Nachdem er zunächst Jura studiert und Englisch unterrichtet hatte, wandte sich Georges Mathieu (1921-2012) 1942 einer künstlerischen Laufbahn zu. Während er zunächst noch naturalistische Landschaften auf seine Leinwände zauberte, begann er sich schon bald mit avantgardistischen Techniken wie Tropfen oder Tubismus (Farbe direkt aus der Tube auf die Leinwand drücken) zu experimentieren.

Mathieu etablierte sich schnell als Begründer der Lyrischen Abstraktion mit ihren akzentuierten Pinselstrichen und kontrastierenden Farben. In seinen Gemälden scheinen sich Linien mit roher Energie über der Leinwand auszubreiten und die Formen zeigen eine beispiellose Freiheit. Die Beziehung zwischen Georges Mathieus Hand und der Oberfläche des Bildträgers scheint beinahe physisch und die Geschwindigkeit der Ausführung wird in ihrer Ästhetik transkribiert. Oft haben seine Werke historische, musikalische oder geografische Bezüge, die ihrer Dramatik eine tiefere Dimension verleihen.
Lesen Sie auch: Abstrakte Kunst: Von einer Idee zur globalen Bewegung

Die Lyrische Abstraktion ist auch unter dem Begriff Tachismus bekannt und wird oft als europäische Version des amerikanischen Abstrakten Expressionismus angesehen. Mathieu verfasste einige Manifeste darüber, was die Lyrische Abstraktion mit ihren vier Hauptpunkten ausmacht: Die Ausführung muss schnell erfolgen, es darf keine vorgefertigten Formen geben, ebenso keine vorsätzlichen Bewegungen und ein Bild muss in einem ekstatischen Geisteszustand gemalt werden.
Lesen Sie auch: Hans Hofmann, der Vater des Abstrakten Expressionismus
Diesen Grundsätzen folgten auch die öffentlichen Malaufführungen Mathieus, wie beispielsweise 1956 im Théâtre Sarah-Bernhardt in Paris, wo er eine 4 x 12 Meter große Leinwand mit 800 Farbtuben bemalte. „Die wichtigsten Momente sind eindeutig jene, wenn ich in der Öffentlichkeit male“, sagte Mathieu. „Tatsächlich wirkt dieser Prozess, ohne dass ich es merke, auf mediale Weise, um die Konzentration der Situation zu erhöhen.“
Lesen Sie auch: 5 Dinge, die man über Helen Frankenthaler wissen sollte

Georges Mathieu hatte jedoch Schwierigkeiten, seine Kunst auch jenseits des Atlantiks zu verbreiten. Als er 1958 einen seiner öffentlichen Auftritte in New York abhalten wollte, wurde das abgelehnt. Auch weigerten sich die New Yorker Galerien, ihn zu vertreten. Er gewann jedoch in Europa, Asien und Südamerika an Bekanntheit, die 1963 einen Höhepunkt erreichte, als ihm im Musée d'Art moderne de Paris eine große Retrospektive gewidmet wurde, ein Ereignis, das mit der Veröffentlichung seines Buches Au-delà du tachisme zusammenfiel.
Lesen Sie auch: Jackson Pollock: Die Visualisierung des Unbewussten

1968 verwüstete ein Feuer sein Atelier und Dutzende Leinwände wurden zerstört, darunter auch jene, die er im Théâtre Sarah-Bernhardt bemalt hatte, sodass heute nur wenige seiner Werke aus der Zeit vor 1968 existieren.
Lesen Sie auch: 102 Jahre für die Kunst: Pierre Soulages ist tot
Mathieu zeigte während seiner Karriere große Vielseitigkeit und schuf neben seinen auffälligen Gemälden auch Golddekore für Sèvres, arbeitete als Chefredakteur für das Magazin United States Lines Paris Review und entwarf 1973 auf Anfrage des Industriellen Guy Biraud eine Fabrik.
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!

Georges Mathieus Werke werden auf dem Auktionsmarkt regelmäßig für Hunderttausende Euro gehandelt. Und erst im vergangenen Jahr wurde ein neuer Rekord aufgestellt, als sein Gemälde Exil de Go Daïgo dans l'île d’Oki von 1957 bei Bonhams für 1,18 Millionen Euro verkauft wurde.








