Katzen, Löwen, seine Kinder... Er zeichnete gern Landschaften, am liebsten die aus Südfrankreich. Man findet auch Innenräume, Blumensträuße, Sportler, insbesondere Radfahrer. Zu den eindrucksvollsten Zeichnungen gehört sein Rabe, der auch der Protagonist seines aus Zeichnungen bestehenden Films Die Hälfte des Reichtums für die Hälfte der Schönheit ist. Es scheint, als hätte Vlado Kristl in diesem Raben viel von seiner eigenen Seele gesehen.
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Ana: Zu seinen wiederkehrenden Motiven gehört die Figur des Künstlers an sich, Frauen, Katzen, Hunde und ein Rabe. Darüber hinaus zeigte er ein großes Talent für Architekturzeichnungen und Blumendarstellungen. In seiner Kunst beschäftigte er sich mit Themen wie Autorität und der Rolle der Kunst und drückte mit seiner Darstellung junger Frauen, die häufig als idealisierte Objekte der Begierde dargestellt wurden, oft Nostalgie und Romantik aus. Kristls Bücher vermischen nahtlos Zeichnungen mit Poesie und Prosa und verbinden Bilder und Text. Obwohl diese Verbindungen manchmal kryptisch erscheinen, haben sie eine frische gedankliche Tiefe.
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Was wollte er mit seinen Zeichnungen ausdrücken?
Jelena: Seine Zeichnungen vermitteln seine Emotionen. Wir erkennen seine Sympathien und seine Träume, aber auch seine Wut, insbesondere gegenüber Autoritätspersonen. Dies wird in der Sammlung großformatiger Zeichnungen Körper des Unrechts von 1978 und in Techniken, die Kunst machen von 1981 deutlich.

Hat sich seine Herangehensweise im Laufe der Jahre verändert?
Johanna: Er malte mit der Zeit immer schneller und sicherer. Statt 20 Linien brauchte er am Ende nur noch eine Linie zu zeichnen, die diese 20 Linien enthielt. Aber das ist normal, wenn man ein Motiv 1000 Mal gezeichnet hat. Stilistisch wurde es immer kürzer, sein Prozess wurde in seine Zeichnung integriert. Vielleicht ist das die indirekte Verbindung zum Kino. Manche Animationsfilme ähneln seinen Zeichnungen sehr, es gibt Animationsfilme, die stilistisch seinen Papierzeichnungen sehr nahe kommen. In manchen Filmen kann man sogar sehen, wie eine Zeichnung entsteht, und den Stift kratzen hören. In den neuesten Ölgemälden sieht man immer gezeichnete Elemente. Ich glaube, er hat seine zeichnerischen Fähigkeiten auf die Malerei übertragen, vielleicht als Grundstruktur. Jedenfalls hat er diese Elemente nicht immer mit einer malerischen Technik überdeckt, man sieht also Fragmente davon.
Jelena: Schließlich fertigte er Skizzen an, die weniger oder mehr verschwommene Linien aufwiesen, uns aber deutlich zeigten, was er ausdrücken wollte. Diese Skizzen ebneten den Weg für weitere künstlerische Aktivitäten, denen eine neue Produktion an Zeichnungen folgen sollte.

Wie passen seine Zeichnungen zu seinen Filmen und Gedichten?
Ana: In Kristls Werk ist alles miteinander verbunden. Die Hauptthemen, die ihn beschäftigen, wie Fragen nach der Existenz des Autors, das nie überwundene Trauma des Krieges und die Auseinandersetzung mit dem System im Allgemeinen sowie die Faszination für Frauen, tauchen in allen Bereichen auf: in seinen Gemälden, seinen Gedichten und seinen Filmen. Sein anarchistischer und experimenteller Ansatz hat einzigartige Werke hervorgebracht. Krieg, Verfolgung, Leid, Freiheitsberaubung, Machtsysteme und Korruption sind die Schlüsselbegriffe seiner persönlichen Biografie sowie der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Johanna: Ich glaube, die Idee, ein Werk parallel zur Umsetzung zu entwickeln (also eine erste Idee zu haben, der Rest ergibt sich dann bei der Umsetzung) und Zufälle in den Schaffensprozess mit einzubeziehen, findet sich auf allen Ebenen. Es war seine Freude, damit zu arbeiten, sich damit auseinanderzusetzen...
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Jelena Polak-Kristl, seine Ehefrau und Mutter seiner Kinder. Geboren 1936 im ostkroatischen Donji Miholjac, studierte sie Rechtswissenschaften in Zagreb. 1966 heiratete sie Vlado Kristl in München. Jelena Polak-Kristl hat für verschiedene deutsche Kulturinstitutionen und Verlage gearbeitet und genießt jetzt zurückgezogen ihren Ruhestand. Vom Moment ihres ersten Treffens 1962 in Zagreb bis zu Vlados Tod im Jahr 2004 tauschte das Paar kontinuierlich künstlerische Ideen aus. Sämtliche Kunstwerke, die er ihr während ihres gemeinsamen Lebens schenkte, bewahrte sie sorgfältig auf.
Madeleine Kristl wurde 1966 als Tochter von Jelena und Vlado in München geboren. Ihr Bruder Pepe Stephan folgte 1968. Nach einem Studium zur Übersetzerin (Deutsch - Französisch - Russisch) zog sie 1962 nach Paris, wo sie bis 2000 für eine fotojournalistische Agentur arbeitete. Nachdem sie für eine Reihe von Jobs für die Tourismusbranche herumgereist war, kehrte sie nach Paris zurück, um in die Welt der internationalen Museen einzutauchen. Derzeit ist sie Verwaltungsassistentin der Besucherabteilung des Musée d'Orsay. Ihrem Vater hatte sie stets sehr nahegestanden und in regem kreativen Austausch gestanden. Gemeinsam mit ihrem Bruder verwaltet sie heute den künstlerischen Nachlass ihres Vaters.
Johanna Pauline Maier wurde in Ost-Berlin geboren und wuchs in Süddeutschland auf. Fasziniert von der chinesischen Philosophie und Kultur, studierte sie Sinologie in Berlin und Peking, wo sie ihre Liebe zum Film entdeckte. Sie begann ein Studium für Filmgestaltung an der Beijing Film Academy, das sie an der Münchener Filmakademie fortsetzte, wo sie 2001 Vlado Kristl kennenlernte. Die beiden fanden schnell eine gemeinsame Linie, die in den gemeinsamen Filmen Weltkongress der Obdachlosen sowie Vlado Kristl – Ich bin ein Mensch-Versuch (mit Markus Nechleba) umgesetzt wurde. Seit 2010 lebt Johanna Pauline Maier in Paris, wo sie als freischaffende Filmemacherin und -lehrerin arbeitet.
Ana Marija Habjan machte an der Fakultät für Philosophie in Zagreb ihren Abschluss in Kunstgeschichte und Italiensicher Sprache und Literatur. Als Journalistin, Redakteurin und Regisseurin arbeitet sie im Kulturbereich des kroatischen Fernsehens. Sie hat eine Fernsehreihe mit Porträts kroatischer Künstler sowie Dokumantarfilme über bestimmte künstlerische Phänomene und Gruppen produziert, u. a. auch ein Porträt über Vlado Kristl. 2020 begann sie ein postgraduales Doktoratsstudium in Geisteswissenschaften mit Spezialisierung auf Kunstgeschichte an der Universität Zadar zum Thema „Vlado Kristls Malerei und Animationsfilm nach 1963“.



