Komplettlösungen waren für den Designer und Vorstand des Finnischen Designverbandes Ilmari Tapiovaara (1914-1999) kein Problem. Ziel seiner Bemühungen war es, bessere Lösungen für quasi alles zu finden, das gestaltet werden kann – bevorzugt allerdings für alltägliche Gebrauchsgegenstände. Als er beispielsweise mit der Innenausstattung der Finnair-Flugzeuge beauftragt wurde, interessierte er sich rein gar nicht für die Grafiken auf deren Außenseite. Das Angebot seines Büros umfasste neben Stühlen und Tischen auch Besteck, Stoffe, Lampen und Filmplakate und für den Großauftrag der Ausstattung des Hotel Marski im Jahr 1958 entwarf er jedes einzelne Möbelstück und achtete sogar darauf, dass die Uniformen der Kellner farblich dazu passten. Doch eigentlich waren es schon seine Stühle, die ihm am wichtigsten waren, denn seiner Auffassung nach, sind sie „der Schlüssel zum gesamten Innenraum“.

Heute sind es die Entwürfe aus den 1950er und 1960er Jahren, die am meisten geschätzt werden. Stühle wie Mademoiselle, Fanett und Crinolette sind die Favoriten auf dem Auktionsmarkt und sind in zahlreichen nordischen und amerikanischen Häusern anzutreffen. Tatsächlich sind die Stücke so attraktiv, dass der Möbelhersteller Artek die Produktion in den letzten zehn Jahren wieder aufgenommen hat.
Viele junge finnische Designer arbeiteten mit ihm zusammen – hier lernte unter anderem Åskboll-Erfinder Eero Aarnio sein Handwerk.
Dass Ilmari Tapiovaara nach seinem Studium zeitweilig unter dem Dach von Alvar Aalto landete, ist in vielerlei Hinsicht logisch. Natürlich blickte Tapiovaara zu Beginn seiner Karriere zu dem älteren Kollegen auf, und als er 1948 mit dem Studentenstuhl Domus seinen Durchbruch hatte, bestand dieser natürlich aus dem von Aalto bevorzugten gepressten Sperrholz. Tapiovaara fügte Biegungen und Rundungen hinzu, was das Sitzen auf den Möbeln noch komfortabler machte – sogar ergonomisch für die damalige Zeit. Auch war der Stuhl für ein kleineres Zuhause geeignet, wo er sowohl in der Küche, im Flur, im Wohnzimmer als auch im Schlafzimmer eingesetzt werden konnte. Dies entsprach dem Anspruch Tapiovaaras, den er in die Welt hinaustragen wollte.
Lesen Sie auch: Alvar Aalto: Der finnische König des Designs

Als das Museum of Modern Art in New York 1947–48 die Ausstellung Competition for Low-Cost Furniture ins Leben rief, die sich auf billigere Möbel konzentrierte, war Tapiovaara vertreten. Knoll entdeckte bei dieser Gelegenheit seinen Domus-Stuhl und brachte sie in den USA unter dem Namen Finnish Chair auf den Markt. Der Designer, der bis dahin mit zwei verschiedenen Unternehmen in Finnland verbunden war, beschloss, sein eigenes Designbüro zu gründen. Ab Beginn der 1950er Jahre war Tapiovaara für die nächsten dreißig Jahre ein Name, mit dem man rechnen musste. Viele junge finnische Designer arbeiteten mit ihm zusammen – hier lernte unter anderem der spätere Åskboll-Schöpfer Eero Aarnio das Handwerk. Die Schüler, die unter ihm an diversen Hochschulen lernten, waren sogar noch viel zahlreicher.
Lesen Sie auch: 10 Gründe, warum wir Vintage lieben!

In den 1950er Jahren war Tapiovaara außerdem Sprecher für den finnischen Handel und einer der ersten, der fest davon überzeugt war, dass es möglich sei, nordische Möbel im Ausland zu verkaufen. Das Ehepaar Tapiovaara, Ilmaris Frau Annikka war Innenarchitektin und arbeitete ebenfalls in der Firma, organisierte in Helsinki eine erste Ausstellung zum Thema Exporte. Anschließend tourten sie im Ausland. 1952 zog die Familie nach Chicago und Ilmari wurde Gastprofessor am Illinois Institute of Technology und stand dort mit Ludwig Mies van der Rohe in Verbindung.
Lesen Sie auch: Ludwig Mies van der Rohe: Von der Tradition zur Moderne

Tapiovaaras eigene Ausbildung hatte zwischen 1933 und 1937 am Institut für Industriedesign in Helsinki stattgefunden. Nach seinem Studium zog es ihn zunächst nach London und dann nach Paris, wo er ein Praktikum bei Le Corbusier absolvierte. Der Weg, den er ging, muss der richtige gewesen sein, denn zurück in Finnland wurde er im Alter von nur 24 Jahren künstlerischer Leiter bei einem der größten Unternehmen des Landes, Asko-Avonius.
Lesen Sie auch: 5 Dinge, die man über Le Corbusier wissen sollte
Dort wollte ma mit modernem Design die neue Mittelschicht erreichen und investierte daher in junge Talente. Doch war Tapiovaara in jener Zeit nicht viel Erfolg beschert, denn die Händler hielten seine Möbel für zu bahnbrechend und weigerten sich, sie zu verkaufen.
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs wurde Ilmari Tapiovaara bei der Armee Leiter einer Abteilung von 350 Mann, die Kasernen entwarf und baute. Mit Messern und Äxten wurden in Ostkarelien aus dem einzigen dort verfügbaren Material hergestellt, die finnische Birke.

Die Lehre aus Tapiovaaras erster Anstellung und seiner Zeit bei der Armee war, dass er von da an immer in jeden einzelnen Aspekt involviert sein wollte – von der Idee bis zum fertigen Produkt. In Zusammenarbeit mit Unternehmen im In- und Ausland wurden seine Möbel schließlich in alle Welt verkauft. Die meisten waren aus Holz für den häuslichen Bereich oder aus Stahl für Institutionen. Das schwedische Edsbyverken war beispielsweise eines der Unternehmen, mit denen er zusammenarbeitete und gleichsam stillvolle wie auch robuste und gut verarbeitete Möbel herstellte. Im Laufe der Jahre sammelte er bei der Mailänder Triennale so manche Goldmedaille ein.
Möchten Sie Artikel wie diesen direkt in Ihrem Posteingang entdecken? Dann melden Sie sich noch heute für unseren kostenlosen Newsletter an!

Das Interesse an den Designs von Ilmari Tapiovaara ist in letzter Zeit gestiegen. Seine Stühle Fanett und Mademoiselle sind in den Auktionshäusern beliebt. Von Crinolette, einem Stuhl mit recht ungemütlich gebogener Rückenlehne, wurden so wenige Exemplare hergestellt, dass Originale nur für viel Geld zu haben sind. Der Stuhl wird bei Artek mittlerweile jedoch wieder produziert. Auch seltenere Modelle wie die zierliche Chaiselongue Dolphin, die 1955 für Skanno entworfen wurde, und die Lampe Maija werden zu hohen Preisen angeboten.
Nachdem er 1971 mit dem Finnischen Staatspreis für Design ausgezeichnet worden war, wurde es allmählich ruhiger um ihn und seine Möbel rückten in den Hintergrund. Dabei sollte der Name Ilmari Tapiovaara in einem Atemzug mit Eames, Aalto und Saarinen genannt werden.









