Porzellanpuppen: Aus Spielzeugen werden Sammlerstücke

Früher waren sie der ganze Stolz kleiner Mädchen, heute sind sie ebendies für leidenschaftliche Sammler: Porzellanpuppen haben im Laufe des 20. Jahrhunderts einen echten Imagewandel durchlebt.

Porzellanpuppen: Aus Spielzeugen werden Sammlerstücke

Im zauberhaften Reich antiker Puppen, haben nicht alle Materialien den gleichen Wert. Einige Puppen, die früher kulturellen, imitierenden oder ganz einfach dekorativen Zwecken dienten, haben es geschafft, die Zeiten ohne eine einzige Falte zu überdauern. Dies trifft ganz besonders auf Puppen mit Porzellanköpfen zu, von deren Seltenheit und Charme sich heute vor allem Sammler verzaubern lassen.

Mädchen mit Puppe, Fotografie aus dem Jahr 1909
Mädchen mit Puppe, Fotografie aus dem Jahr 1909

Eine Puppe zeichnet sich vor allem durch ihre Imitation menschlicher Züge aus - ein Bedürfnis, das von unseren Vorfahren bereits während der Steinzeit mithilfe figürlicher Kultfiguren auslebten. Doch bereits aus der Jungsteinzeit sind aus Kindergräbern Figuren belegt, die als Spielzeug gedeutet werden.

Jahrtausendelang wurden Puppen aus natürlichen Materialien wie Holz, Wachs oder Ton hergestellt. Die Porzellanpuppe kam erst im 19. Jahrhundert in Westeuropa auf und machte in Deutschland, Frankreich und England schnelle Karriere.

Englische Holzpuppe im höfischen Kleid von 1747 | Abb.: Bonhams
Englische Holzpuppe im höfischen Kleid von 1747 | Abb.: Bonhams

In den ersten Jahrzehnten ihrer Existenz stellten Porzellanpuppen fast ausschließlich Frauen dar. Puppen, die Kinder oder Babys darstellen, waren äußerst selten und gewannen erst in den 1880er Jahren an Popularität. Die ersten Porzellanpuppen waren in zeitgenössische, manchmal äußert prachtvolle, Gewänder gehüllt. Damit folgten sie dem Trend der Modepüppchen aus Papiermaché oder Wachs aus den vorangegangenen Jahrzehnten, allerdings auf eine bisher nicht dagewesene elegante Art und Weise.

Das Geheimnis dahinter war das Material, aus dem sich die Puppenköpfe detailliert formen ließen und dessen Bemalung äußert fein war. Ergänzt wurde der realistische Effekt durch Mohairperücken, deren Frisuren ebenfalls zeitgenössische Trends aufgriffen. Nicht selten besaßen diese Puppen mehr als nur das, was sie "am Leibe" trugen. Die exklusivsten und teuersten unter ihnen besaßen eine ganze Ausstattung mit Kleidern und Accessoires. Keine Frage, dass es nur reichen Eltern möglich war, ihren Töchtern mit einer solchen Puppe eine Freude zu machen.

Diese Braut-Puppe reiste mit ihrer gesamten Aussteuer | Abb.: James D. Julia
Diese Braut-Puppe reiste mit ihrer gesamten Aussteuer | Abb.: James D. Julia

Im Laufe der Jahrzehnte wurde der Brennvorgang des Biskuitporzellans stetig verbessert. Zudem kamen Ende des 19. Jahrhunderts neue Materialien auf den Markt, wie das gummiähnliche Guttapercha oder Zelluloid.

Das Deutsche Reich besaß damals eine florierende Spielzeugindustrie, mit vielen kleineren Handwerksbetrieben, die sich auf die Herstellung von Porzellanpuppen spezialisiert hatten. Dominiert wurde dieser Markt jedoch von Armand Marseille, der eine Puppenfabrik in Coburg besaß und sich zum weltweit größten Hersteller von Puppenköpfen aus Biskuitporzellan entwickelte, dessen Erzeugnisse von vielen Puppenherstellern verwendet wurden.

