Am 22. Dezember 1793 befand sich Berlin in Aufruhr, als die beiden schönen Prinzessinnen zu Mecklenburg-Strelitz, Luise (1776-1810) und Frederike (1778-1841), feierlich Einzug hielten, um wenige Tage später Hochzeit zu feiern: Die Ältere, Luise, mit dem preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm und die erst 15-jährige Friederike mit dessen jüngeren Bruder Ludwig. Während die Ehe von Luise und Friedrich Wilhelm, der 1797 König wurde, eine glückliche wurde, war der von Friederike und Ludwig das genaue Gegenteil bestimmt.
Ludwig behandelte seine Gemahlin abweisend und war lieber mit seiner Mätresse zusammen, allerdings starb er bereits 1796. Friedrike blieb in Berlin in der Nähe ihrer geliebten Schwester Luise – bis es zum Skandal kam, denn 1798 war Friedrike schwanger. Von wem, ist nicht bekannt, allerdings deutete der schneidige Prinz Louis Ferdinand, ein Onkel des verstorbenen Ludwig, an, der Liebhaber Friederikes zu sein. Um ihre Ehre zu retten, heiratete Friedrike den nicht standesgemäßen Prinzen Friedrich Wilhelm zu Solms-Braunfels, von dem sie sich 1814 schließlich wieder scheiden lassen wollte. Auch das wäre damals ein Skandal gewesen, doch starb Friedrich Wilhelm an einem Schlaganfall, bevor es dazu kommen konnte. Kurz darauf verlobte sich Friederike mit Ernst August, Herzog von Cumberland, einem Sohn des englischen Königs Georg III. und der Charlotte zu Mecklenburg-Strelitz, einer Tante Friederikes, die sich jedoch weigerte, ihre skandalumwitterte Nichte an ihrem Hof zu empfangen. 1837 wurde Friederike für die letzten vier Jahre ihre Lebens schließlich Königin von Hannover, als Victoria den englischen Thron bestieg, die das als Frau im in Personalunion regierten Hannover jedoch nicht durfte, woraufhin Ernst August diese Ehre zuteil wurde.
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Doch zurück ins Berlin der 1790er Jahre, wo jedermann (abgesehen von Prinz Ludwig) ganz begeistert von den beiden neuen Prinzessinnen war – allen voran König Friedrich Wilhelm II., der dem schönen Geschlecht schon immer besonders zugetan war. Daher stimmte er auch gleich zu, als ihm sein Minister Friedrich Anton von Heynitz vorschlug, dass der Bildhauer Johann Gottfried Schadow, der soeben die Quadriga für das neue Brandenburger Tor entworfen hatte, Luise und Friedericke in zwei Büsten porträtieren sollte. Nach deren Fertigstellung erfolgte eine erweiterte Ausführung als lebensgroßes Doppelstandbild, das auch als Vorlage für kleine Figuren aus Biskuitporzellan der KPM Berlin dienen sollte. Die erste Version aus Gips war im September 1795 in der Akademieausstellung zu sehen, wo sie viel Beifall erhielt, hatte Schadow es doch geschafft, nicht nur die jugendliche Frische der beiden Prinzessinnen einzufangen, sondern in die Darstellung auch die klassisch-griechischen Ideale, die damals in Mode waren, einfließen zu lassen.
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Die Marmorversion wurde in der Akademieausstellung von 1797 gezeigt. Als König Friedrich Wilhelm II. jedoch noch vor Ende des Jahres starb, wurde mehr als deutlich, wie wenig sein Sohn und Nachfolger Friedrich Wilhelm III. von dem Standbild hielt, das die Körperformen seiner Gemahlin so mehr als deutlich nachzeichnete. Er ließ die Skulptur an unauffälliger Stelle im Berliner Stadtschloss platzieren, sodass sie für die nächsten 90 Jahre aus dem Blickfeld und dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwand. Erst im späten 19. Jahrhundert besann man sich ihrer wieder und heute wird die Marmorfassung der Prinzessinnengruppe in der Alten Nationalgalerie in Berlin ausgestellt.
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Das wohl markanteste Detail der Prinzessinnengruppe ist bei Luise zu finden: Die ausfällige Halsbinde, die ab dem späten 19. Jahrhundert, also als das Doppelporträt wieder in das Blickfeld der Öffentlichkeit geriet, praktisch bei keiner Luisen-Darstellung fehlen durfte, also zum Markenzeichen der verehrten preußischen Königin avancierte, die zu Lebzeiten jedoch auf nur wenigen Porträts damit abgebildet worden war. Über den Grund für die Halsbinde schrieb Schadow selbst, dass Luise bei den Sitzungen zu ihrem Porträt an einer Schwellung des Halses gelitten hätte, die jedoch später wieder verschwand. Weshalb dieses Detail , also die Halsbinde, dennoch für die finale Ausführung beibehalten wurde, wäre in dem Fall jedoch kaum nachvollziehbar, hätte der Künstler es doch einfach weglassen können. Vielleicht hatte Luise einfach einen damals bereits exitierenden Modetrend aufgegriffen, auch wenn es immer wieder heißt, sie hätte diesen mit der Prinzessinnengruppe überhaupt erst losgetreten.
Wie so manch anderes Kunstwerk gibt auch die Prinzessinnengruppe nicht alle ihre Geheimnisse preis, was diese bezaubernde Skulptur des deutschen Klassizismus nur noch faszinierender macht.




