Seit der frühe Mensch vom Boden seiner Wohnhöhle aufgestanden ist und sagte „Das ist mir zu unbequem“, ist in Sachen Sitzmöbel viel geschehen. Als besonders vielfältig erwies sich dabei der Stuhl, der bei allen möglichen Beschäftigungen wie Essen, Arbeiten oder auch Warten zum Einsatz kommt. Entdecken Sie im Folgenden nun zwölf wegweisende Stühle drei Jahrhunderten!
1. Unbekannt, Windsor Chair, frühes 18. Jh.

Der Windsor Chair entstand im frühen 18. Jahrhundert in der Region westlich von London. Benannt wurde er nach dem Ort Windsor, von wo aus die Stühle über die Themse nach London verschifft wurden. Der Erfolg des Windsor Chairs liegt in seiner Einfachheit. Vor allem benötigt seine Herstellung nur wenig Holz und die Einzelteile können auf Vorrat hergestellt und bei Bedarf zusammengesetzt werden, wodurch der Windsor Chair zum ersten massenproduzierten Stuhl wurde. Viele Windsor Stühle wurden auch in die damaligen britischen Kolonien in Nordamerika verkauft, wo er, wie auch in seiner Heimat, noch heute sehr verbreitet ist.
2. Jean-Joseph Chapuis, Chapuis-Stuhl, ca. 1805

Als Napoleon 1805 das bei Brüssel gelegene Schloss Laeken neu ausstatten ließ, setzte er dafür unter anderem auf die revolutionären Stühle des belgischen Kunsttischlermeisters Jean-Joseph Chapuis, der seine Ausbildung in Paris genossen hatte. Doch was war das Revolutionäre an diesen Stühlen? Es war das Schichtholzverfahren, mit dem Chapuis seit etwa 1803 experimentierte. Durch das Verleimen von Furnierbündeln waren Chapuis’ Stühle leicht und dennoch äußerst stabil.
3. Thonet, Bugholzstuhl Nr. 14, 1859

1808 meldete der Bostoner Möbeltischler Samuel Gragg seinen Elastic Chair in den USA zum Patent an. Für dessen Herstellung hatte er das dafür verwendete Holz mit Hilfe von Wasserdampf gebogen. Dieses revolutionäre Verfahren blieb jedoch ohne Folgen, bis Michael Thonet – in Unkenntnis von Graggs Experimenten – zunächst in Boppard und schließlich in Wien das Gleiche tat und damit einen bedeutenden Schritt in Richtung moderner Möbel unternahm. Thonets Bugholzmöbel wurden schnell populär und der 1859 entwickelte Stuhl Nr. 14 zu dem Kaffeehausstuhl schlechthin, der bis 1930 rund 50 Millionen Mal verkauft wurde und heute der meistverkaufte Holzstuhl aller Zeiten ist.
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4. Ludwig Mies van der Rohe, Weißenhof-Stuhl (MR 20), 1927

Wem die Erfindung letztendlich zugeschrieben werden kann, daran scheiden sich die Geister: der Freischwinger, ein Stuhl mit Stahlrohrrahmen, der ohne Hinterbeine auskommt. Zunächst ist da der Niederländer Mart Stam zu nennen, der 1926 ein funktionstüchtiges Modell entwickelte. Im Jahr darauf präsentierte Ludwig Mies van der Rohe, der Stams Entwurf kannte, mit dem Stuhl MR 20 für die Weißenhof-Siedlung in Stuttgart eine eigene, weiterentwickelte Version. Schlussendlich soll auch Marcel Breuer irgendwie an dem Ganzen beteiligt gewesen sein. Eine Geschichte voller Unsicherheiten. Was jedoch sicher ist, ist die Tatsache, dass der Freischwinger eines der einflussreichsten Möbelstücke des 20. Jahrhunderts ist und einen Meilenstein auf dem Weg zum modernen Möbeldesign darstellte.
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5. Gerrit Rietveld, Zig Zag Chair, 1932

Um 1930 reifte in Gerrit Rietveld der Plan, einen Stuhl aus einem einzigen Materialstück herzustellen, welches maschinell gefaltet werden sollte. Sämtliche Versuche scheiterten jedoch an der mangelnden Stabilität, sodass Rietveld schließlich vier Kiefernholzplatten zusammenfügte. Das Ergebnis war der Zig Zag Chair, der, obwohl er nicht das war, was er eigentlich hätte sein sollen, zu einer absoluten Ikone wurde.
6. Eero Saarinen, Tulip Chair, 1955

Beine, Beine, überall nur Beine! Um diesem Chaos unter dem Esstisch Herr zu werden, machte der finnische Architekt und Designer Eero Saarinen kurzen Prozess und erfand mit dem Tulip Chair 1955 den ersten Stuhl mit nur einem Bein (von einbeinigen Melkschemeln sowie kurzlebigen Versuchen der Biedermeierzeit, die Saarinen wohl nicht kannte, einmal abgesehen). Auch ein einbeiniger Esstisch gesellte sich dazu. Eigentlich schwebte Saarinen eine Konstruktion ganz aus Kunststoff vor. Da dies damals jedoch technisch noch nicht möglich war, einigten sich er und Hersteller Knoll auf eine Glasfaserschale oben und einen metallenen Fuß unten.
7. Gio Ponti, Superleggera, 1957