Armand Marseille, Modell 390 Model | Abb.: Rubell's Antiques
Armand Marseille, Modell 390 Model | Abb.: Rubell's Antiques

Armand Marseille war 1856 in Sankt Petersburg als hugenottischer Eltern zur Welt gekommen. Als Armand vier Jahre alt war, siedelte die Familie nach Deutschland über, wo Armand 1884 seine erste Porzellanfabrik kaufte, aus der sich sein Puppenimperium entwickeln sollte. Zwischen 1900 und 1930 hatte sein Unternehmen etwa 400 verschiedene Modelle im Programm.

In Frankreich begann man sich um 1900 von den eleganten Pariser Modepuppen zu verabschieden und zu Puppen mit kindlicheren Zügen überzuwechseln. Diese Bébés waren in zeitgenössische Kindermode gekleidet und wurden von Firmen wie Jumeau, Steiner und Bru hergestellt.

Die französische Charakterpuppen waren äußerst fein gearbeitet | Abb.: Theriault's
Die französische Charakterpuppen waren äußerst fein gearbeitet | Abb.: Theriault's

Die französischen Hersteller waren wahre Meister darin, den Puppen ein individuelles Aussehen mit realistisch-ausdrucksstarken Gesichtern zu verleihen. Der kreativste unter ihnen war Emile Jumeau, der im Bereich der Puppenherstellung mehrer Patente anmeldete, z. B. 1885 für einen Schließmechanismus der Augen und 1886 für die Erfindung eines "unzerstörbaren" Materials, für das er mit mehreren Preisen geehrt wurde.

Doch um 1900 begann sich das Ende dieser Spielzeugära bereits abzuzeichnen. Derart luxuriöses Spielzeug kam immer mehr aus der Mode. Der letzte große Erfolg dieser Art war die Puppe Bleuette, deren Erwerb den Kunden bei Abschluss eines Jahresabonnements des französischen Kindermagazins La semaine de Suzette angeboten wurde. Die Puppe mit einem Kopf aus Biskuitporzellan wurde bis 1939 produziert und mehrere zehntausend Male verkauft.

Skizze der Puppe Bleuette | Abb.: Vintage Bleuettes
Skizze der Puppe Bleuette | Abb.: Vintage Bleuettes

Stattdessen übernahmen Babypuppen mehr und mehr den Markt, die Dank der Verwendung günstigerer Materialien wie Zelluloid, Filz und diversen Stoffen günstiger herzustellen und wesentlich widerstandsfähiger waren. Zu einer wahren Pionierin im Bereich der kindgerechten Puppe wurde Käthe Kruse. Weitere wichitge Hersteller waren Lenci und Kamkins.

Eine wunderbare Anlaufstelle für alle Freunde alter Puppen ist das Musée de la Poupée in Paris, in dem man sich rund 500 Puppen von 1800 bis heute anschauen kann, die nicht nur kulturhistorisch interessant sind, sondern auch eine wunderbare Dokumentation der verwendet Materialien darstellen. Plastik ist natürlich das jüngste Material, mit dem die Puppe endgültig zur Massenware wurde.

Die Puppe Modell 108 von Kämmer & Reinhardt wurde 2014 für 233.000 Euro versteigert | Abb.: Bonhams
Die Puppe Modell 108 von Kämmer & Reinhardt wurde 2014 für 233.000 Euro versteigert | Abb.: Bonhams

Natürlich haben auch Puppen aus Plastik ihre Anhänger, die größte Barbie Puppen-Sammlung der Welt, die sich in einer Privatwohnung in Düsseldorf befindet, umfasst rund 17.000 Exemplare. Weit mehr Nostalgie schwingt aber beim Sammeln von Porzellanpuppen mit, für die auf Auktionen auch gerne mehrere tausend Euro gezahlt werden. Die teuerste Puppe der Welt wechselte 2014 im britischen Auktionshaus Bonhams für 200.000 GBP (233.000 Euro) den Besitzer.

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