Möglichst leichte Stühle herzustellen war eine der maßgeblichen Ziele vieler Möbeldesigner des 20. Jahrhunderts. Auch der italienische Architekt Gio Ponti arbeitete daran über mehrere Jahre. Schließlich konnte er 1957 einen Stuhl mit im Querschnitt dreieckigen Beinen vorstellen, der nur 1.700 Gramm wog und passenderweise Superleggera getauft wurde. Um zu beweisen, dass dieses Leichtgewicht dennoch widerstandsfähig war, warf Ponti ein Exemplar kurzerhand aus einem Fenster im 4. Stock.
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8. Verner Panton, S Chair, 1965 & Panton Chair, 1967

Woran Gerrit Rietveld 1932 noch gescheitert war, konnte Verner Panton rund 30 Jahre später endlich in die Tat umsetzen: ein aus nur einem Stück zurechtgebogener Stuhl, dessen weiche Linien zum Namen S Chair führten. Als Material dienten miteinander verleimte Furnierschichten, die jedoch zu einem Stuhl von recht hohem Gewicht führten. Eigentlich schwebte Panton aber sowieso etwas anderes vor: ein freischwingender Stuhl aus einem einzigen Stück Kunststoff. 1967 wurde das Ergebnis seiner Bemühungen, mit denen er sich mindestens seit 1955 beschäftigt hatte, mit dem Panton Chair zur Marktreife gebracht.
9. Helmut Bätzner, Bofinger-Stuhl, 1964

Als Freischwinger war der Panton Chair revolutionär, doch allgemein nicht der erste Stuhl, der aus einem Stück Kunststoff angefertigt worden war. Hier gilt der Karlsruher Architekt Helmut Bätzner als Pionier, als er 1964 mit der Entwicklung eines Stuhls, der stabil, leicht (natürlich), witterungsbeständig und stapelbar sein sollte, begann. All das vereinte der Entwurf Bätzners aus glasfaserverstärktem Polyester, der nach der Herstellerfirma Bofinger-Stuhl genannt wurde. Für die Herstellung war lediglich ein einziger Pressgang vonnöten, wodurch der ersten Massenproduktion eines Plastikstuhls nichts mehr im Wege stand.
10. David Rowland, 40/4 Chair, 1964

Die temporäre Bestuhlung einer größeren Fläche kann zu verschiedenen Problemen führen. Eines davon ist gewiss die Aufbewahrung der dazu benötigten Stühle vor und nach deren Einsatz. Der amerikanische Industriedesigner David Rowland nahm sich dieses Problems an und stellte 1964 den 40/4 Chair vor. Der Name bezieht sich dabei auf den Umstand, dass 40 dieser Stühle mit Stahlrohrrahmen im gestapelten Zustand eine Höhe von nur 40 Fuß (120 cm) erreichen. Obwohl Rowland zunächst Probleme hatte, einen Hersteller zu finden, war dem effizienten 40/4 Chair nach seiner Veröffentlichung ein durchschlagender Erfolg beschieden.
11. Frank Gehry, Wiggle Side Chair, 1969-72

Wellpappe ist vielleicht nicht unbedingt das erste Material, an das man denkt, wenn man ein Möbelstück herstellen möchte. Architekt Frank Gehry tat 1969 jedoch genau das, als ihn das Umgebungsmodell zu einem der Gebäudeentwürfe zu der Möbelserie Easy Edges inspirierte. Das Ergebnis waren insgesamt 17 verschiedene Möbelstücke, darunter der Wiggle Side Chair, die aus in ihre jeweilige Form gebrachte, miteinander verleimte Steifen aus Wellpappe bestanden und sich als ausgesprochen stabil erwiesen.
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12. Henry Massonnet, Fauteuil 300 (Monobloc), 1972

Auf einem Stuhl dieser Art hat vermutlich jeder schon einmal gesessen oder hat ihn zumindest gesehen. Und mit jeder ist tatsächlich jeder gemeint, denn der weiße Plastikstuhl mit durchbrochen gearbeiteter, halbhoher Rückenlehne, die nahtlos in die Armlehnen übergeht, ist auf der ganzen Welt verbreitet und der meistverkaufte Stuhl aller Zeiten. Sein Ursprung ist im Jahr 1972 zu finden, als der französische Unternehmer und Designer Henry Massonnet sein Fauteuil 300, besser bekannt als Monobloc, vorstellte. Massonnet hatte damit einen Stuhl erschaffen, der überaus kostengünstig in der Herstellung (nur ein Stück Material und ein einzelner Arbeitsvorgang sind vonnöten), strapazierfähig, leicht und stapelbar war. Inspiriert hatten ihn sowohl der Bofinger-Stuhl, als auch Joseph Mathieus Stahlblechstühle aus den 1920er Jahren.










